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Jörg Kachelmann vor Gericht Startschuss für den Prozess des Jahres


Am Montag hat der Prozess gegen Jörg Kachelmann begonnen - und wurde gleich wieder vertagt. Ob Vergewaltigung oder falscher Vorwurf - schon zu Verhandlungsbeginn ist klar: Einen Gewinner wird es in diesem Fall nicht geben.
Von Malte Arnsperger

Er kommt in ihre Wohnung, und dann läuft alles schief. Dabei ist es doch so wie sonst in den elf Jahren zuvor: Sie wartet seit Stunden auf ihn, die Abendplanung steht, das Essen ist vorbereitet. Zum Geschlechtsverkehr kommt es auch in dieser Nacht vom 8. auf den 9. Februar 2010 zwischen Silvia May (Name geändert) und Jörg Kachelmann. Aber unter welchen Umständen: Hat der Wettermoderator die 37-Jährige mit einem Messer bedroht und vergewaltigt, oder war es einvernehmlicher Sex mit anschließender Trennung? Eigentlich dreht es sich nur um diese eine Frage, wenn am 6. September vor dem Landgericht Mannheim das Verfahren gegen Kachelmann beginnt. Doch dies ist kein gewöhnlicher Vergewaltigungsprozess, wenn es so etwas überhaupt gibt.

Da sind zum einen die Prominenz und die Persönlichkeit des mutmaßlichen Täters. Jörg Kachelmann, der stets etwas verstrubbelte Gute-Laune-Wettermann, den fast jeder Bundesbürger schon mal virtuell in seinem Wohnzimmer begrüßt hat. Harmlos, lustig, sonderbar wären wahrscheinlich die Attribute gewesen, die in Charakterisierungen der TV-Zuschauer am häufigsten über ihn gefallen wären. Dieser Mann, der optisch noch nicht einmal zu Schwiegermamas Liebling taugt, soll aber nicht nur ein grenzenlos egoistischer Frauenheld mit seltsamen Sexualvorlieben sein, der seinen vielen Affären das Blaue vom Himmel herunterlog, sondern auch ein brutaler Vergewaltiger.

Suche nach der Wahrheit

Dann ist da die Medienschlacht, die seit der Festnahme Kachelmanns tobt. Schon kurz nach diesem Ereignis am 20. März wurde bekannt - unter tätiger Mithilfe der Staatsanwaltschaft - ,wer da am Frankfurter Flughafen verhaftet wurde. Wenige Tage danach wird Kachelmann nach seiner Haftprüfung vor dem Gefängnis von einer Schar Journalisten erwartet, fotografiert und gefilmt. Ein äußerst seltener Vorgang, den die Justiz normalerweise mit allen Mitteln zu verhindern weiß, auch um eine Vorverurteilung des Beschuldigten zu vermeiden.

Doch das wird in der Folge nicht die einzige Indiskretion der beteiligten Parteien bleiben. Gutachten, Zeugenaussagen, Vernehmungsprotokolle. All das, was eigentlich bis zu einem Prozess topgeheim bleiben soll, landet bei den Medien und wird dort ausgebreitet und diskutiert. Vor allem die großen Magazine, darunter auch der stern, warten mit immer neuen Veröffentlichungen auf. Ein bizarrer Interpretationswettstreit entwickelt sich, der jedoch durchaus seinen Grund hat. Denn aus rein rechtlicher Sicht ist der Fall Kachelmann schwer zu bewerten und erregt deshalb die Aufmerksamkeit von Juristen in ganz Deutschland. So auch die von Claudia Burgsmüller, die bei vielen Sexualstraftaten die Opfer vertreten hat. "Natürlich schaue ich mit Spannung auf das Verfahren."

Nur zwei Personen wissen, was wirklich passiert ist

Für diese Spannung sorgt vor allem ein Umstand, der zu vielen Sexualstraftaten gehört: Nur zwei Personen wissen, was wirklich passiert ist. Das vermeintliche Opfer und der angebliche Täter. Und beide widersprechen sich meist diametral. So auch im Fall Kachelmann. Die Aussagen der Beteiligten scheinen beide Versionen der Geschehnisse an diesem Abend sowohl zu unterstützen als auch zu widerlegen. Und nicht nur das: Beide, sowohl Kachelmann als auch Silvia May, haben ein Motiv zu lügen, und beide haben in der Vergangenheit bereits bewiesen, dass sie - zumindest teilweise - bewusst die Unwahrheit sagen.

Die 37-jährige Radiomoderatorin aus Schwetzingen hat den Ermittlern zunächst erzählt, dass sie erst am 8. Februar durch eine Postsendung Wind von dem sprunghaften Liebensleben ihres Geliebten bekam. Dabei hatte sie schon seit Monaten Kontakt mit einer weiteren Affäre Kachelmanns, was sie in einer späteren Vernehmung auch einräumte. Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht? Die Richter werden diese Frage beantworten müssen. Denn natürlich kann Silvia May einen Grund haben, Kachelmann fälschlicherweise zu belasten. Schließlich hat sie nach ihrer ersten Begegnung mit dem Moderator vor elf Jahren ihr ganzes Leben auf ihn ausgerichtet und hat offenbar allen seinen Wünschen in vielerlei Hinsicht entsprochen. Dieses Kartenhaus fiel in sich zusammen, als Kachelmann an dem fraglichen Abend zugab, dass sie keineswegs die einzige Frau in seinem Leben ist.

