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Jahrestag Amoklauf Winnenden: Keine Fotos der Tränen

Am 11. März jährt sich der Amoklauf von Winnenden zum ersten Mal. Die Stadt und die Albertville-Realschule wollen der Opfer gedenken - mit dem Bundespräsidenten, aber ohne Brimborium.

Von Mathias Rittgerott

In diesen drei Minuten wird Winnenden still stehen. Am 11. März, einem Donnerstag, läuten zwischen 9:33 und 9:35 Uhr die Glocken aller Kirchen der Stadt. Dann ist genau ein Jahr vergangen, seit Tim K. in der Albertville-Realschule und auf seiner anschließenden Flucht nach Wendlingen 15 Menschen erschoss.

Damals war die Kleinstadt tagelang belagert: erst von der Polizei, dann von den Medien. Kaum etwas ist in Winnenden geblieben, wie es war. Wer mag Feste feiern, wenn so viele Jugendliche aus der Mitte der Gesellschaft gerissen wurden? Die Stadt ist mit dem Makel "Amoklauf" behaftet.

Nun also der Jahrestag. Er droht, alle Bilder und Emotionen wieder hoch zu spülen. Nicht nur in der Gemeinde, sondern deutschlandweit. "Die Bilder von 2010 und von 2009 müssen sich unterscheiden", mahnt daher Thomas Weber. Er koordiniert die psychologische Nachsorge. Wer an den 11.3.2009 denkt, sieht Bilder schwerbewaffneter Polizisten und ungezählter Helfer, hat den Lärm der kreisenden Polizeihubschrauber im Ohr.

Sorgen vor Trittbrettfahrern

Das alles soll es am Jahrestag nicht geben. Die Polizei schickt keine Helikopter, obwohl Bundespräsident Horst Köhler eine Ansprache hält und geschützt werden muss. Beamte werden statt in Uniform in zivil Dienst tun. Sorgen bereiten der Polizei Trittbrettfahrer, die das Datum nutzen könnten. Deshalb werden die Schulen im Landkreis an diesem Tag besonders beobachtet.

Schule und Stadt wollen das Gedenken zum "wichtigen Meilenstein" für die Verarbeitung des Dramas" machen, sagt Rektorin Astrid Hahn. "Das Bewahren der Opfer in unseren Herzen" sei genauso wichtig wie "ein Ausblick in eine hoffentlich gute Zukunft". Die Winnender wollen ihr Gedenken nur zum Teil öffentlich werden lassen. Zunächst ziehen sich Schüler, Lehrer und Angehörige der Opfer in die Hermann-Schwab-Halle zurück. "Wir wollen nachdenken, trauern, Kraft schöpfen", so Hahn. Um 11 Uhr werden Platz und Straße vor der Albertville-Realschule zum Ort des Gedenkens. Bundespräsident Köhler und Baden-Württembergs Ministerpräsident Stefan Mappus werden sprechen, die Jugendmusikschule der Stadt wird spielen. "Nicht prunkvoll", solle die Feier sein, betont Hahn. Etwas Kleines, trotz großer Namen, trotz Liveübertragung durch den SWR.

Im Zentrum der Planungen stünden die Wünsche der Schüler. So erinnern 15 Gedenksteine an die Opfer. Ein "Weg aus Steinen" soll in die Zukunft führen. Anwesende können Botschaften und Gedanken auf den Steinen hinterlassen.

"Es gibt kein falsches Verhalten"

Der erste Jahrestag sei ein wichtiges Datum, um das Grauen zu verarbeiten, darin sind sich Hahn und Weber einig. Die Betroffenen bräuchten einen Schutzraum, weil sie erneut Ängste und Hoffnungen durchlebten. Sie dürften jedoch nicht durch unsensibles Nachfragen "Wie war das damals? in der Genesung zurückgeworfen werden. "Wir müssen in die Zukunft schauen können", sagt die Rektorin, "und hoffen, dass wir den Tag gut überstehen."

Manche Schüler, Lehrer oder Eltern bräuchten die Nähe anderer. Andere würden sich zurückziehen. "Alle Reaktionen sind richtig", sagte Weber. "Es gibt für die Trauernden kein falsches Verhalten." Die Rektorin und der Oberbürgermeister setzen darauf, dass die Gedanken an den Amoklauf nach dem Jahrestag langsam verblassen. Schüler, die das Verbrechen miterlebt haben, verlassen nach der 10. Klasse die Schule.

Die Schüler der Realschule tragen T-Shirts mit der Aufschrift "Ich habe einen Traum". Sie haben einen Songcontest und eine ökumenische Schulgemeinde ins Leben gerufen. Zudem sorgt ein Anbau an das Schulgebäude dafür, dass das Bild verschwindet, das sich von Fotos und Filmaufnahmen eingebrannt hat. Die Albertville-Realschule erhält ein neues Gesicht. Fast eine Million Euro werden allein in Sicherheitstechnik wie eine Lautsprecheranlage und elektrische Türschlösser investiert. Im Sommer 2011 sollen die Schüler in das neue alte Gebäude zurückkehren. Derzeit lernen sie in Provisorium aus Containern.

In den drei Klassenzimmern, in denen Tim K. Schüler und Lehrer ermordet hat, werden allerdings keine Schüler mehr unterrichtet - auch nach weiteren Jahrestagen nicht.