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Joseph Kony: Im Namen des Heiligen Geistes

In Norduganda ließ Joseph Kony jahrelang Kinder entführen, sexuell versklaven und ihre eigene Verwandtschaft abschlachten. Dabei fühlte sich der Führer der "Lord's Resistance Army" einer höheren Macht verpflichtet. Noch heute begehen er und seine Jünger Verbrechen für ein Reich der eigenen Gebote.

Von Christian Parth

Es war Frühjahr in Holland, als eine Abordnung nordugandischer Rebellen im regnerischen Den Haag eintraf. Die kampferprobten Männer waren Anfang dieses Jahres gekommen, um mit Offiziellen des Internationalen Gerichtshofs (ICC) über Gerechtigkeit, Schuld und Sühne zu verhandeln. Sie wollten erreichen, dass ihr gepriesener Anführer Joseph Kony und seine höchsten Kommandeure nicht mehr als Kriegsverbrecher gesucht und der Haftbefehl gegen sie ausgesetzt werde. Die Gespräche liefen nicht sonderlich erfolgreich, denn beide Seiten gaben sich unnachgiebig. Und so reisten die Männer, die im Namen des Herrn unterwegs waren, zurück in ihr Lager im Kongo und überlieferten dem Gesalbten die unerfreuliche Botschaft.

Systematischer Mord an Zivilisten, Kindesentführung und Plünderung

Joseph Kony, durch den nach eigenen Aussagen immer wieder der Heilige Geist spricht, dürften die Neuigkeiten kaum überrascht haben. Das weltliche Strafgericht hat einiges gegen den spirituellen Führer der nordugandischen "Lord's Resistance Army" (LRA) zu Papier gebracht. Er soll sich schuldig gemacht haben: am systematischen Mord an Zivilisten, an Kindesentführungen und Plünderereien. Zudem wird ihm vorgeworfen, ein Regime der sexuellen Sklaverei zu führen und Kinder zu Soldaten zu drillen. Insgesamt 850 solcher Fälle seien dem Gerichtshof zwischen Juli 2002 und 2004 bekannt. Schätzungen zufolge soll Kony aber bereits mindestens 20.000 Kinder verschleppt haben. Im September 2005, einen Monat vor Entsiegelung der Haftbefehle, hat sich die LRA schließlich aus der Heimat zurückgezogen. Ihre Hauptbasis, sagt der ICC gegenüber stern.de, befinde sich nun in der Demokratischen Republik Kongo, nahe der Stadt Suke im westlichen Teil des Garamba Nationalparks. Dort wartet Kony. Und solange die Regierung Ugandas und der ICC keine befriedigende Einigung über seine Zukunft erzielen, führt der Rebell seine Schreckensherrschaft nun im Ausland fort.

Wer sich einmal umhört, wird feststellen, dass sich hierzulande kaum noch einer an den Bürgerkrieg in Uganda erinnern kann. Das liegt vielleicht auch daran, dass die blutigen Gewaltorgien in Somalia, Ruanda, Sudan, Äthiopien und der Elfenbeinküste das europäische Gedächtnis längst getrübt haben. Diese Konflikte in Afrika zu unterscheiden, geschweige denn einzuordnen, scheint für die meisten Bewohner des alten Kontinents gar nicht mehr möglich. Dabei liegt die Geschichte, um die es hier geht, noch gar nicht so lange zurück.

Geprägt von einer Voodoo-Priesterin

Noch bis vor einigen Jahren tobte im ostafrikanischen Uganda ein Kampf, der so bizarr wie brutal war. Hauptfigur ist der namentlich schon erwähnte Joseph Kony, geboren 1961 im nordugandischen Dorf Odek als Sohn armer Eltern. Schon früh wurde der Ministrant und Schulabbrecher von der Organisation seiner Tante geprägt. Die prominente Esoterikerin und Voodoo-Priesterin Alice Lakwena führte das "Holy Spirit Movement" gegen die Armeen der Regierung. Tausende ihrer Krieger bewaffnet nur mit Stöcken, Steinen und Speeren schickte sie in den sicheren Tod, indem sie ihnen versprach, dass die Wurfgeschosse beim Angriff wie Granaten explodieren. Nach herben Verlusten musste sie sich schließlich aus dem Staub machen und Neffe Joseph übernahm 1987 das Ruder der Rebellen, die er fortan LRA nannte. Der damals erst 26-Jährige führte das geistige Erbe seiner Tante fort.

Kony selbst hält sich für einen Erwählten. Der Heilige Geist habe sich ihm schon des Öfteren offenbart, regelmäßig fahre er in ihn und spreche durch ihn, sagt er. Aber auch andere Wesen nutzen Kony offenbar als Medium für ihre Botschaften. Der drahtige Führer mit den harschen Gesichtszügen weiß seine Position gekonnt in Szene zu setzen. Früher noch ließ er sich in einem T-Shirt mit der Aufschrift "Born to be wild" ablichten. Seit seiner spirituellen Heimsuchung tauscht er zu passendem Anlass Tarnuniform und Gewehr gegen ein leuchtend weißes Gewand und Rosenkranz. Vor den Kämpfen träufelt er geweihtes Wasser auf seine Krieger, spricht Gebete und sagt, dass nun niemand der Seinen mehr verletzt werden könne.

