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Jessica-Prozess: Dem Vater war alles "scheißegal"

Dem Vater des verhungerten Mädchens Jessica attestieren die Gutachter eine krankhafte seelische Störung. Bei der Mutter wurde dagegen die volle Schuldfähigkeit festgestellt.

Der Vater der verhungerten kleinen Jessica aus Hamburg hat nach einem Gerichtsgutachten eine krankhafte seelische Störung. Der 49-jährige Burkhard M. "scheint nicht sonderlich bedrückt vom Schicksal Jessicas gewesen zu sein", sagte der Direktor des Essener Instituts für Forensische Psychiatrie, Norbert Leygraf, vor dem Hamburger Landgericht.

"Emotional verarmt"

Der Angeklagte habe bei der Untersuchung gesagt: "Eigentlich war mir das alles scheißegal." Burkhard M. sei "nicht gefühlskalt, sondern emotional verarmt", so der Gutachter. Der Lebensgefährte hatte erklärt, er habe mit der Betreuung des Kindes nichts zu tun gehabt. Der Gutachter erklärte, es spreche einiges dafür, dass Burkhard M. "weder im Tatzeitraum noch in seiner Lebensgeschichte je unter einer schwerwiegenden psychiatrischen Erkrankung gelitten hat". Prägend für seine Persönlichkeit sei die Gefühlsarmut, zu der auch die jahrelange Trinkerei beigetragen habe.

Leygraf sagte, der Angeklagte habe bei der Untersuchung Wert auf die Feststellung gelegt, "dass nicht er sich von seiner Tochter, sondern seine Tochter sich von ihm abgewandt habe."

Die Mutter der verhungerten Jessica ist laut Gerichtsgutachter voll schuldfähig. Er könne aus seiner Untersuchung der 36-jährigen Marlies Sch. "keine seelische Abartigkeit ableiten", sagte Psychiatrie-Professor Hans-Ludwig Kröber am Montag vor dem Hamburger Landgericht. Die Angeklagte habe "nichts berichtet, was auf eine psychische Erkrankung hinweisen würde". Trotz ihrer "miserablen Kindheit" habe sie sich später als erwachsene Frau stabilisiert.

Vernachlässigung Jessicas eine Art Verteidigungsmaßnahme

"Ich glaube nicht an die Theorie vom großen Trauma", sagte Kröber. Die wegen Mordes durch Unterlassung und Misshandlung von Schutzbefohlenen angeklagte Mutter von Jessica sei in ihrer Kindheit selbst vernachlässigt und gedemütigt worden. Ihren Hass auf die eigene Mutter beschönige sie in keiner Weise. Als Kind habe es Marlies Sch. aber "insgesamt geschafft, in der Spur zu bleiben", erklärte der Gutachter. Trotz Schulwechsel habe sie ihren Hauptschulabschluss gemeistert.

Entscheidend dafür, dass Jessica im März verhungert war, seien wohl die Streitereien zwischen Marlies Sch. und ihrem Lebensgefährten gewesen, sagte Gutachter Kröber. Dieser soll sich kaum um das Kind gekümmert haben. Es scheine so, dass Marlies Sch. "irgendwann gesagt hat: Wieso eigentlich ich?", erklärte der Psychiater. Die Vernachlässigung Jessicas habe sie "als Verteidigungsmaßnahme verstanden"

Die Eltern von Jessica müssen sich seit Ende August vor Gericht verantworten. Das Mädchen war nach einem jahrelangen Martyrium in einem dunklen und kalten Zimmer gestorben. Im März war Jessica im Alter von sieben Jahren an Erbrochenem erstickt, sie wog nur noch 9,6 Kilogramm.

AP / AP