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Jessica-Prozess: Mutter bekennt sich mitschuldig

Vor dem Landgericht Hamburg läuft der Mordprozess gegen ein Elternpaar, das seine siebenjährige Tochter einsperrte und verhungern ließ. Nun hat die Mutter der verhungerten Jessica ausgesagt.

Im Mordprozess gegen die Eltern der qualvoll verhungerten Jessica hat die Mutter vor dem Hamburger Landgericht zugegeben, ihre Tochter vernachlässigt zu haben. Seit Ende 2000 habe sie nicht mehr mit Jessica draußen gespielt, sei trotz massiver Probleme des Kindes nicht zum Arzt gegangen und habe keine Erziehungsberatungsstelle aufgesucht. "Es war mir nicht möglich, ich habe es nicht geschafft", sagte die 36-jährige Marlies Sch. Die Anklage wirft Jessicas Mutter und ihrem Lebensgefährten vor, die gemeinsame Tochter durch böswillige Verletzung der Fürsorgepflicht umgebracht zu haben. Sie hatten Jessica jahrelang in der Wohnung eingesperrt und grob vernachlässigt. Seit dem Jahr 2001 habe sie Jessica immer wieder in ihrem Zimmer eingesperrt, etwa wenn sie zum Einkaufen ging oder zum Imbiss.

Zuletzt wurde das Mädchen ohne ausreichend Nahrung und Wasser in einem verdunkelten Zimmer wie in einem Gefängnis gehalten und starb vor etwa einem halben Jahr. Jessica hatte nach Aussage der Mutter nie allein essen können und musste immer gefüttert werden. Zwei Wochen vor seinem Tod habe das Kind dann "nicht mehr richtig gegessen, das Trinken hat sie total verweigert", sagte die 36-Jährige. Jessicas Mutter will sich nach Angaben ihres Verteidigers zu ihrer Schuld bekennen. Das Kind sei nie in einen Kindergarten gegangen, fuhr die Mutter in ihrer Aussage fort. "Weil es mit der Sprache immer schlimmer wurde, wollte ich sie auch nicht in der Schule anmelden", sagte sie. Laut Marlies Sch. sei nach einer Leberzirrhose des Vaters die Beziehung 2003 "ziemlich in die Krise" geraten. Danach habe Jessica ihr Aussehen und ihr Verhalten geändert. "Sie hat sich total zurückgezogen und wieder in die Hosen gemacht, aber richtig trocken war sie nie." Jessica lebte monatelang in einem Zimmer ohne Licht, die Fensterscheiben waren mit Folie zugeklebt, die Rahmen fest verschraubt. Die Kleidung war mit Kabelbindern festgezurrt, weil sich Jessica nach den Worten ihrer Mutter immer ausziehen wollte.

"Ende 2004 oder Anfang 2005 habe ich Jessica zuletzt lebend gesehen"

Der ebenfalls angeklagte Vater Jessicas sagt vor Gericht nicht aus. Der Vorsitzende Richter Gerhard Schaberg verlas das Protokoll einer polizeilichen Vernehmung. Damals sagte der 49 Jahre alte Angeklagte, er habe sich "seit Dezember 2004 um Jessica nicht weiter gekümmert". Sie habe ihn abgelehnt. "Ende 2004 oder Anfang 2005 habe ich sie zuletzt lebend gesehen". Das Kind habe auf seinem Bett im Kinderzimmer gelegen. Die Mutter habe auf seine Nachfrage erklärt, Jessica habe eine Grippe. Die Staatsanwaltschaft wirft dem 49-Jährigen vor, er habe zudem versucht, Jessica mit einer Stromfalle in ihrem verdunkelten Verlies zu töten. Nach Aussage seiner Lebensgefährtin fehlte die Abdeckung am Lichtschalter bereits vier bis fünf Wochen vor dem Tod des Kindes, an einen heraushängenden Draht unter Strom könne sie sie nicht erinnern. "Den Schalter hat Jessica kaputt gemacht", sagte die 36- Jährige. "Es fällt mir sehr schwer, das zu glauben", entgegnete ihr der Richter.

Der Verhandlungstag begann am Morgen mit Aussagen von Jessicas Mutter zur eigenen Kindheit. Ihren Vater habe sie nie kennen gelernt, die Mutter sei "immer betrunken" gewesen. Mitschüler hätten sie gehänselt und ihre Mutter als "Hure" beschimpft. "Besonders schlimm war, als der Onkel mich angefasst hat", sagte die 36-Jährige. Der Großonkel der Angeklagten und Lebensgefährte der Mutter habe sie erstmals "betatscht" als sie acht Jahre alt war. "Das ging dann zwei, drei Jahre so. Meine Mutter hat dabei zugesehen", schilderte die Frau mit tränenerstickter Stimme. Seit ihrem 13. Lebensjahr habe sie dann bei einer Tante gelebt. Eine Ausbildung als Friseurin habe sie wegen einer Allergie nicht abschließen können. Als sie 21 war, wurde ihr Sohn Andre geboren, den sie später zur Adoption freigab. "Die Schwangerschaft habe ich bis vier oder fünf Wochen vor der Geburt geheim gehalten. Ich ging erst sehr spät zum Arzt. Ich wollte nicht wissen, dass ich schwanger war." 1992 wurde der zweite Sohn Philipp geboren, 1994 die Tochter Jacqueline. Bei der Scheidung im Jahr 1996 habe sich der Vater der Kinder "das Sorgerecht erschlichen". Über Jessica sagte die 36-jährige Mutter, das Kind sei kein Wunschkind gewesen.

Das Jugendamt hatte damals in einem Schreiben an das Familiengericht festgestellt, die Mutter sei mit der Erziehung der Kinder überfordert. Das Gericht hat insgesamt zunächst zehn Verhandlungstage angesetzt, sechs Sachverständige und neun Zeugen sollen gehört werden.

DPA/AP / AP / DPA
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