Kony ist ein christlicher Fundamentalist. Er strebt eine Staatsform an, die sich der traditionellen Magie verpflichtet, aber hauptsächlich auf den zehn Geboten der Bibel gründet. Eine elfte Regel will er von höchster Stelle als Ergänzung erfahren haben. Es lautet: "Du sollst kein Fahrrad fahren" und basiert wohl auf dem regionalen Brauch, Menschen auf Drahteseln zu bestrafen. Er wolle das Land von "Korruption, Sünde und unmoralischer Denkweise" befreien, sagt er. Er glaubt an die apokalyptische Ankunft der "Stillen Welt", in der alle modernen Waffen wirkungslos werden und nur die alttestamentarischen, geräuschlosen Mittel wie Speere und Steine auf dem Schlachtfeld obsiegen. Kony selbst indes hat sich in seiner Karriere als Rebellenführer nur selten an seine moralischen Vorgaben gehalten. Er hat geplündert, verschleppt und gemordet. Sein Gefolge rekrutierte er aus Kindern, die er nachts aus Dörfern entführte. Die geschlechtsreifen Mädchen schenkte er seinen Generälen, die sie sexuell versklavten und zu Gebärmaschinen degradierten. Den Jungen befahl er auf seinen Gewaltmärschen durch den Dschungel, ihre erschöpften Geschwister zu töten. Manchmal ließ er sie auch in ihre Dörfer zurückkehren und zwang sie, dort die eigene Verwandtschaft zu massakrieren und damit ihre vertraute Heimat auszulöschen. Vor zwei Jahren noch pilgerten tausende Kinder aus Angst vor Konys Männern jeden Abend vor Sonnenuntergang in die Provinzmetropole Gulu. "Sie suchten sich ein Platz unter freiem Himmel und schliefen dort", sagt Lioba Lenhart, Ethnologin an der Uni Köln, die seit mehreren Jahren am Institut für Frieden und strategische Studien in Gulu arbeitet. "Bei Morgengrauen gingen sie zurück in die Dörfer und kehrten abends wieder." Konys Armee besteht zu 85 Prozent aus Kindern zwischen elf und 15 Jahren.

Die Mädchen schenkte er seinen Generälen

Historisch betrachtet sind Konys Verbrechen eine Art Vergeltungsakt gegen den nordugandischen Stamm der Acholi, erklärt Lenhart. Die Acholi organisierten 1986 einen Aufstand gegen den Südugander - und heutigen Präsidenten - Yoweri Museveni, als dieser seinen damaligen Vorgänger Okello aus dem Amt putschte. Kony, selbst ein Acholi, unterstützte zunächst seine Leute, fühlte sich aber wenig später von ihnen verraten und zog sich auf sudanesisches Gebiet zurück, um von dort seine Attacken gegen seine neuen Feinde zu organisieren. Die Soldaten des Rebellenführers sind noch heute dafür berüchtigt, Regierungs-Kollaborateure auf brutale Weise zu verstümmeln. Sie schneiden ihnen Hände, Lippen oder Ohren ab. Die LRA will die Nachkommen der verhassten Acholi von ihren angeblichen Verbrechen reinigen. Von den Sünden ihrer Väter endgültig befreit seien aber nur jene, die in den Camps der LRA geboren werden.

Doch so sehr die Opfer der LRA auch nach Wiedergutmachung sinnen, so sehr zweifeln sie auch am Haftbefehl des ICC. Denn im Moment blockiere er eher die Aussöhnung zwischen der Regierung und der LRA, glaubt Lenhart. Die Rebellen würden nach Uganda zurückkehren, erklärt die Ethnologin. Aber sie akzeptierten einige Teile des bereits formulierten Friedensvertrages nicht. Die Auslieferung Konys und seiner höchsten Kommandeure an den Haager Gerichtshof gehört dabei zu den zentralen Gründen. "Natürlich müssen diese Menschen für ihre Gräueltaten zur Rechenschaft gezogen werden", sagt Lenhart. Eine übergeordnete, internationale Instanz sei deshalb auch grundsätzlich zu befürworten. "Aber vielleicht ist der ICC in seinem Wesen doch noch zu westlich geprägt, weil er keine Rücksicht auf die kulturellen Eigenarten der jeweiligen Bevölkerung nimmt."

Denn die meisten Acholi etwa wünschten sich zunächst eine Versöhnung, die den alten Bräuchen folgt und bei der Täter und Opfer sich von Angesicht zu Angesicht austauschen. Das "Mato Oput" ist eine traditionelle Zeremonie, die viele Phasen umfasst, einige Monate dauern kann und an deren Ende "das Trinken der bitteren Wurzel" steht. Anschließend ist die Harmonie wiederhergestellt und die Täter können in die Gesellschafft reintegriert werden. In westliche Ohren mag das nach Hokuspokus klingen, erklärt Lenhart. Aber für die Menschen in Norduganda sei das Ritual eben ein zentraler Schritt in Richtung Frieden, nach dem sich hier nach Jahren des Blutvergießens jeder sehnt. Kony an das Tribunal auszuliefern, sei für seine Opfer erst der zweite Schritt. Sogar die einflussreichen Führer von Christen und Muslimen im Land haben sich solidarisiert, unterstützen den Wunsch der Menschen und haben eine moderne Form des Brauchs erarbeitet.

Der Friedensprozess scheitert weiter an Kony

Doch der Friedensprozess steckt in einer Sackgasse. Denn solange Kony und seine Truppen aufgrund des internationalen Haftbefehls nicht in ihre Heimat zurückkehren können, werden sie weiter an ihren Zielen arbeiten. "Kony hat noch immer die volle Kontrolle über die LRA und begeht noch immer dieselben Verbrechen", heißt es aus dem Büro des Haager Chefanklägers. Allein in diesem Jahr habe Kony nach Informationen des ICC bis zu 300 weitere Zivilisten verschleppt. Sie verbreiten weiter Schrecken, im Namen des Heiligen Geistes.