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Jugendrichter: "Kappe ab, Kaugummi raus"

Ein Hamburger Jugendrichter über seinen Umgang mit coolen Jung-Machos, über wirkungsvolle Strafen, geschlossene Heime und eine verlogene Politik.

Herr Krieten, haben Sie manchmal Angeklagte vor sich, bei denen Sie sagen: Nichts mehr zu machen?

Dort liegt eine Akte, das könnte ein solcher Fall werden. Ein junger Mensch, der vermutlich nicht zu sozialisieren ist. Der Vater verstorben, die Mutter alkoholkrank, der Rest der Familie in Ex-Jugoslawien. Er hat die Schule nicht besucht und war schon überall: Pflegefamilie, Heim, Wohngruppe, Kinder- und Jugendnotdienst. Er war mehrfach in Haft und wurde wieder straffällig. Er ist jetzt 18 Jahre alt und beschäftigt die Justiz seit seinem zehnten Lebensjahr.

Genau wegen solcher Fälle werden jetzt schärfere Strafen für Jugendliche gefordert.

Was wir im Augenblick von Politikern hören, empfinde ich als hochgradig unanständig. Die Bevölkerung wird getäuscht. Das, was an Lösungen angeboten wird, beseitigt ja kein einziges Problem. Wer zum Beispiel die Verlängerung der Höchststrafe auf 15 Jahre fordert, hat keine Ahnung von der Realität: Ein Täter überlegt doch vorher nicht: Lohnt sich das jetzt? Na ja, 10 Jahre kann ich ja absitzen, aber 15 Jahre sind mir zu viel.

Fest steht, dass die Gewalt unter Jugendlichen zunimmt.

Eindeutig. Man muss einfach zur Kenntnis nehmen, dass die Gewaltdelikte angestiegen sind und nicht nur vermehrt angezeigt werden. Das ist auch meine Erfahrung aus den Verhandlungen, in denen ich Berichte von Schulleitern und Polizeibeamten höre. Besonders die Mädchen haben aufgeholt und sich regelrecht "emanzipiert".

Wie sieht diese "Emanzipation" aus?

Ein Mädchen schlägt einem anderen im Bus aus nichtigem Anlass eine Flasche auf den Kopf. Mehrere Mädchen spucken in einen Mülleimer und lassen ein anderes Mädchen das auslecken. Sie ritzen ihr mit einem Ring "fuck me" auf den Bauch. Mädchen sind da fantasievoll, sie erniedrigen noch mehr. Männliche Beschuldigte sind etwas dumpfer in ihrer Gewalt. Sie benutzen dafür immer häufiger Messer, und wenn man sie danach fragt, sagen sie: Was soll ich denn machen, ich fühle mich sonst nicht sicher.

Was machen Sie mit so einem Gewalttäter?

Ich hole erst einmal alle Information ein: Ist er schon als Kind aufgefallen? Wie sind die familiären Verhältnisse? Gibt es Informationen aus der Schule, gab es Gespräche mit den Eltern? In der Verhandlung lasse ich dann das Opfer erzählen. Wie es die Tat erlebt und wie sie sein Leben verändert hat. Das muss sich der Angeklagte anhören - ob er will oder nicht.

Prallt das nicht an vielen Tätern ab?

Nein, jedenfalls nicht im Regelfall. Cool sitzen sie eigentlich nur zu Beginn dort. Dann sage ich erst mal: "Kappe ab, Kaugummi raus". Und wenn das nicht passiert, dann gibt es ein Ordnungsgeld. Und wenn einer das nicht zahlt, geht er in Ordnungshaft. Dann läuft es eigentlich ganz gesittet im Sitzungssaal ab.

Verstehen die Täter denn, was sie ihrem Opfer angetan haben?

