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Jugendkriminalität: Steckbriefe alltäglicher Gewalt

Sie schlagen oft aus purer Langeweile. Sie prügeln und treten nach. Und den meisten fehlt jedes Mitgefühl für ihre Opfer. Die ganz normale Jugendkriminalität - beschrieben am Beispiel von Hessens Metropole Wiesbaden.

Von Martin Knobbe

Die 15-jährige Gülan* ist erschienen, um von einer Auseinandersetzung zu berichten, deren Auslöser Lara gewesen sei, weil die "so blöd geguckt" hat. Sie habe deshalb mit Lara schimpfen müssen, sagt Gülan, zunächst von Angesicht zu Angesicht, später dann im Internet, auf MSN.de, wo man miteinander chatten kann. Ein Streit wie jeder andere sei es gewesen, und sie verstehe nicht, warum nun so ein Wind gemacht werde, nur wegen ein paar Zeilen im Chat. "Ich werde Dir beweisen, was es heißt, totgeschlagen zu werden. Ich liebe jeden, aber ich habe Mädchen abgestochen und zwei Mädchen Koma geschlagen ... Du bist so hässlich wie meine Arschhaare. Ich geb Dir nen Brett, du liegst, und zwei Bretter und du bist tot ... Wenn ich ausraste, dann ficke ich dein Leben. .... Muss ich immer mit Entjungferung drohen?"

Sie sitzt auf einem blau gepolsterten Stuhl, die Haare ordentlich gekämmt. Sie redet schnell, in jenem Slang, den so viele Migrantenkinder sprechen. Ihre Mutter wartet draußen, sie ist Iranerin und versteht kaum Deutsch. Der Blick des Mädchens wechselt hastig zwischen dem Foto eines Pferdekopfes an der Wand und den Augen der Polizistin. "Ey, das ist ganz normal, dass wir so streiten", sagt Gülan, "ehrlisch."

"Das ist kein normaler Streit"

Die Polizistin erzählt ihr die Geschichte des Opfers, sie berichtet von Lara und ihrer großen Angst. Dass sie sich tagelang nicht aus dem Haus gewagt hat nach dem Chat. Dass sie sich von ihrem Freund getrennt hat, nicht, weil sie ihn nicht mehr liebte, sondern weil Gülan auch ihm Prügel angedroht hatte und Lara diese verhindern wollte. "Das ist kein normaler Streit", sagt die Polizistin, "das ist eine Straftat, und darum bist du jetzt bei der Polizei."

Sie fragt, warum man einem gleichaltrigen Mädchen droht, es zu entjungfern, ob Gülan wisse, was sie da geschrieben habe, die Stimme der Polizistin ist laut geworden. Gülan sagt: "Ist alles geklärt, ehrlisch." Die Vernehmung dauert 20 Minuten. Am Ende bleiben ein ratloses Mädchen zurück, eine ratlose Mutter, eine ratlose Polizistin: "Ich glaube, du hast nicht verstanden, was ich meine."

Julia Muth wird den Satz öfter sagen in diesen Tagen, wenn sie bemerkt, dass ihre Botschaft nicht ankommt. Dass die Jugendlichen nicht begreifen, was sie anderen angetan haben, mit ihren Worten oder mit ihren Fäusten. Die Kriminaloberkommissarin ist 31 Jahre alt und eine von sechs Beamten der AG Jaguar in Wiesbaden, einer Sondereinheit der hessischen Polizei für jugendliche Straftäter. Vor 14 Jahren wurde die Abteilung gegründet, und noch heute gibt es Momente, in denen die Beamten nur ratlos sind.

Wiesbaden ist eine durchschnittliche deutsche Großstadt mit einer durchschnittlichen Kriminalitätslage, und nur selten gelangen hier die Taten krimineller Jugendlicher in die Schlagzeilen. Die Zahlen einiger Straftaten von Jugendlichen, wie etwa Diebstahl, sind rückläufig. Eine Entwicklung, wie sie für ganz Deutschland gilt. Die Hälfte der Delikte wird von fünf bis sieben Prozent der Täter verübt. In Wiesbaden gibt es knapp 50 sogenannte Mehrfachintensivtäter. Zwar ist wie überall auch hier in den vergangenen Jahren die Zahl an Körperverletzungen unter Jugendlichen gestiegen, Forscher aber sagen, solche Taten würden häufiger angezeigt als früher.

