Jugendkriminalität Das Problem mit der Statistik


Die Polizeistatistik spricht eine klare Sprache: Die Zahl der Fälle mit schwerer Körperverletzung steigt. Wer aber genauer hinguckt sieht, dass höchstens fünf Prozent aller Jugendlichen Probleme bereiten, und ein noch kleinerer Teil für den Großteil aller Straftaten verantwortlich ist.
Von Thomas Götemann

Angesichts der jugendlichen Schläger, die in München mehrere Leute zusammengeschlagen haben, überbietet sich die Politik wieder mit Vorschlägen, wie den jungen Tätern beizukommen sei. Vor allem die Union fordert die Verschärfung des Strafrechts. Deren Vertreter berufen sich dabei auf steigende Deliktzahlen, vor allem aber darauf, dass die Ausfälle immer brutaler würden. Zahlreiche Meldungen der letzten Zeit scheinen diesen Eindruck zu untermauern. Wie etwa die aktuelle Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS), die einen Anstieg der Fälle ausweist. Darüber hinaus auch die Steigerung von Delikten mit schwerer Körperverletzung.

Die Gewaltkriminalität sei weder quantitativ noch qualitativ angestiegen

Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Ein Bericht aus fünf Bundesländern für die Innenministerkonferenz (IMK) kommt zu anderen Ergebnissen: Die tatsächliche Gewaltkriminalität im Jugendbereich sei weder quantitativ noch qualitativ angestiegen. Vielmehr bewege sich die Zahl der tatsächlichen Delikte auf einem relativ konstanten Niveau, wie unter anderem so genannte Dunkelfeldstudien und Auswertungen von Statistiken aus der Versicherungswirtschaft ergeben haben.

Dunkelfeldstudien liefern zusätzliche Informationen zu den polizeilich erfassten, rein statistischen Daten. 2007 wurde beispielsweise in Hamburg eine solche Dunkelfeldstudie zum Thema Jugendgewalt vorgestellt - als Ergebnis einer repräsentativen, anonymisierten Befragung zu Opfererfahrungen von 2087 Schülerinnen und Schülern.

Forscher und Experten bemängeln daher, dass der bloße Blick auf die Zahlen der Polizeistatistik nicht als Diskussionsgrundlage dienen könne. So könnten höhere Fallzahlen etwa auch auf der gestiegenen Bereitschaft beruhen, Fälle bei der Polizei anzuzeigen und damit überhaupt erst aktenkundig zu machen, heißt es. Thomas Feltes, Kriminologe an der Ruhr Universität Bochum, sagte zu stern.de, dass sich das Anzeigeverhalten der Bevölkerung in den letzten Jahren verändert habe. "Es werden mehr Konflikte zur Polizei getragen."

Besonderes Augenmerk richten die Experten vor allem auf die so genannten Intensivstraftäter. Laut Statistik ist die zahlenmäßig kleine Gruppe für einen Großteil der Straftaten verantwortlich. In Hamburg gelten 95 Prozent aller Jugendlichen als unproblematisch und treten, wenn überhaupt, nur als Einmal-Straftäter auf. Die übrigen fünf Prozent der Intensivstraftäter aber bilden den problematischen Kern.

Die Gesellschaft ist rauer geworden

"Es spricht vieles dafür, dass das Klima in unserer Gesellschaft insgesamt rauer geworden ist und mehr Gewalt eingesetzt wird - allerdings nicht nur bei Jugendlichen, sondern vor allem bei Erwachsenen." Die Gründe dafür seien offenkundig: Mehr Konkurrenzdruck, weniger Chancen, vor allem bei jungen Menschen. "Die 'Ellbogenmentalität' wird in allen gesellschaftlichen Schichten nicht mehr geächtet, sondern ist Grundlage fast jeglichen Handelns - und wer sich anders verhält, wird belächelt oder als 'Gutmensch' verhöhnt", so Feltes. Der IMK-Bericht kommt zu dem Schluss, dass Jugendgewalt hauptsächlich soziale und schulische Ursachen habe und damit auch in diesen Bereichen zu lösen seien. Die Verschärfung des Strafrechts bliebe da wohl wirkungslos.


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