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Jugendgericht Hamburg: "Sie haben ein Gewaltproblem"

Kappe abnehmen und Kaugummis ausspucken: Der Hamburger Jugendrichter Johann Krieten urteilt über genau die Täter, derentwegen sich deutsche Politiker in den Haaren liegen. Eine Reportage über junge Betrüger, uneinsichtige Schläger und einen Fußballtorwart.

Von Martin Knobbe und Charlotte Maihoff

Der Junge sagt, er mag Fußball. Er ist Torwart beim SC Condor und hat gute Chancen, bald in der Bundesliga zu spielen. Er sagt, er will noch etwas erreichen in seinem Leben. Shahin A. ist 16 Jahre alt, ein kleiner Junge mit schmalen Schultern. Er trägt einen grau-schwarz gestreiften Kapuzenpullover und Turnschuhe von Nike. Seine Stimme ist dünn, seine Worte sind kaum zu verstehen. Er blickt auf das helle Holz des Tisches vor ihm, als er erklärt, warum er einem Polizisten gegen das Schienbein getreten und gebrüllt hat: "Ich fick das dicke Schwein und dann fick ich deine Mutter und dann fick ich deine Familie tot."

Strafgericht Hamburg, Jugenddezernat, ein gewöhnlicher Verhandlungstag. Saal 267 ist ein Raum ohne Schmuck. Acht Neonröhren in zwei Reihen, eine ist defekt, seit längerem schon. Die Angeklagten sitzen auf braunen Polstern. Im Zuschauerraum sind die Stühle ohne Polster, sie sind für die Verwandten gedacht. Es ist nicht immer so, dass die Eltern mitkommen. Es ist eher selten. An diesem Verhandlungstag sitzt nur eine Mutter da, die von Shahin.

Er hatte etwas über 1,0 Promille im Blut

Es war auf dem Dom, dem Hamburger Jahrmarkt. Shahin hatte Bier getrunken und Ärger mit anderen Jungen gehabt. Als die Polizei kam, schlug er um sich. Er hatte etwas über 1,0 Promille im Blut. "Ich war betrunken. Ich kann mich nicht erinnern", sagt Shahin. "Mit einer Promille hat man keinen Filmriss. Ich glaube, Sie haben ein Gewaltproblem", sagt der Richter. "Er ist doch noch so klein, bitte helfen Sie ihm", schluchzt die Mutter. "Wenn Sie noch mal dazwischenreden, verhänge ich ein Ordnungsgeld", sagt der Richter.

Johann Krieten ist seit zwölf Jahren Jugendrichter. Er sagt, viele seiner Angeklagten hätten keine hohe Intelligenz. Er müsse sie deutlich ansprechen, damit sie ihn verstehen. Deshalb sind ihm Regeln wichtig. Kappe ab und Kaugummi raus. Wer mit offenem Mund gähnt oder mit den Fingern trommelt, wird ermahnt. Auch der, dem ein "fuck" rausrutscht. Der Richter braucht für einen Angeklagten manchmal einen Tag, manchmal schafft er in sieben Stunden zwölf Fälle. Heute sind es vier. Zwei Graffitisprüher, ein Demonstrant, der sich vermummt hat, Shahin und seine Freunde, zuerst aber sind zwei Autoknacker dran.

Die Sprache ist die Waffe des Richters

Saadat Ali H. sagt, er versteht die Welt nicht mehr. Es sei immer das gleiche. Er stehe irgendwo, neben ihm passiere etwas und er kriege den Ärger ab. "Wie heißt das? Mitgegangen, mitgefangen", fragt Saadat, er spricht nicht perfekt deutsch. "Sie haben den dritten Teil vergessen", sagt der Richter. "Mitgehangen." Die Sprache ist die Waffe des Richters. Es ist ein ungleicher Kampf. Die beiden Angeklagten sitzen mit gefalteten Händen vor ihm und scharren mit den Füßen. Der 21 Jahre alte Gökhan K. und der 18 Jahre alte Saadat Ali H. versuchen es mit einer Lüge. Sie sagen, sie hätten einen Mann getroffen, der ihnen ein Laptop verkaufen wollte, für 250 Euro. Eine Viertelstunde nach dem Kauf sei die Polizei gekommen und habe sie festgenommen.

