Jemen Achtjährige verlangt die Scheidung


Erstmals verlangt im Jemen eine Minderjährige die Scheidung von ihrem wesentlich älteren Ehemann. Weil er sie geschlagen und missbraucht haben soll, ist die achtjährige Nojood in Sanaa vor Gericht gezogen. Außerdem verklagt das Mädchen seinen Vater, weil er die Zwangsheirat eingefädelt hat.
Von Frauke Weber

Nojood Ali ist erst acht Jahre alt - und mit dem 22 Jahre älteren Faez Ali Thamer verheiratet. Jetzt verlangt sie die Scheidung. "Immer, wenn ich im Hof spielen wollte, hat er mich geschlagen und zu sich ins Schlafzimmer geholt", sagte das Mädchen der "Yemen Times". "Er war sehr streng zu mir und wenn ich ihn um Mitleid anflehte, schlug, ohrfeigte und missbrauchte er mich." Nojood habe zunächst ihre Eltern um Hilfe gebeten. Aber auch ihr Vater schlug sie und sagte ihr, dass er nichts für sie tun könne.

Keine Hilfe vom Gesetz

Vor zwei Wochen hatte Nojood endgültig genug, sie zog vor Gericht. Die Achtjährige klagt gegen ihren Mann, der sie über zwei Monate hinweg körperlich und sexuell missbraucht haben soll. Außerdem hat sie einen Prozess gegen ihren Vater angestrengt, der die Zwangsheirat veranlasst hatte. Allerdings wird sie vor Gericht einen guten Grund vorbringen müssen, der sie zur Scheidung berechtigt. Hilfe vom Gesetz kann die Achtjährige nicht erwarten. Zwar ist es auch im Jemen verboten, Kinder unter 15 Jahren zu verheiraten. Jedoch gibt es dort keine Instanz, die einen Verstoß bestraft. Das Parlamant in der Hauptstadt hat es gerade erst abgelehnt, sich mit einem entsprechenden Gesetz zu befassen.

In Muhammed Al-Qadhi fand Nojood einen einsichtigen Richter, der ihren Vater und ihren Ehemann zunächst in Gewahrsam nehmen ließ. Während der Vater aus gesundheitlichen Gründen wieder auf freiem Fuß ist, sitzt der Ehemann noch in Haft. Er zeigt jedoch keine Einsicht und will einer Scheidung nicht zustimmen. "Wie kann sie es wagen, sich über mich zu beschweren?", drohte er aus dem Gefängnis. Nach geltendem Recht im Jemen kann weder dem Vater noch dem Ehemann ein Verbrechen angelastet werden. Der Richter hielt sie nur in Gewahrsam, um das Kind zu schützen. Der Justizbeamte schickte Nojood zu ihrem Onkel, der sie in ihrem Vorhaben unterstützt. Mittlerweile hat das Mädchen Schutz in einem Waisenhaus gefunden.

Die Achtjährige wird es vor Gericht nicht leicht haben. "Sie ist keine Erwachsene. Somit ist die Entscheidung ihres Vormunds maßgeblich", sagt Shatha Muhammed Nasser, Anwältin des Obersten Gerichtshofs. Sie hat die Verteidigung des Mädchens übernommen. Die Anwältin appelliert an internationale Hilfsorganisation, Druck auf den Jemen auszüben, um solche Zwangsheiraten zu stoppen. Nujood hat noch eine jüngere Schwester, sechs Jahre alt. Ihr könnte das gleiche Schicksal drohen.

Dafür, dass Nujoods Geschichte überhaupt bekannt wurde, sorgte die Journalistin Hamed Thabet. Sie traf die Achtjährige am Gerichtsgebäude in Sanaa und war von dem Schicksal so beeindruckt, dass sie darüber in der "Yemen Times" berichtete.


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