Brutalität und Kälte

Die Jugend sei besser als ihr Ruf, war daher die Botschaft des "Deutschen Präventionstages", der im Juni tagte, "immer mehr, immer schlimmer, immer hoffnungsloser", dafür gebe es keine Grundlage. Man hatte allerdings einen anderen Eindruck in den letzten Tagen gewonnen, und das lag an den stummen Sequenzen einer Überwachungskamera aus der Münchner U-Bahn. Zwei Jugendliche treten den Kopf eines am Boden liegenden Rentners wie einen Fußball beim Abschlag, weil der alte Mann sie aufgefordert hatte, in der U-Bahn nicht zu rauchen. Es war die Brutalität und Kälte, die sich offenbarte und das Land schockierte.

Für die Ermittler in Wiesbaden zeigten die Bilder aus München nur eine "qualitative Veränderung der Gewalt", die sie schon seit Längerem feststellen, in den leichten wie in den schweren Fällen. "Die Hemmschwelle sinkt", sagt Petra Bopp, die Leiterin der AG Jaguar. Es werde geprügelt, wenn das Opfer schon am Boden liegt. Es werde gegen den Kopf und die Genitalien getreten, was früher auch für den gröbsten Schläger ein Tabu war. Und sie sei immer wieder erstaunt darüber, sagt Petra Bopp, wie demütigend Jugendliche sein können.

Die Internetseite Knuddels.de hat mehr als drei Millionen Mitglieder, die sich in mehreren Hundert Chaträumen treffen, allein für Wiesbaden gibt es vier. Die heute 17-jährige Katharina chattete bei Knuddels, seitdem ihr Vater einen Internetanschluss eingerichtet hatte. Vier Wochen später lernte sie "Tommy2247" kennen, und sie war schnell verliebt in den Jungen, nicht nur in sein Foto. Er erzählte viel von seinem Hund und was er so macht den ganzen Tag und dass er Single sei. Irgendwann telefonierten sie, und danach schrieb er ihr, er liebe sie und würde sie gerne treffen.

Es war ein warmer Nachmittag im Juni. Tommy holte sie an der Bushaltestelle in Wiesbaden-Dotzheim ab, er hatte noch einen Freund dabei, Jungs machen das halt so, dachte Katharina. Sie gingen zu einem Streetballplatz, der am Rande eines kleinen Waldes lag. Aus dem Gebüsch kamen plötzlich zwei Mädchen und ein Junge, sie sagten, man kenne sich aus dem Chat. Eines der Mädchen sagte, sie sei Anna und die Freundin von Tommy. Dann holte sie unvermittelt aus.

Der erste Faustschlag streckte Katharina zu Boden, siebenmal prügelte Anna auf sie ein, bis ihre Augen blutunterlaufen waren. Einer der Jungen filmte mit dem Handy alles mit, die Schläge, die Wunden, die Angst in Katharinas Gesicht. "Ich kann mich nicht erinnern, was ich in diesem Moment gefühlt habe, ich glaube, gar nichts", sagt Katharina. "Ich habe mir nur eingeredet, du darfst nicht weinen, du darfst nicht weinen, sonst wird alles noch schlimmer."

