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Jörg Kachelmann in U-Haft: Gefangen im "Café Landes"

In der Justizvollzugsanstalt Mannheim sitzen zurzeit rund 800 Gefangene, darunter 170 Untersuchungshäftlinge. Einer von ihnen ist Jörg Kachelmann. Wie sieht es aus in der Welt, die von den Knackis auch "Café Landes" genannt wird?

Von Manuela Pfohl

"Café Landes", das klingt nach Bienenstich und Chantré zum Nachmittagskaffee auf einer launigen Terrasse im Grünen. Tatsächlich verbirgt sich hinter der angedeuteten Leichtigkeit ein ganz profaner Knast: die Justizvollzugsanstalt (JVA) Mannheim nämlich, 100 Jahre alt, mit rund 900 Plätzen größte Justizvollzugsanstalt in Baden Württemberg. Wer irgendwann den Begriff "Café Landes" prägte und warum, weiß heute keiner mehr. Aber vielleicht hilft er ja den Delinquenten, die hier eine mehr oder weniger lange Zeit verbringen müssen bei der mentalen Bewältigung ihrer Haft.

Man könnte Jörg Kachelmann, der seit einer Woche Gast im "Café Landes" ist, dazu befragen, wenn er denn etwas sagen dürfte. Aber der 51-Jährige, dem die Staatsanwaltschaft vorwirft, er habe eine Ex-Freundin vergewaltigt, darf nicht. Denn bei Untersuchungshäftlingen ist der Kontakt zur Außenwelt auf ein Minimum beschränkt. Telefonate dürfen nur mit richterlicher Genehmigung geführt werden, Besuche werden streng reglementiert und lediglich dann erlaubt, wenn die Staatsanwaltschaft oder ein Richter dem zustimmt. Hofgang ist täglich eine Stunde - und auch da wird penibel überwacht, wer mit wem was bespricht. Da gibt's auch keinen Promi-Bonus.

Exklusive Gästebetreuung

Dass die "Bild-Zeitung" dennoch detailliert über Kachelmanns vorläufige Bleibe Bescheid wusste und ihrer Leserschaft in der vergangenen Woche miteilte, dass der ARD-Wetterexperte von Anstaltsleiter Romeo Schüssler persönlich herzlich begrüßt und während eines Gespräches mit den Gegebenheiten seiner neuen Umgebung vertraut gemacht werden sollte, sorgte nicht nur bei den Mitgefangenen für Irritationen. Auch im baden-württembergischen Justizministerium wurde die Frage gestellt, ob die "Gästebetreuung" im "Café Landes" nicht vielleicht etwas zu weit geht. Seitdem darf der Anstaltsleiter keine öffentlichen Statements mehr zu seinem VIP-Gefangenen abgeben. "Sonst käme ich in Teufels Küche", sagt Schüssler.

Eine Blackbox ist die JVA dennoch nicht. Der Ruf des Baus geht weit über die Landesgrenzen hinaus, und er ist nicht der beste. "Hör bloß auf", sagt einer, der hier mal ein paar Monate saß. "Das ist eine ganz schlimme Butze. Ständig überbelegt, ruppiges Regime und in der Ausstattung hinterm Mond. Da wird man erst aggressiv." Ein Polizist, der immer mal wieder "Kundschaft" im "Café Landes" hat, sagt: "Ich kenne Knackis, die weigern sich, dort hinzugehen, weil die Haftbedingungen so beschissen sind." In übler Erinnerung ist vielen noch der "Mannheimer Knastskandal" der 1973/74 Schlagzeilen machte. Damals kam heraus, dass Bedienstete einen Häftling so lange misshandelt hatten, bis er starb.

"So einer kann sich warm anziehen"

Heute geht es in der JVA Mannheim gesitteter zu. "Natürlich gibt es in einer so großen Anstalt wie unserer auch mehr Reibereien als in einer kleinen", sagt Schüssler. Und natürlich gebe es auch manchmal Überbelegungen. Doch das sei normal. "Aber alles in allem haben wir hier moderne Haftbedingungen." Seit vier Jahren habe es zum Beispiel schon keinen Suizid mehr im Knast gegeben.

Zurzeit sind 800 Häftlinge im einstigen großherzoglichen Landesgefängnis untergebracht. Darunter rund 170 U-Häftlinge, die ebenso in einem eigenen Trakt untergebracht sind wie die aktuell zehn Sexualstraftäter, die in einer eigenen, vor zwei Jahren eingerichteten Abteilung betreut werden. "Weil es bei denen besondere Therapieansätze gibt und weil die oft von den anderen Gefangenen gemobbt werden", sagt Schüssler. "Klar", bestätigt der Ex-Knacki. "Wenn so einer auf der Stube ist, dann kann er sich warm anziehen. Solche Typen sind das allerletzte, und das zeigt man denen auch."

Fernsehen nur mit richterlicher Erlaubnis

Dass es in Mannheim, wie in anderen JVA´s auch, gezielte Rituale zur Demütigung von Sexualstraftätern geben soll, hält Anstaltsleiter Schüssler für ein Gerücht. Zwar gebe es immer wieder Fälle, in denen den Sexualstraftätern von anderen Gefangenen gedroht wird, man werde sie "fertigmachen". Auch "Psychospielchen" und Schläge würden immer mal wieder bekannt. "Aber da gehen wir hart gegen vor."

U-Häftlinge, die normalerweise nicht länger als sechs Monate zu Gast im "Café Landes" sind, bleiben von solchen Exzessen weitgehend verschont. Sie sind in Ein- oder Zweimannzellen untergebracht. "Und wir achten sehr darauf, in welcher psychischen Verfassung die Leute sind", sagt der JVA-Chef. Dazu gehört eine eingehende Untersuchung, das Gespräch mit Psychologen und, wenn gewünscht, auch die Betreuung durch einen Geistlichen. Wer will, kann sich sogar einen privaten Caterer kommen lassen, wenn ihm das Anstaltsessen nicht zusagt. Freizeitmöglichkeiten, wie sie die regulären Häftlinge nutzen dürfen, werden allerdings nur nach richterlicher Erlaubnis erteilt. Fernsehen in der Knastbibliothek beispielsweise. Aber der eine oder andere U-Häftling wird das auch gar nicht wollen, jetzt, wo die Nachrichten so schlecht sind.