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Pressestimmen

Junge in Frankfurt vor ICE gestoßen: "Ein Mensch begeht eine Gewalttat, das ist die schreckliche, aber auch die ganze Geschichte"

Ein achtjähriger Junge wird vor einen ICE gestoßen und stirbt. Tatverdächtig ist ein Mann aus Eritrea. Es ist die zweite tödliche Tat dieser Art an einem Bahngleis in nur zehn Tagen. So kommentiert die Presse die grauenhafte Tat.

Eine Frau und ihr achtjähriger Sohn wurden im Frankfurter Hauptbahnhof von einem Mann vor einen einfahrenden ICE gestoßen. Die Mutter konnte sich retten, der Junge starb. Ein Tatverdächtiger wurde festgenommen, er soll 40 Jahre alt sein, aus Eritrea stammen und seine Opfer nicht gekannt haben. Bislang hat er sich noch nicht zu der Attacke geäußert. Der Fall erinnert an eine Attacke, die sich vor gut einer Woche in Voerde in Nordrhein-Westfalen ereignet hatte: Dort hatte ein Mann eine Frau an einem Bahnhof vor einen Zug gestoßen und so getötet. Bundesinnenminister Horst Seehofer hat nach dem Angriff in Frankfurt seinen Urlaub unterbrochen, um sich im Laufe des Tages mit den Chefs der Sicherheitsbehörden zu treffen.

So bewertet die deutsche Presse die Tat in Frankfurt:

"Frankfurter Rundschau": Was treibt eine Frau wie Alice Weidel (AfD) dazu, mit der Herkunft des mutmaßlichen Täters ihr schmutziges Süppchen zu kochen? "Schützt endlich die Bürger unseres Landes - statt der grenzenlosen Willkommenskultur!", twitterte sie, kaum war die Nachricht vom gewaltsamen Tod eines Kindes am Frankfurter Hauptbahnhof bekanntgeworden. Und die Fangemeinde applaudierte. Es ist gerade eine Woche her, dass im hessischen Wächtersbach ein Landsmann des mutmaßlichen Täters, ein Eritreer, zum Opfer eines offensichtlichen Mordversuchs geworden ist. Das entlastet den Verdächtigen von Frankfurt natürlich nicht, aber was hat Alice Weidel damals getwittert? Nichts. Ein Mensch begeht eine Gewalttat, das ist die schreckliche, aber auch die ganze Geschichte. Es gibt Täter, und es gibt Opfer, also bitte: Hört auf, sie nach Nationalität und Hautfarbe zu unterteilen.

"Allgemeine Zeitung Mainz": Trauer, stille Anteilnahme, ja auch innere Wut sind Reaktionen, denen sich niemand entziehen kann. Das Gegenteil von Anteilnahme aber ist der Hass, der sich sogleich in den sozialen Medien breitmacht. Das Gegenteil ist auch die Instrumentalisierung, mit der sich Rassisten und auch Rechtspopulisten dieses Schicksals bemächtigen wollen. Eine Verhöhnung der Opfer. Eine Einschätzung, die wohl leider nicht auf so breite Zustimmung stoßen wird wie die Zeilen zuvor. Sie bedeutet übrigens nicht, dass der Hintergrund des Täters, ein gebürtiger Eritreer, nicht beleuchtet werden muss. [...] Und doch rechtfertigen Trauer und Wut keine Schuldzuweisungen an die Migranten, die Flüchtlinge oder andere Gruppen.

Deutsche Welle: Die Informationen, die Medien verbreiten - oder eben auch nicht verbreiten -, prägen immer auch die gesellschaftliche Debatte. Deshalb haben sich deutsche Medienhäuser auf ethische Leitlinien verpflichtet, den sogenannten "Pressekodex" [...] Der Tod des achtjährigen Jungen wird die Debatte in Deutschland verschärfen. Manche Medien werden Rassismen befeuern, weil es Aufmerksamkeit bringt - und Umsatz. Das ist verwerflich und hat nichts mit dem öffentlichen Interesse zu tun, das der Pressekodex meint. Und dennoch gibt es diese Debatte, die man nur einordnen kann, wenn man weiß, dass der Täter aus Eritrea kommt - und damit auch seine Herkunft zu jener ganzen Wahrheit gehört, der wir verpflichtet sind. Zu dieser Wahrheit gehört aber unbedingt auch, dass die Trauer um den Jungen und das Mitgefühl für seine Eltern und Familie das sind, was unsere Herzen vor allem an diesem Tag bewegen sollte. 

"Frankfurter Allgemeine Zeitung":  "Jeder weiß, dass es vor solch heimtückischen Überfällen aus dem Nichts keinen sicheren Schutz gibt. Aber mancher dürfte sich nun auf dem Bahnsteig anders postieren und sich misstrauisch umschauen. Zwei mörderische Einzelfälle, in deren Folge viele Menschen betreut werden mussten, verändern die allgemeine Sicherheitslage in der Sache nicht wesentlich. Aber auch hier geht es um Sicherheit. Indem Bundesinnenminister Horst Seehofer seinen Urlaub für eine Krisensitzung unterbrach, gab er ein politisches Zeichen. Der öffentliche Mordanschlag auf Kind und Mutter im Frankfurter Hauptbahnhof hat dieses Zeichen verdient."

mad / DPA / AFP