Sie glaubte zu ersticken

Anna strich mit einem Messer über Katharinas Oberschenkel und pikte sie fest in die Haut. Tommy zog das rosafarbene Tuch um ihren Hals so stark zusammen, dass sie zu ersticken glaubte. Anna drückte ihr eine Schmerztablette in den Mund, es sei Ecstasy, sagte sie und zwang sie zu schlucken. Tommy hielt ihr ein zweites Messer ans Genick, die Klinge war 13 Zentimeter lang, "falls du die Polizei holst". Sie nahmen ihr Handy und Geld ab und ließen ihr nur etwas für später, für die Heimfahrt mit dem Bus. Sie rissen ihre Ketten und ihren Talisman ab, als Andenken, wie sie sagten. Dann schubsten sie Katharina in den Wald und sagten, sie wollten nun Pizza holen, sie dürfe sich einen Wunschbelag aussuchen. Salami, sagte Katharina, sie brachte keinen Bissen herunter. Während die anderen aßen, sahen sie sich das Video an. Sie freuten sich darüber, wie gut es gelungen war, sie sagten, sie wollten es auch anderen zeigen, sie lachten. Nach drei Stunden durfte Katharina gehen. Als sie im Bus saß, schrieb sie ihrer Mutter eine SMS, "bitte hol mich ab". Dann konnte sie endlich weinen.

Happy Slapping, "fröhliches Dreinschlagen", so hat man in Großbritannien das Filmen von Prügeleien mit dem Handy genannt. Auch in Deutschland hat fast jeder zweite Jugendliche auf seinem eigenen Telefon oder dem eines Freundes schon einmal ein Gewaltvideo angesehen. Die Hälfte dieser Jugendlichen ist sich sogar sicher, ein selbst gefilmtes gesehen zu haben. "Bei dieser Art von Gewalttaten", sagt der Trierer Soziologieprofessor Roland Eckert, "wird die Opferperspektive systematisch ausgeblendet." Es gehe den Tätern um die Inszenierung, technisch und dramaturgisch ausgefeilt. Das Opfer sei nur noch Objekt.

Der Austausch von Gewaltvideos ist für Pädagogen und Polizisten schwer zu kontrollieren, sie werden von Handy zu Handy übertragen, sind im Internet abrufbar. Gewaltforscher Eckert spricht von einer "anarchischen Verbreitung von Gewalttaten". Inszenierte Gewalt als Modell sei für die Jugendlichen ständig verfügbar. Die meisten Erwachsenen bekommen davon nichts mit. Laut einer Hamburger Studie haben 83 Prozent aller Eltern ihre Kinder noch nie gefragt, was sie alles auf dem Handy gespeichert haben.

Eltern als Risikofaktor

Der Kieler Psychologe Thomas Bliesener hat verschiedene Risikofaktoren für das Gewaltverhalten von Jugendlichen herausgearbeitet. Als den größten nennt er die Eltern. Viele wüssten nicht, wie sie mit ihrem Nachwuchs umgehen sollen, sagt er. "Wenn ich in unseren Untersuchungen sage, jetzt spielen Sie doch mal mit Ihrem Kind, dann haben sie keine Idee, was sie jetzt tun sollen." Ein Kind entwickle sich aber nur durch Interaktion mit den Eltern. Bleibt es sich selbst überlassen, verarmt es emotional. Auch unberechenbare Bindungen zu den Eltern, verursacht durch Alkohol, Drogen oder Prügel, hätten Auswirkungen auf die Regulierung der Emotionen. Wer aber nicht lernt, seine eigenen Gefühle wahrzunehmen, wird auch die emotionale Tragweite bei einem anderen Menschen nie erfassen. Fehlende Empathie, also die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen, ist die entscheidende Ursache für brutales Verhalten.

Die Kieler Forscher haben auch herausgefunden, dass Computerspiele und vor allem Filme, in denen Gewalt vorkommt, einen direkten Einfluss auf empathisches Verhalten haben. Sie hatten Studenten Fotos von leidenden Opfern gezeigt, kurz nachdem diese verschiedene Spiele und Filme konsumiert hatten. Die Messung von Hautwiderstand und Pulsfrequenz war eindeutig: Je blutrünstiger und authentischer die Gewaltszenen zuvor waren, desto geringer war die Empathie ausgebildet. "Wer viele Filme sieht, in denen Gewalt gerechtfertigt scheint, neigt auch in der Realität zu Gewalt als Konfliktlösung", sagt Psychologe Bliesener.