Seit Jahren systematisch belogen

Kachelmann wiederum hat nicht nur selber zugegeben, dass er seine weiblichen Bekanntschaften seit Jahren systematisch belogen hat. Auch seine Aussagen zu der fraglichen Nacht musste er wohl korrigieren. Medienberichten zufolge hatte Kachelmann in einer ersten Vernehmung noch bestritten, in Mays Wohnung ein Messer angefasst zu haben, später will er das nicht mehr beschwören.

Der gebürtige Schweizer hat nicht nur ein Motiv zu lügen, um sich vor einer Strafe zu schützen. Er hätte ebenso eines für die Tat. Denn wie bei Silvia May stürzte auch bei ihm an diesem 8. Februar ein Kartenhaus ein. Jahrelang hatte er es fertig gebracht, mit ungeheurem Aufwand, durch ständigen SMS-, E-Mail und Chatverkehr und hanebüchenen Geschichten, seinen Harem zu koordinieren, ohne dass eine von den jeweils anderen erfuhr. Nun war ihm nicht nur eine der Frauen auf die Schliche gekommen, sie wollte sich sogar von ihm trennen. Eine brutale Kränkung für den eitel veranlagten Kachelmann. Hat er May deshalb missbraucht?

Lesen Sie auf der nächste Seite: Diverse Gutachter kommen beim gleichen Fall zu unterschiedlichen Ergebnissen - bohrende Fragen nach intimsten Details werden sich die Parteien gefallen lassen müssen

Kniffeliger Fall für das Gericht

"Die Staatsanwaltschaft muss den Beweis für die Tat alleine mit den Angaben der Zeugin führen", sagt Anwältin Burgsmüller. "Das Verfahren steht und fällt mit der Glaubhaftigkeit der Angaben der Zeugin." Hier spielt die Psychologin Luise Greuel eine entscheidende Rolle. Sie hat die Glaubhaftigkeit von Mays Aussage untersucht. In ihrem Gutachten versucht Greuel herauszufinden, ob die Berichte der Frau über die fragliche Nacht auf wahren Erlebnissen basieren.

Greuel hat Zweifel daran. Die Bremer Wissenschaftlerin macht vor allem stutzig, dass das vermeintliche Opfer die angebliche Vergewaltigung sehr statisch schildert. May kann sich an einige wichtige Details nicht erinnern. Aber Greuel schließt daraus nicht, dass May gelogen hat. Die Expertin muss es am Ende ihres Gutachtens offen lassen. Eine möglicherweise gute Nachricht für Jörg Kachelmann. Denn wenn die Richter letztlich auch an der gesamten Tat zweifeln, gilt der eherne Grundsatz: Im Zweifel für den Angeklagten.

Verschiedene Gutachter, verschiedene Schlüsse

Zudem gibt es erhebliche Unklarheiten darüber, wie die wirklich handfesten Beweise zu bewerten sind. Da wären etwa die Schnitt- und Druckspuren an Mays Körper. Verschiedene Gutachter haben sich damit beschäftigt, und sie kommen zu unterschiedlichen Schlüssen. Die Verletzungen könnten wirklich von einer Vergewaltigung stammen, die Frau könnte sie sich aber auch selber zugefügt haben. Auch die Blutspur an dem Messer ist wohl nicht eindeutig Silvia May zuzuordnen, ebenso muss eine DNA-Spur daran nicht unbedingt von Kachelmann stammen.

Die 5. Große Mannheimer Strafkammer hat also einen äußerst kniffligen Fall zu lösen. In dessen Bewertung waren sich die Gerichte bislang keineswegs einig. Die Mannheimer Richter hatten für Kachelmann monatelang Untersuchungshaft angeordnet, das Oberlandesgericht (OLG) in Karlsruhe hatte den Haftbefehl gegen den Meteorologen dann Ende Juli aufgehoben. Grund: Es bestehe "kein dringender Tatverdacht".

Anwältin Burgsmüller hofft im Hauptverfahren vor allem darauf, dass sich die Richter von klassischen Vorurteilen - "Frau hat sich zu aufreizend angezogen, war selber schuld" - frei machen, die ihrer Ansicht nach noch immer bestünden. "Außerdem identifizieren sich manche männliche Richter bei Vergewaltigungen in Beziehungen mit dem Täter, da sie selber befürchten, dass sie zu Unrecht von einer enttäuschten Partnerin angezeigt werden könnten." Dabei sind Falschanschuldigungen extrem selten: Nach Angaben des Bundesverbands der Frauenberatungsstellen (BFF) haben angebliche Opfer die Vergewaltigung in nur rund drei Prozent der Fälle erfunden.

Es ist so oder so alles schief gelaufen

Um dies auch im Fall Kachelmann auszuschließen, werden sich die Beteiligten bohrenden Fragen nach intimsten Details aus ihrem Sex- und Liebesleben gefallen lassen. Schließlich geht es für den Moderator beim Tatvorwurf der besonders schweren Vergewaltigung um eine Haftstrafe von mindestens fünf Jahren. Vor allem für das mutmaßliche Opfer wird die Verhandlung ziemlich sicher zur Tortur werden. Silvia May hat bereits gesagt, sie bereue, zur Polizei gegangen zu sein.

Es ist so oder so alles schief gelaufen in dieser Nacht.


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