Zumeist schon. Ich habe es allerdings immer wieder auch mit Tätern zu tun, die einen Intelligenzquotienten an der Grenze zum Schwachsinn besitzen. Und unter den Angeklagten sind immer mehr Jugendliche, die sich ihren Verstand mit Marihuana regelrecht aus dem Kopf gequalmt haben. Meine Erfahrung ist: Man muss junge Straftäter deutlich ansprechen, um sie zu erreichen. In der Regel in kurzen Sätzen: Subjekt, Prädikat, Objekt. Schwierig ist es allerdings mit den Deutschrussen. Da ist leider häufig festzustellen, dass wenig Mitgefühl vorhanden ist.

Wie viele Ihrer Angeklagten sind Migranten?

Mindestens 70 Prozent. Man kann gegen das Gewaltproblem langfristig nur ankommen, wenn man früh anfängt, die Struk- turen zu verändern. Im Kindergarten, in der Schule, also in der Zeit, wenn unsere späteren Angeklagten noch Kinder sind. Das bedingt auch, dass wir die Vermietungsund Belegungspolitik ändern und keine "Ghettos" zulassen.

Wenn Sie Bewährungsstrafen verhängen, sehen Jugendliche das nicht als eine Art Freispruch an?

Nein. Bei neuen Straftaten droht ja das Gefängnis. Außerdem gibt es zusätzlich Auflagen, die den Jugendlichen über lange Zeit mit seiner Tat konfrontieren. Zum Beispiel Geldzahlungen an das Opfer oder gemeinnützige Arbeit zugunsten eines Opferfonds. Oder das Verbot, einen Stadtteil zu betreten. Oft wird ein Angeklagter auch zu einem Anti-Gewalt-Training verpflichtet.

Wie sind Ihre Erfahrungen damit?

Gut. Da wird eine Verhaltensänderung bewirkt, weil man sich dort sehr intensiv mit seinem Gewaltproblem beschäftigen muss. Es gibt den "heißen Stuhl", und darauf ist man gar nicht mehr so cool, wenn man erzählen muss, warum man einen Menschen überfallen hat. Das kommt dann nicht mehr so "geil" rüber, wie es zunächst in der Clique klang, kurz nach Tat.

Würde der sogenannte Warnschussarrest helfen, den viele fordern?

Den brauchen wir nicht. Wer als Gewalttäter eine Jugendstrafe auf Bewährung erhält, war in der Regel vorher im Jugendarrest oder in Untersuchungshaft. Ein erneuter Arrest beeindruckt dann nicht mehr. Nach meinen Erfahrungen bewirkt man auch mit kurzen Jugendstrafen gar nichts. Man muss im Gefängnis an einen jungen Menschen erst einmal herankommen. Der Psychologe, die Lehrer, die Sozialarbeiter. Es ist doch illusorisch zu glauben, in wenigen Wochen verändere sich irgendwas.

Aber auch längere Haftstrafen bewirken doch wenig. Die Rückfallquote für Gewalttäter liegt bei 80 Prozent.

Die personelle Ausstattung der Anstalten müsste besser sein. Wir brauchen ausgebildete Fachleute und nicht nur Praktikanten oder Studenten, mit denen die Stellen besetzt werden. Leider geht die Tendenz dahin, weiter Stellen abzubauen: wegschließen, wegschließen, wegschließen - das soll alle Probleme lösen. Und nach meiner Erfahrung fördert der geschlossene Vollzug, der in Hamburg fast ausschließlich praktiziert wird, den Rückfall.

Sollte nicht gegen Täter über 18 Jahren immer das Erwachsenenstrafrecht angewendet werden? Schließlich dürfen Volljährige auch Auto fahren und Verträge abschließen.

Wenn Sie meine 18- bis 21-jährigen Angeklagten erleben, sehen Sie sofort, wie unreif die häufig sind. Sie haben so viele Defizite. Im Jugendverfahren habe ich wesentlich mehr Möglichkeiten, um auf sie einzuwirken. Man muss sich auch von dem Glauben freimachen, dass das Jugendrecht immer das mildere Recht ist. Für einen schweren Raub geht doch kein Jugendlicher mit der Auflage nach Hause, ein paar Arbeitsstunden zu leisten. Ich sage immer etwas platt: "Knarre an Kopf gibt Knast." Es ist doch nicht so, dass am Ende Klaus- Dieter noch mal übers Haar gestreichelt und zum zwölften Mal gesagt wird: Ich möchte dich hier aber nicht wiedersehen.

