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Jörg Kachelmann aus U-Haft entlassen: Frei, aber nicht freigesprochen

Jörg Kachelmann ist frei, weil bei zentralen Vorwürfen Aussage gegen Aussage steht. Bestehen Zweifel an den Aussagen des mutmaßlichen Opfers fort, könnte das auf den Ausgang des Prozesses hindeuten.

Von Nina Poelchau

Jetzt ist Jörg Kachelmann also frei - zumindest für die nächsten vier Wochen, bis zum Prozessauftakt am 6. September in Mannheim. Er ist frei - aber deshalb noch lange nicht frei gesprochen. Denn die Anklage bleibt bestehen: Vergewaltigung und gefährliche Körperverletzung.

Die Vorwürfe gegen Kachelmann wiegen nach wie vor schwer. Seine frühere Freundin, eine 36-jährige Radiomoderatorin aus der Kleinstadt Schwetzingen, hatte am 9. Februar frühmorgens bei der Polizei ausgesagt, der ARD-Wettermoderator habe nach einem Beziehungsstreit in der vorausgegangenen Nacht zu einem Tomatenmesser gegriffen, es ihr an den Hals gepresst, sie mit dem Tod bedroht und sie vergewaltigt. Sie ließ an der Uniklinik in Heidelberg Verletzungen am Hals und Hämatome an den Oberschenkeln dokumentieren. Polizei und Staatsanwaltschaft schätzten ihre Angaben als glaubwürdig ein. Kachelmann wurde am 20. März am Frankfurter Flughafen verhaftet. Seitdem saß er in U-Haft.

Die Entlassung Kachelmanns erfolgte nach einigem juristischen Hin und Her. Noch am 1. Juli ist auf die Haftbeschwerde, die Kachelmann-Anwalt Reinhard Birkenstock eingereicht hatte, vom Landgericht Mannheim festgestellt worden, es bestehe weiterhin dringender Tatverdacht. Kachelmanns Einlassung erscheine "im Hinblick auf das sich aus den Akten ergebende Bild seiner Persönlichkeit und der Persönlichkeit des mutmaßlichen Opfers sowie der Eigenart ihrer Beziehung als wenig plausibel." Also müsse er weiter sitzen.

Ein bizarres Liebesleben

Nun hat die übergeordnete Instanz, der 3. Strafsenat des Oberlandesgericht Karlsruhe jedoch festgestellt, dass kein dringender Tatverdacht mehr besteht, nur noch ein "hinreichender." Die Einschätzung ist keine Entscheidung auf der Grundlage neuer Fakten, sie hat eher den Charakter einer zweiten Meinung. Seit 1. Juli dürfte sich an der Faktenlage nicht viel geändert haben.

Schon damals war klar gewesen, dass Kachelmann ein ziemlich bizarres Liebesleben führte. Er hielt sich fünf Frauen parallel, mit denen er zum Teil sogar zusammen wohnte, die alle glaubten, seine einzige Lebensgefährtin zu sein. Zu seinem Liebesleben, zu der Persönlichkeit der Ex-Geliebten und ihrer Glaubwürdigkeit türmen sich seit Wochen mehr als ein Dutzend Gutachten, Aussageprotokolle und Einschätzungen bei der Staatsanwaltschaft.

Es ergeben sich daraus nicht nur Zweifel an der Integrität des Herrn Kachelmann. Sondern auch Zweifel daran, dass die Frau glaubwürdig ist - zumindest so glaubwürdig, dass ihre Aussagen juristisch Bestand haben. Ebenso gibt es Zweifel an den körperlichen Spuren. In einem rechtsmedizinischen Fachgutachten werden die Wunde am Hals und die Hämatome an den Schenkeln der Frau als "selbst beigebracht" eingestuft, in einem anderen Gutachten als sehr wahrscheinliche Spuren von fremder Gewalt.

Im Zweifel für den Angeklagten

Das Oberlandesgericht kommt deshalb zu dem Schluss, dass Aussage gegen Aussage stehe. Bestrafungs- und Falschbelastungsmotive könnten bei der Ex-Geliebten nicht ausgeschlossen werden. Hatte man bei Kachelmanns Festnahme am 20. März in Frankfurt auch noch "Fluchtgefahr" ins Feld geführt - Kachelmann ist Schweizer und hat ein Bleibrecht in Kanada - so ist dies in Anbetracht des jetzt nur noch "hinreichenden Tatverdachtes" nicht mehr relevant.

Für den Prozess im September bedeutet Kachelmanns Freilassung nicht, dass er freigesprochen wird. Sicher ist allerdings: Wenn Aussage gegen Aussage steht, wenn es an beiden Aussagen Zweifel gibt, dann ist es erfahrungsgemäß fast unmöglich, die Wahrheit zu ergründen. Dann wird wohl der Ursatz deutschen Rechtes greifen: Im Zweifel für den Angeklagten.