Suad, 15, ist heute mit einem blauen Auge zum Treffpunkt gekommen, Ärger im Wettbüro, es ging um Geld. Stefano, 17, darf nicht mehr die Straße überqueren, ein Platzverweis von der Polizei, er hatte eine Obdachlose mit einem Baseballschläger verprügelt. Und vor ein paar Tagen, da haben sie zu dritt einen älteren Mann aus dem Taxi gezogen und "so richtig gefickt, bis er am Boden lag", denn der Mann war zuvor im Bus "so blöd rumgestanden".

Sie sind ein bunter Haufen, Afghanen, Türken, Italiener und Albaner, und sie treffen sich jeden Nachmittag auf einer kleinen Lichtung hinter der Wohnsiedlung, aus der sie alle stammen. Dort steht eine verfallene Holzbank, ein alter Schuppen, dort sind sie ungestört. Dann packen sie ihre Waffen aus, Butterfly und Taschenmesser, Baseballschläger und Nothammer, die sie aus dem Bus gerissen haben. Sie erzählen sich, wer wieder wem eine verpasst hat und schwelgen in den Geschichten wie Veteranen, die vom Krieg erzählen. Wer es bis in den Knast geschafft hat, wie der 16-jährige Ibrahim, ein dicker Junge mit krummen Beinen, dem wird die Rolle des Helden zugebilligt, zumindest ein paar Tage lang. Gewalt bestimmt ihr Leben, weil es ja sonst nicht viel gibt. Nur Mert besucht die Realschule, alle anderen gehen "auf die Haupt", wenn sie überhaupt hingehen. Sie hören den Rap der Gangster von Aggro Berlin und fühlen sich auch so. In Wahrheit langweilen sie sich zu Tode.

Stammgäste bei der Polizei

In Wiesbaden gibt es mehrere Jugendbanden, sie nennen sich "New Kids on the Block", "Vatos Locos" oder "Erbenheimer Terrorgruppe II", und ihre Mitglieder sind ausnahmslos Migrantenkinder. Sie sind Stammgäste bei der Polizei und bei Gericht. Das Ableisten von Sozialstunden gehört bei ihnen zum Alltag wie für andere Kinder der Klavierunterricht. Am meisten Angst haben sie davor, dass ihre Eltern sie erwischen, nicht beim Prügeln, nicht beim Klauen, sondern beim Rauchen.

Heute überlegen sie, was sie am Wochenende machen. Sie könnten Gullydeckel ausheben, sagt Erkan, so haben es die Älteren mal gemacht, die von der "Erbenheimer Terrorgruppe I". Da seien sogar die Polizeiautos stecken geblieben. Sie könnten nach Hochheim fahren zum Rummel, mal sehen, wen man abziehen kann. Sie könnten Steine auf die Busse werfen oder bei der Polizei anrufen und wegrennen. Suad sagt, am liebsten würde er eigentlich Billard spielen und dann einen Döner essen. Also gehen sie Billard spielen.

Ob jemand gewalttätig ist, hängt auch mit seiner Bildung zusammen, darauf weist der Hannoveraner Kriminologe Christian Pfeiffer immer wieder hin. Je höher der Anteil ausländischer Kinder an der Zahl der Gymnasiasten sei, desto niedriger sei ihr Anteil an der Zahl sogenannter Intensivtäter. Weil Migrantenfamilien im Durchschnitt viermal häufiger der bildungsfernen und armutsnahen Schicht angehören als deutsche, schlagen ihre Kinder entsprechend häufiger zu.

Thomas Bliesener, der Gewaltforscher aus Kiel, hat beobachtet, dass jugendliche Ausländer ihre soziale Benachteiligung auch kultivieren. "Sie pflegen das Image als Loser der Gesellschaft, nutzen es als Rechtfertigung für Gewalt: Uns bleibt ja nichts anderes übrig, wir haben keine andere Chance, wir müssen so sein." Es sei auch ein sprachliches Problem, sagt Bliesener. "Wer sich nicht ausdrücken kann oder sich in der verbalen Auseinandersetzung unterlegen fühlt, benutzt lieber die Faust."