"Das ist interessant. Wo ist denn das?", sagt Richter Krieten. "Ich renne auch immer durch St. Pauli und suche Leute, die mir auf der Straße einen gebrauchten Laptop verkaufen wollen. Ich finde nur nie jemanden." Die Jungen schweigen. Der Richter sieht sie lange an. Er kratzt sich an der Nase. "Sie sind doch nicht das erste Mal vor Gericht", sagt er. "Wollen Sie nicht langsam die Wahrheit erzählen?" Gökhan richtet sich auf, atmet tief durch und sagt: "Ja gut, ich war's." Dann erzählt er, wie er die Scheibe des Peugeots eingeschlagen, den Laptop und einen MP3-Player herausgenommen hat. Saadat sei daneben gestanden. "Sie haben zugesehen?", fragt der Richter. "Soll ich den Mond angucken?", fragt Saadat. "Also haben Sie zugesehen", sagt der Richter. "Also haben Sie mitgemacht."

Der Ruf nach härteren Strafen sei Unsinn

Es hat diesmal 17 Minuten bis zum Geständnis gedauert. "Sie waren beide etwas sperrig", sagt der Richter und verkündet das Urteil. Vier Wochen Jugendarrest für Gökhan, zehn Monate Jugendstrafe auf Bewährung für Saadat Ali. Er war schon mehrmals aufgefallen. Wie die meisten hier. Johann Krieten sagt, der Ruf nach härteren Strafen sei Unsinn. Die Strafen, die er verhängt, seien bereits hart. Wenn er einen Jugendlichen dazu verpflichtet, ein Anti-Aggressions-Training zu besuchen, wo man sich mit seiner Tat stundenlang auf dem "heißen Stuhl" auseinandersetzen muss, wo des öfteren Tränen flössen, dann sei das hart. Manchmal ist es auch das Geld, das am meisten schmerzt.

Die Verhandlung wegen des Verstoßes gegen das Vermummungsverbot dauert eine knappe halbe Stunde. Der Zivildienstleistende ist geständig. Er hat sich auf einer Demo gegen den G8-Gipfel einen Schal über Mund und Nase gebunden. Warum er das gemacht hat, weiß er selbst nicht mehr. Er soll 400 Euro für einen gemeinnützigen Zweck zahlen. Selbst die Staatsanwältin hatte weniger gefordert. Richter Krieten sagt, er sieht die präventive Wirkung. Wenn sich die hohe Strafe in der Szene herumspricht, werde das positive Folgen haben. Der Präventivgedanke ist bei der Strafzumessung für Jugendliche nicht vorgesehen. Deshalb hat Richter Krieten den 19-Jährigen nach Erwachsenenstrafrecht verurteilt. Ich erkenne hier keine Unreife, sagt er. Eine Seltenheit bei seinen Angeklagten.

Graffiti-Tags quer durch die Stadt

Der 21 Jahre alte Steve P. ist schon mehrmals da gewesen, zuletzt ist er im Juli verurteilt worden. Er hat in den vergangenen neun Jahren seine Graffiti-Tags an den Wänden der Stadt verteilt. DBA war sein Kürzel, drunken bombast art. Er sagt, er müsse eine Art Krampf im Gehirn gehabt haben, weil er nicht aufhören konnte zu sprühen. Doch nun werde alles besser. Er habe jetzt eine Freundin, er plane eine eigene Galerie, er mache seinen Hauptschulabschluss nach, in zwei Stunden müsse er zur Prüfung. Steve P. lächelt den Richter an. Der lächelt zurück. "Und warum haben Sie es nicht geschafft, im letzten halben Jahr ihre fünf Arbeitleistungen zu absolvieren?", fragt der Richter. "Ich wollte das klarmachen, aber da hat die Tussi von der Jugendgerichtshilfe ..." - "Sie haben nicht gerade Tussi gesagt, oder?" - "Nein." - "Ach so, ich dachte schon."

Richter Krieten verurteilt Steve P. zu zehn Tagen gemeinnützige Arbeit. Er muss die Kosten des Verfahrens tragen, was sehr selten vorkommt. Außerdem muss er für zwei Wochen in den Arrest. Er darf tagsüber in die Schule gehen, um seinen Abschluss zu machen. "Wir hatten Ihnen ein Angebot gemacht, sie haben es leider nicht angenommen", sagt der Richter. Steve P. sagt, dass er das gerecht findet, auch den Arrest. Er hat dort wenigstens einen eigenen Raum zum Lernen. Zuhause bei seiner Mutter hat er das nicht. Er schläft dort im Wohnzimmer auf der Couch.

Die meisten haben keinen Schulabschluss

Die Lebensläufe der Angeklagten gleichen sich. Die meisten kommen aus zerrütteten Familien, die Eltern drogenabhängig oder prügelnd und nur selten nicht geschieden. Der Anteil der Migrantenkinder liegt bei über 70 Prozent, die meisten Angeklagten haben keinen Schulabschluss. Der Vertreter der Jugendgerichtshilfe, der für jeden der Jugendlichen eine Stellungnahme abgibt, spricht von tiefen Krisen und Orientierungslosigkeit, von Reifeverzögerung und manchmal auch von "schädlichen Neigungen".