Sollten in Extremfällen schon unter 14-Jährige bestraft werden können?

Gegen straffällige Kinder kann bereits jetzt der Familienrichter vorgehen, etwa durch Unterbringung außerhalb der Familie. Die Möglichkeiten im Kinder- und Jugendhilferecht sind bei unter 14-Jährigen viel wirkungsvoller als das Jugendstrafrecht.

Welche Instrumente im Jugendstrafrecht würden Sie sich noch wünschen?

Erstens eigene Einrichtungen für psychisch kranke junge Menschen, die straffällig geworden sind. Zweitens mehr geschlossene Heime. Bei der Untersuchungshaft sind die gesetzlichen Hürden für die 14- und 15-Jährigen sehr hoch, und wir können sie nur selten anordnen. Gleichzeitig sehen wir die Gefahr, dass die Jugendlichen weiter abrutschen und neue Straftaten begehen, noch bevor ihre Gerichtsverhandlung beginnt. Also müssen wir sie gleich nach der Tat aus ihrem Umfeld herausnehmen. Deshalb brauchen wir geschlossene Heime, in denen pädagogisch gearbeitet wird. Auch wenn diese Heime bei manchen ideologisch verpönt sind.

Warum werden die meisten aller Jugendstrafverfahren vom Staatsanwalt eingestellt?

Weil der jeweilige Staatsanwalt eine Anklage nicht für erforderlich hält und weil es nicht ausreichend Personal gibt. Das ist ein großes Problem. Wenn ein junger Mensch immer wieder dieses Standardschreiben der Staatsanwaltschaft kriegt, entsteht der Eindruck: Es ist alles folgenlos. Der Polizeibeamte hat am Tatort dicke Backen gemacht - und dann wird nicht angeklagt.

Wie viel Zeit haben Sie für einen Angeklagten?

Manchmal einen ganzen Verhandlungstag. Manchmal verhandele ich zwischen 9 und 16 Uhr auch zwölf Sachen, teilweise mit mehreren Angeklagten. Insgesamt hat ein Jugendrichter in Hamburg rund 500 Fälle im Jahr zu bearbeiten.

Wie fühlt man sich als Reparaturbetrieb der Gesellschaft?

Nicht gut. Wir sind ja das letzte Glied. Das Kind ist im Brunnen, und ich soll es da wieder rausholen, und der Brunnen ist ziemlich tief. Da brauche ich andere, die mir dabei helfen. Jugendämter, Familienrichter, Schulen und Sozialarbeiter. In meinem Stadtteil St. Pauli wurde ein Drittel der Straßensozialarbeiter eingespart. Das habe ich als Richter etwa ein Jahr später zu spüren bekommen.

Erreichen Sie mit Ihrer Arbeit überhaupt etwas?

Stellen Sie sich vor, dass ein 14-Jähriger mit 60 eingestellten Ermittlungsverfahren aus dem Kindesalter zu mir kommt. Wenn ich es in mehreren Gerichtsverhandlungen schaffe, aus einem Räuber einen Dieb zu machen, der keine Gewalt mehr ausübt, und wenn aus dem Dieb später ein Graffiti- Sprüher wird, und daraus dann einer, der nur noch schwarzfährt - dann habe ich schon viel gewonnen. Aber es ist illusorisch zu glauben, dass ich einen jungen Menschen, der jahrelang straffällig war, in kürzester Zeit umerziehen kann. Es gibt jedoch zweifellos auch Jugendliche, die für diese Gesellschaft verloren sind.

Interview: Martin Knobbe, Wolfgang Metzner

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