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Justiz: Serienmörderin oder Lügnerin

Neun alte Menschen sterben - eines natürlichen Todes, oder wurden sie ermordet? Eine junge Frau bekennt sich zu Tötungen, widerruft ihr Geständnis aber vor Gericht. Hier kommt auch ans Licht, dass ihr Leben eine einzige bizarre Lüge ist.

Ist die Altenpflegerin Michaela G. eine Serienmörderin, oder war sie immer nur zufällig dabei, als im Limbachstift in Wachtberg-Berkum neun hochbetagte und schwerkranke Frauen starben? Die 4. Große Strafkammer des Bonner Landgerichts unter Leitung des vorsitzenden Richters Udo Buhren hat sich am Donnerstag zu einer schwierigen Suche nach der Wahrheit aufgemacht. Die entscheidende Frage in dem Prozess ist, wann die gepflegt wirkende, füllige Frau gelogen hat: Damals im Juni 2005 bei ihren Geständnissen vor den vernehmenden Kriminalpolizisten? Oder jetzt im Gerichtssaal, als sie jede Täterschaft von sich wies und ihre früheren Aussagen als bewusste Lügen bezeichnete. Erfunden auch, um von anderen Lügen in ihrem Leben abzulenken?

Neun Todesfälle werden ihr vorgeworfen

Die Anklage wirft der 27-jährigen Erzieherin, die als Pflegeassistentin pflegebedürftige und demenzkranke Patienten in dem Altenstift betreute, vier Morde, vier als Totschlag eingestufte Fälle sowie eine Tötung auf Verlangen vor. Bei neun Todesfällen in dem Heim zwischen dem 29. November 2003 und dem 24. April 2005, so ergaben die Ermittlungen, war Michaela G. im Dienst. Im Juni 2005 alarmierte die Heimleitung die Polizei. Bei der Vernehmung stritt die Pflegerin zunächst jede Täterschaft ab. Dann aber, Schritt für Schritt, legte sie Geständnisse ab, sogar über Fälle, die ihr die Beamten noch gar nicht vorgehalten hatten.

"Eine Stimme hat mich veranlasst"

Mit Kissen oder Handtüchern, so Staatsanwalt Michael Hermesmann, habe sie die Frauen im Alter zwischen 79 und 93 Jahren erstickt. In einigen Fällen habe sie bei Erstickungsanfällen von bettlägerigen Patientinnen nicht geholfen und sie sterben lassen. Eine Stimme habe sie zu diesen Taten veranlasst, habe die Pflegerin ausgesagt. Alles Lügen, widerrief die redegewandt wirkende Frau in einer fast zwei Monate später verfassten schriftlichen Erklärung und erneut im Gerichtssaal ihre Aussagen.

Michaela G. war nach eigenen Angaben seit 1998 Gemeinderätin, Mitglied im örtlichen Karnevalsverein und spielte in zwei Musikgruppen Baritonhorn. Sie habe auf Grund massiver Minderwertigkeitskomplexe und einer "unbändigen Sehnsucht nach Geborgenheit" schon seit vielen Jahren Lügengeschichten erzählt, um auf sich aufmerksam zu machen, erklärte Verteidiger Christoph Krämer. "Wer mag schon einen Fettkloß, wie ich es bin, der Scheiße erzählt", schrieb sie in einem vom Gericht verlesenen Brief aus der Untersuchungshaft.

Vom Großvater sexuell missbraucht

Beispielsweise habe die 27-Jährige unter immer neuen Ausschmückungen erzählt, ihr Vater habe sie jahrelang sexuell missbraucht, erklärte Krämer. Sie habe darüber auch mit zahlreichen Ärzten und Psychologen gesprochen. Nach einem Hörsturz habe sie zudem behauptet, sie leide unter einem Hirntumor. Auch einen tödlichen Unfall in dem Kindergarten, in dem sie gearbeitet habe, habe sie erfunden. Tatsächlich sei die Frau in den Jahren 1992 bis 1997 mehrmals im Monat sexuell missbraucht worden, aber nicht vom Vater, sondern von ihrem 1997 verstorbenen Großvater, erklärte der Anwalt. Als sie älter geworden sei, habe der Opa sie mit Geld für sexuelle Handlungen entlohnt, berichtete die Angeklagte: "100 Mark in der Woche waren es immer."

"Ich wäre in der Psychiatrie besser aufgehoben"

Sie habe bei den Vernehmungen gelogen, um von der Lüge über ihren Vater abzulenken, aber auch von einem fahrlässig von ihr verursachten Brand auf dem elterlichen Hof, erklärte Michaela G. vor Gericht. Sie habe die Tragweite ihrer Aussagen nicht erfasst und gehofft, bald in Ruhe gelassen zu werden. Sie habe sich immer als Jungen gesehen, darunter gelitten, ein Mädchen zu sein. "Ich bin doch der gute, starke Michel", habe sie gesagt. Sie habe den inzwischen nicht mehr bewirtschafteten Hof weiterführen wollen. Erst als sie nach einem Besuch der Eltern in der Haft erkannt habe, dass ihre Familie fest hinter ihr stehe, habe sie im August 2005 ihre Geständnisse widerrufen, sagte die Angeklagte. Die neun Todesfälle schilderte sie vor Gericht als natürliche Vorgänge bei schwerkranken Patienten. So habe eine Frau mit ihr noch das Kirchenlied "Großer Gott, wir loben Dich" singen wollen. Am Ende der zweiten Strophe habe sie einen tiefen Atemzug getan und sei gestorben. In anderen Fällen seien die Frauen tot gewesen, als sie nach ihnen gesehen habe. Die Kolleginnen im Heim hätten nie irgendeinen Verdacht geäußert, sagte Michaela G. Auf Fragen, warum bei ihr so viele Patientinnen stürben, habe man ihr geantwortet: "Die Leute können bei Dir loslassen." Zugleich aber bat die 27-Jährige vor dem Schwurgericht um Hilfe: "Ich wäre in der Psychiatrie besser aufgehoben als im Gefängnis", sagte sie mit ruhiger Stimme.

Joachim Sondermann/AP / AP
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