Doud lag am Boden, die junge Männer traten auf ihn ein, trafen Hinterkopf, Brust, Gesicht. Doud krümmte sich und schloss die Augen. Seine Freundin war zur Seite gesprungen und schrie. "Ey, chillt ma! Chillt ma!" Richter Krieten nimmt die Brille ab und reibt sich übers Gesicht, als ihm die 16-Jährige die Szene schildert. "Bitte, was haben Sie gesagt?" - "Ja, ich hab' denen gesagt, sie sollen mal chillen." - "Wie?" - "Chillen." Einer der Verteidiger erklärt: "Chillen bedeutet runterkommen, ruhig werden." - "Ach so." Einer der Schläger war Shahin, der kleine Torwart. Die anderen beiden sitzen links und rechts von ihm und sind jeweils doppelt so breit wie er. Ismail und Hasan haben ihre Halsketten zuhause gelassen und sitzen aufrecht am Tisch. Sie hoffen, das hilft.

Die Gangster ohne Geheimnisse.

Sie gehörten einer Gang an und kämpften gegen die Jungs aus Kirchdorf Süd, die sich KDS nannten. Sie selbst waren die GOG, Gangster ohne Geheimnisse. "Ach so, ich dachte das heißt Gangster ohne Gewalt", sagt der Richter und verzieht angestrengt das Gesicht. Die Jungen blicken ihn ratlos an.

Sie sagen, dem Opfer sei ja kaum etwas passiert, er spiele ja schon wieder Fußball mit ihnen. Sie hätten auch nicht so fest zugetreten, das sehe man doch an den Verletzungen. Sie könnten sich auch nicht mehr richtig erinnern, warum das alles passiert sei. Es sei ja schon vor einem Jahr gewesen. Sie würden es nie wieder tun. "Ich will mal Jura studieren", sagt Hasan, der 18-Jährige, und rückt seinen Stuhl zurecht, der unter seinem Gewicht ächzt. "Ja, oder Polizist werden." - "Da brauchen Sie aber zu allererst den Hauptschulabschluss."

Wenn Eltern und Schule versagen, landen die Jugendlichen beim Richter

Johann Krieten sagt, er kämpft am Ende einer langen Kette. "Das Kind ist längst in den Brunnen gefallen und der Brunnen ist sehr tief." Wenn es Eltern, Schule und Jugendamt nicht geschafft haben, dann landen die Jugendlichen bei ihm. Bei manchen sei die kriminelle Kreativität dann schon sehr ausgewachsen.

Ismail ist 17 Jahre alt. Er hat einen Überweisungsauftrag gefälscht und über 12.480 Euro auf ein Konto überwiesen. Zuvor soll er eine junge Frau erpresst haben, ihr Konto für den Betrug zur Verfügung zu stellen. Den Betrug gibt er zu. "Den Überweisungsauftrag hab ich gefunden, draußen, da war so ein Haufen Papier, da lag der drin. Da bin ich erst auf die Idee gekommen, ehrlich." Der Richter sagt, der versuchte Betrug sei offensichtlich, die Erpressung nicht. Das angebliche Opfer war wohl eher eine Komplizin, die Erpressung werde deshalb fallen gelassen.

Einsicht klingt anders

Die Angeklagten haben das letzte Wort. Ismail sagt, seit der Schlägerei und dem Betrug habe er nichts mehr angestellt. "ich mach gar nichts mehr." Hasan sagt, er bereue das, was er gemacht hat und er sei auf einem guten Weg. Er hoffe, dass er nicht im Jugendarrest lande. Shahin sagt, er wolle sich bei dem Polizisten entschuldigen, den er getreten und beleidigt hat. "Schreiben Sie ihm einen Brief", sagt der Richter. Shahins Mutter weint und sagt, ihr Junge sei ein guter Fußballer. Er müsse trainieren, er dürfe nicht ins Gefängnis. "Ich habe verstanden, was Sie gesagt haben", sagt Johann Krieten.

Ismail muss für vier Wochen in den Jugendarrest, Shahin für drei, Hasan für zwei. Alle drei müssen ins Anti-Aggressions-Training. "Wenn Sie da nicht hingehen, dann gibt's noch mal gesiebte Luft", sagt der Richter. Die Jugendlichen sind geschockt. "Scheiße", sagt Ismail vor dem Gerichtssaal. "Ey, ich war immer in der Schule jetzt, hab mich voll angestrengt seitdem. Das hätt' nicht gemusst." Hasan stapft wortlos nach draußen. Einsicht klingt anders.

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