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Jugendrichterin Kirsten Heisig: Der Selbstmord eines Justiz-Stars

Mit ihrem Kampf gegen Jugendkriminalität war die Berliner Richterin Kirsten Heisig bundesweit bekannt geworden, in Kürze sollte ein Buch erscheinen. Nun hat sie Selbstmord begangen. Ein Rückblick.

Von Manuela Pfohl

Im September sollte ihr Buch erscheinen. Eine Abrechnung mit den gesellschaftlichen Umständen, die Kirsten Heisig schon lange nicht mehr bereit war hinzunehmen. Auf 208 Seiten sollte es dabei vor allem um die Frage gehen, warum immer mehr Jugendliche immer brutaler ihren Platz im Leben behaupten und was die Gesellschaft tun muss, um sich vor der zunehmenden Gewalt zu schützen. Die 48-jährige Juristin hatte dem Buch den kämpferischen Titel "Das Ende der Geduld" gegeben und erklärt: "Wenn wir nicht rasch und konsequent handeln, wenn wir unsere Rechts- und Werteordnung nicht entschlossen durchsetzen, werden wir den Kampf gegen die Jugendgewalt verlieren." Vergangene Woche fuhr Kirsten Heisig mit ihrem Auto in den Tegeler Forst in Berlin und erhängte sich an den Ästen einer alten Buche.

Der ersten Bestürzung über den Tod der prominenten Jugendrichterin folgen nun die Fragen nach dem Warum ihres Selbstmordes. Wurde die Juristin Opfer ihres eigenen Erfolgs, war der Druck, der auf ihr lastete zu groß, um ihn noch ertragen zu können oder war die geschiedene Mutter zweier halberwachsener Töchter trotz aller Prominenz letztlich so einsam und verzweifelt, dass sie keine andere Möglichkeit sah, als sich selbst das Leben zu nehmen?

Viel geraucht, viel gelacht, viel gearbeitet

Viel ist über Kirsten Heisig nicht bekannt, obwohl die ebenso zierliche wie quirlige Frau immer wieder in der Öffentlichkeit auftrat. Bei Einwohnerversammlungen im Kiez, bei öffentlichen Debatten um Integration und immer wieder auch in den Medien, zuletzt bei "stern TV" und einer Aufzeichnung für Peter Hahnes neuen Sonntags-Talk. Dennoch, die Puzzleteilchen ihrer Persönlichkeit bieten wenig Privates. Es heißt, sie habe viel geraucht, viel gelacht, viel zu viel gearbeitet und manchmal vergessen, dass zu ihrem Leben auch zwei Töchter und ein Mann gehörten. Heisig wurde 1961 in Krefeld geboren, studierte an der Freien Universität in Berlin Rechtswissenschaften und trat 1990 in den Berliner Justizdienst ein. Sie war zunächst als Staatsanwältin für den Bereich Betäubungsmittel zuständig, ehe sie 1992 als Richterin und ein Jahr später als Jugendrichterin eingesetzt wurde. Der Kampf gegen die Jugendgewalt wird ihre große Aufgabe, ihr Lebenswerk - und so scheint es wenigstens lange - auch ihr Erfolg.

"Mit Samthandschuhen kommen wir nicht weiter"

Am Montag war die sportliche Frau zuletzt gesehen worden. An dem Tag habe sie auch letzte Korrekturen für ihr Buch übermittelt, sagte eine Sprecherin des Herder-Verlages, in dem das Werk erscheinen sollte. Heisigs Erfahrungsbericht dokumentiert ihre Arbeit als Jugendrichterin am Amtsgericht Tiergarten im Bezirk Neukölln. Hier, in einem der sozialen Brennpunkte Berlins, stritt sie seit 2008 mit viel Enthusiasmus für ihr "Neuköllner Modell", ein Strafverfolgungskonzept, das vor allem die jugendliche Klientel im Blick hatte, die mit einer stetig steigenden Kriminalitätsrate für Probleme im Kiez sorgte.

Heisig hatte es satt, dass vor allem junge Straftäter erst Monate später vor ihr auf der Anklagebank saßen und sich oft nicht einmal mehr daran erinnern konnten, was sie ihren Opfern angetan hatten. "Wir müssen früh, konsequent und deliktbezogen reagieren", damit ein Lerneffekt bei den Jugendlichen einsetzt, hatte sie immer wieder gefordert und erklärt: "Mit Samthandschuhen kommen wir nicht weiter". Nach dem Neuköllner Modell werden Täter nun schneller bestraft. Es können vier Wochen Arrest verhängt werden, es werden Täter-Opfer-Gespräche angeordnet oder gemeinnützige Arbeit.

Kapitulation vor den Verhältnissen?

Erste Erfolge gaben ihr Recht, auch wenn mitunter bei Skeptikern der Vorwurf laut wurde, Heisig übertreibe es mit ihrem Eifer und sei mehr auf öffentlichkeitswirksame, als auf sozialadäquate Urteile bedacht. Die Beinamen "Schrecken von Neukölln" und "Richterin Courage" beschreiben die Pole, zwischen denen Heisig juristisch eingeordnet und womöglich auch eingezwängt wurde.

In Justizkreisen hieß es, Heisig habe persönliche Probleme gehabt. Auch von Depressionen ist die Rede. "Ich hab keine Freunde hinzugewonnen. Ich fühle mich oft als Exot wahrgenommen. Das sagt mir zwar keiner ins Gesicht, das läuft so verdeckt", sagte Heisig vor Wochen. Ein Zeichen der Kapitulation vor den Verhältnissen?

Immer auf Hochtouren

"Richterin ist mein Traumberuf", hatte Kirsten Heisig immer wieder gesagt. In Nachbarschaftsvereinen und Schulen warb sie dafür, dass Jugendliche mit ausländischen Wurzeln lernen müssten, mit sich und ihrer Rolle in einer demokratischen Gesellschaft klar zu kommen. Heisig lief immer auf Hochtouren. Manchmal gehe sie auch sonntags ins Gericht, um in Ruhe ihre Prozesse vorzubereiten, hatte die Richterin verraten - und gleichzeitig erklärt, dass sie manchmal das Gefühl habe, es sei alles zu viel.

Wurde aus dem Zuviel ein Unerträglich und aus dem Ehrgeiz die Welt zu retten, das Gefühl, dass nichts mehr zu retten ist?