Singen als Therapie

Der 21 Jahre alte Thomas aus Rüsselsheim, Vater einer zweijährigen Tochter, steht auf der kleinen Bühne eines dämmrigen Kellers und singt zusammen mit vier anderen Jugendlichen ein Volkslied aus dem 19. Jahrhundert. "Heho, spann den Wagen an, seht, der Wind treibt Regen übers Land. Holt die goldnen Garben, holt die goldnen Garben!" Der Trainer sagt, er solle die Hand aus der Hosentasche nehmen.

Das Anti-Aggressions-Training in der Mainzer Innenstadt ist Teil einer Bewährungsstrafe. Thomas war mit einer Schere auf seine Freundin losgegangen, hatte sie verletzt und gebrüllt, er bringe sie um. Die Freundin, von ihm im neunten Monat schwanger, hatte Crack in seinen Sachen gefunden und es weggeworfen, zweieinhalbtausend Euro dahin, da ist er ausgerastet, wie immer.

Es hatte gut begonnen, vor zehn Jahren, er hatte den Übergang ins Gymnasium geschafft, doch dann hatte er keine Lust mehr auf Schule, er traf sich lieber mit Freunden, sie gingen zu McDonald's frühstücken und rauchten danach ein paar Joints. Aus dem Gymnasium wurde die Realschule, daraus die Gesamtschule, schließlich die Hauptschule, er schaffte den Abschluss mit 4,5. Mit der Lehre zum Elektrotechniker ging es auch nicht gut, er kam meist zu spät, oft gar nicht, und selten konnte er sich auf die Arbeit konzentrieren.

Hart: Über Gefühle reden

Dass er sich nicht in den Griff bekommt, dass er keinen klaren Kopf bewahren kann, das sei auch heute noch sein Problem, sagt Thomas. Er hat schon viele verprügelt und gewürgt, weil sie ihm Geld schuldeten, weil sie seine Familie beleidigten, weil sie einfach nur am falschen Platz standen. Zehn Minuten nach dem Gesang sitzt Thomas auf einem Stuhl, umringt von den anderen Jungs und fünf Trainern, zwei Pädagogen, einem Rechtsanwalt, zwei ehemaligen Schlägern, die es geschafft haben, gewaltfrei zu leben. Jeder der jungen Teilnehmer muss mal auf den "heißen Stuhl".

Es wird laut in den nächsten 90 Minuten. Was für eine Heldentat. Eine schwangere Frau schlagen. Was ist denn das? Hast du Angst vor Frauen? Was erwartest du von einer Frau? Warum grinst du so arrogant? Du sollst mich anschauen, wenn ich mit dir rede! Warum erzählst du eigentlich dauernd von deinem Vater? Thomas versucht ruhig zu bleiben, wenn er antwortet. Die Trainer fassen ihn an, bedrängen ihn, er mag es nicht, man sieht es ihm an. Am Ende hat er einen roten Kopf, er ist kurz davor, seinen Stuhl an die Wand zu werfen, die Einheit wird abgebrochen. Er sagt, er finde das alles scheiße, man könne ihn mal, seine Ansichten zählten wohl gar nichts.

Eine Woche später erzählt Thomas, er habe in der Nacht nach dem Training nicht geschlafen. Er habe viel nachdenken müssen, über sich, seine Gefühle und sein Leben. Er will das nächste Mal darum bitten, den "heißen Stuhl" zu wiederholen. Er habe verstanden, dass ihm die Trainer nichts Böses wollten, sondern ihm helfen. Er denke, er könne es schaffen.

