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Jessicas Hungertod: "Wie Verstorbene aus KZs"

Für den qualvollen Hungertod der siebenjährigen Jessica drohen den Eltern nun 15 Jahre Haft. In das Entsetzen mischt sich Kritik an den Behörden, die das Grauen frühzeitig hätten erkennen können.

Eine Gerichtssprecherin sagte, die Eltern der siebenjährigen Jessica bleiben wegen Fluchtgefahr in Untersuchungshaft. Für den qualvollen Hungertod ihrer Tochter droht dem Paar wegen Totschlags bis zu 15 Jahre Haft.

Jessica war am Dienstagmorgen in der Wohnung ihrer Familie an Erbrochenem erstickt. Offenbar hatte sie über Monate kaum etwas zu essen bekommen. Dagegen war die Katze des Paares wohlgenährt. Nachbarn in dem Hochhaus im Stadtteil Jenfeld wollen das Kind nicht gekannt haben.

Jessica wog nur noch 9,5 Kilogrann

Das Kind durchlebte offenbar ein monatelanges grausames Martyrium. Nach Polizeiangaben waren die Fenster von Jessicas Zimmer mit schwarzer Folie verklebt, so dass das bei seinem Tod nur 9,5 Kilogramm leichte Kind offenbar im Dunkeln dahin vegetieren musste. Es habe in dem Raum nur ein Bett und einen Schrank, aber keinerlei Spielzeug gegeben.

"Es kann eigentlich nur noch vor sich hingedämmert haben, eigentlich überhaupt nicht mehr wach gewesen sein", sagte der Rechtsmediziner Michael Tsokos, der die Leiche obduzierte. "Es fanden sich teilweise Kopfhaare, die das Kind sich offensichtlich ausgerissen und gegessen hat." Jessica habe ausgesehen wie "Verstorbene aus KZs, genau dasselbe Bild".

Kritik am Verhalten der Behörden

In das Entsetzen über das verhungerte Mädchen mischt sich immer mehr Kritik am Verhalten der Behörden. Seit Sommer vergangenen Jahres war Jessica schulpflichtig gewesen, aber nie in der Schule erschienen. Die Grünen warfen der Schulbehörde vor, Verantwortung wegzuschieben, statt nach Aufklärung zu suchen. Bürgermeister Ole von Beust kündigte nach einem Telefonat mit Bildungssenatorin Alexandra Dinges-Dierig eine schnelle Prüfung der Vorgänge an.

"Wir müssen minutiös wissen, an welchem Punkt Fehler gemacht wurden", sagte Beust nach Angaben seines Sprechers Lutz Mohaupt. Das könne auch bedeuten, dass die Verfahren so geändert werden müssten, dass so etwas nicht wieder vorkommen könne. Erste Ergebnisse der Prüfung sollen am Montag in einer Staatsräte-Sondersitzung präsentiert werden. Ein Abbruch des Urlaubs der Bildungssenatorin, wie von der Opposition gefordert, sei aber nicht notwendig.

Eltern haben ein Wahrnehmungsproblem

Die 35 und 49 Jahre alten Eltern des Mädchens, die wegen des Verdachts des gemeinschaftlichen Totschlags durch Unterlassen in Untersuchungshaft sitzen, wiesen in der Vernehmung die Schuldvorwürfe zurück. "Sie sagten, sie hätten das Kind doch immer gepflegt und gefüttert", berichtete Polizeisprecher Ralf Meyer. Da gebe es offenbar ein Wahrnehmungsproblem. Beiden drohen lange Haftstrafen.

Auch gestandene Mordermittler waren den Angaben zufolge fassungslos über die Umstände von Jessicas Tod. Am Donnerstag sollten weitere Zeugen vernommen werden. Es werde untersucht, ob das Kind jemals die Wohnung verlassen habe, sagte Meyer. Zwar habe die Wohnung einen verwahrlosten Eindruck gemacht, aber das treffe auf die Eltern des Mädchens nicht zu. Auch Berichte, wonach die beiden Alkoholiker seien, konnte die Polizei nicht bestätigen.

AP/DPA / AP / DPA