Die Methode ist eine der erfolgreichsten im Umgang mit notorischen Gewalttätern. Nur ein Drittel der Jugendlichen, die das Mainzer Training absolvieren, wird danach rückfällig. Absolvieren Jugendliche kein Training, ist die Quote doppelt so hoch. Im Training werde mit seinen Gefühlen gearbeitet, sagt Thomas. Im Jugendarrest, wo er auch schon vier Wochen saß, habe sich der Frust nur noch gesteigert. "Du kannst dich nicht bewegen, du tust nichts, du wirst nur noch wütender." Auch die U-Haft im Wiesbadener Jugendgefängnis hat aus Thomas keinen friedliebenden Jungen gemacht. Die Staatsanwaltschaft hat ein neues Ermittlungsverfahren eingeleitet. Er soll mit anderen einen Mithäftling zum Schein hingerichtet haben. Das Opfer habe vor Todesangst geschrien.

"Die Hoffnung, dass ein Täter im Gefängnis irgendwie zur Besinnung kommt, ist trügerisch", sagt der Kieler Psychologe Bliesener. Längere Haftstrafen würden weder den Tätern noch den Opfern, noch der öffentlichen Sicherheit dienen. Er sagt, Jugendliche müssten die Konsequenzen ihres Handelns spüren, klar und schnell, und dann müsse mit ihnen gearbeitet werden. Die Verantwortung bei Gericht, Staatsanwaltschaft und Polizei müsse gebündelt werden. Für einen jugendlichen Straftäter solle nur ein Sachbearbeiter zuständig sein. Bei der AG Jaguar, der Sondereinheit in Wiesbaden, ist das längst der Fall. Über ihre notorischen Straftäter erfahren die Polizisten jeden Fehltritt, selbst wenn sie nur einen Kaugummi gestohlen haben. Die Richter müssten nahe an der Tat verurteilen, Wartezeiten von über einem Jahr, wie sie auch in Wiesbaden vorkommen, seien viel zu lang.

Das Wichtigste aber sei, sagt Bliesener, dass Kinder und Jugendliche lernten, ihre Gefühle zu verbalisieren. "Empathie ist der größte Hemmfaktor gegen Gewalt." Und weil es viele Eltern nicht schaffen, ihren Kindern Empathie zu vermitteln, müssten das notfalls andere übernehmen. Am besten schon im Kindergarten. Denn eines belegen die Kriminalstatistiken auch: Das durchschnittliche Einstiegsalter in die kriminelle Karriere eines Intensivtäters sinkt von Jahr zu Jahr.

Eigentlich nicht verwunderlich

Dennis ist zur Vernehmung erschienen, er hat einem Jungen aus seiner Schule in den Bauch getreten. Sein bester Freund wollte von dem Jungen 1,30 Euro haben, und Dennis hat ihm dabei geholfen. Es war nicht das erste Mal, dass sich Dennis mit anderen geprügelt hat. Er trägt einen blauen Kapuzenpulli und hat leicht abstehende Ohren. Er lächelt verhalten und sagt, dass er so etwas nie wieder tun wolle.

Dennis Mutter ist mitgekommen und sie sagt, dass es eigentlich nicht verwunderlich sei, was Dennis da getan habe. Bei den Männern, die er schon erlebt hat. Sein Vater ein Alkoholiker, er verschwand sehr früh. Ihr jetziger Freund sei eben aus dem Knast gekommen, auch nicht gerade ein Vorbild. Der schlimmste aber sei der Mann dazwischen gewesen. Er habe ihre Tochter missbraucht, als sie 16 war. Sie habe das einfach nicht mitbekommen, sagt die Mutter und muss weinen.

Kurz nachdem sie es erfahren hatte, versuchte sie sich umzubringen, mit 80 Schlaftabletten. Drei Tage lag sie in der Wohnung, der damalige Freund habe sie einfach liegen gelassen. Erst als Dennis sie entdeckte und heimlich die Nachbarin informierte, kam der Notarzt. Zwei Tage später verprügelte der Freund den Jungen, als Strafe dafür, dass er Hilfe geholt hatte. Er schlug so fest zu, dass die Lippe platzte.

Dennis wird fotografiert, er muss das Schild der AG Jaguar mit einer Nummer in die Kamera halten. Er ist nun als Gewalttäter registriert. Bestraft wird er nicht. Er ist ja erst zehn.

*Alle Namen der Kinder und Jugendlichen von der Redaktion geändert

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