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Juwelen-Diebstähle: Diamonds are a thief's best friend

Im Ranking der Kriminellen stehen die Diamantendiebe ganz oben. Hoher Ertrag - und hohes Ansehen. Eine Karriere zwischen Tresorraum und Hollywood.

Von Sophie "Ocean" Albers

Er kam am hellichten Tag und allein durch eine offenbar offenstehende Terrassentür in die Juwelenausstellung Lewiew. Mit Schal, Mütze und Pistole bewaffnet schüchterte er drei Sicherheitsleute, zwei Verkäufer und einen Ausstellungsmanager ein und entkam schließlich mit Juwelen im Wert von angeblich 103 Millionen Euro.

Am vergangenen Sonntag war das Luxushotel Carlton an der Croisette von Cannes Tatort dieses Diamanten-Raubzugs, den die Presse bereits zärtlich "Coup von Cannes" nennt. Neben dem Kunstraub gilt das Stehlen von Geschmeide unserem kulturellen Verständnis nach eher als eine Art "Gentleman-Delikt". Anstatt sich über ein Verbrechen zu empören, denkt man lächelnd an George Clooney in "Ocean's 13". Warum eigentlich? Filmreife Diamantendiebstähle im Überblick.

Grips statt Gewalt

Gleicher Ort, gleiches Hotel: 1994 marschierten drei maskierte Männer in den Carlton-eigenen Juwelierladen und schossen wild um sich. Während Angestellte und Kunden in Panik zu Boden gingen oder davonrannten, packten die Diebe Schmuck im Wert von rund 60 Millionen Dollar ein - und entkamen unerkannt. Diebe und Diebesgut sind bis heute verschwunden. Sympathie-Auslöser in diesem Fall war, dass die Polizei im Laden kein einziges Einschussloch fand. Die Diebe hatten Platzpatronen benutzt.

Tatsächlich geht es bei groß angelegten Diamantdiebstählen eher um Grips denn Gewalt. Ein "Coup" braucht lange Planung, akribische Vorbereitung und noch bessere Kontakte, denn die Sicherheitsvorkehrungen sind mit reiner Gewaltanwendung kaum noch zu überwinden - außer vielleicht im Carlton. Coolness und Smartheit sind gefragt. Und schon hat man wieder Clooney vor Augen.

Keine Spur - bis heute

Beste familiäre Kontakte hatten die Diebe, die sich 1983 eine Lagerhalle auf dem Flughafen Heathrow in London vornahmen: Eigentlich waren die sechs Männer auf Bargeld aus, doch hatte ihr Informant, ein Sicherheitsmann, vergessen zu sagen, dass stattdessen drei Tonnen Goldbarren und ein Haufen Diamanten im Safe lagen. So wurden aus geplanten fünf Minuten zwei Stunden, denn die Diebe versuchten, so viel Gold wie möglich mitzunehmen. Am Ende verriet der Informant die Bande an die Polizei. Das Gold im Wert von rund 39 Millionen Dollar blieb verschwunden.

2002 ereignete sich der wohl mysteriöseste Diamantenraub der Geschichte: Im niederländischen Den Haag stellte das

Wissenschaftsmuseum

besondere Diamanten aus, darunter königliche Juwelen. Eines Morgens kam das Museumspersonal zur Arbeit und musste feststellen, dass sechs der 28 Ausstellungsvitrinen leer waren. Nur zeigte keine der Sicherheitskameras einen Einbruch, keines der Alarmsysteme hatte angeschlagen und keiner der Sicherheitsleute hatte irgendetwas bemerkt. Einziges Anzeichen für einen Einbruch war ein eingedrücktes Fenster.

Das klingt natürlich nach einem Insiderjob, aber die Ermittler konnten keinem der Mitarbeiter etwas nachweisen. Der Wert der Beute wurde mit zwölf Millionen Dollar angegeben.

Drei Jahre Vorarbeit

Mal eben geschätzte 100 Millionen Dollar erbeutete die Bande mit dem klangvollen Namen "Schule von Turin", die 2003 in das berühmte Diamanten-Center in Antwerpen einstieg. Antwerpen ist sozusagen der Olymp eines jeden Diamantenräubers. Die belgische Hafenstadt ist die Hauptstadt des weltweiten Diamanthandels. Acht von zehn Rohdiamanten machen hier Station, und die meisten werden für unterschiedliche Dauer im Tresor des Diamanten-Centers gelagert. Die Diebe waren zu viert und hatten den Einbruch jahrelang geplant. Schon im Jahr 2000 bezogen sie ein Büro im Gebäude, spionierten die Sicherheitssysteme aus und besorgten sich sogar einen Schlüssel zum Tresor. George Clooney braucht dafür immer nur zwei Filmstunden.

Am Tag des Einbruchs speiste die Bande gefälschte Aufnahmen ins Überwachungskamerasystem und räumte 123 der 160 Schließfächer aus. Es waren so viele Diamanten, dass viele auf dem Boden verstreut lagen, als die Sicherheitskräfte kamen. Auch dieser Diebstahl passierte mithilfe eines Insiders. Der hielt diesmal allerdings dicht. Verraten hat sich die Gruppe durch DNS-Spuren - unter anderem an einem angebissenen Sandwich, das die Diebe in einer Transporttasche vergaßen.

Schokolade von Senior Carlos Hector Flomenbaum

Vergesslichkeit überführte auch die Juwelendiebe eines Überfalls in London 2008. Dabei hatten sie sich echt Mühe gegeben! Zwei Männer, die sich mit maskenbildnerischer Perfektion in andere Menschen verwandelt hatten, betraten am späten Nachmittag das Juweliergeschäft Graff, zogen Waffen, ließen sich Juwelen im Wert von rund 65 Millionen Dollar überreichen - und entkamen. Als sie das Fluchtfahrzeug wechselten, vergaß einer sein Handy im Auto. Busted! Aber die Diamanten sind nie wieder aufgetaucht.

Da waren die weniger subtil verkleideten "Drag Queens" von Paris besser dran: Sie erbeuteten im selben Jahr beim Juwelier

Harry Winston

Juwelen im Wert von rund 107 Millionen Dollar - und angeblich haben sie sich nicht mal besonders beeilt. Diebe und Juwelen sind bis heute verschwunden.

Zu guter Letzt kommt mein persönlicher Favorit: der liebenswürdige, Schokolade verteilende Senior Carlos Hector Flomenbaum. Sein Ziel war ebenfalls Antwerpen, allerdings der Safe der

ABN Amro Bank

im Jahr 2007. Flomenbaum ist natürlich ein falscher Name, der Pass, mit dem der selbsternannte Geschäftsmann im Bankhaus ein- und ausging, war gestohlen. Etwa ein Jahr lang machte er sich zum besten Freund der Bankangestellten, denen der freundliche, grauhaarige Mann um die 60 auch gern mal Schokolade mitbrachte. Schließlich wurde ihm sogar der VIP-Schlüssel für den Tresorraum anvertraut, damit er beim Geschäftemachen nicht auf die Bankangestellten angewiesen war. Anfang März spazierte Flomenbaum in die Bank und kam mit Rohdiamanten im Wert von rund 28 Millionen Dollar wieder heraus. Was nützt ein Alarmsystem für zwei Millionen, wenn man den Schlüssel hat.

Filmtipps für den Kult um Diamantendiebe:

"Über den Dächern von Nizza"
"Der rosarote Panther"
"Snatch"
"Reservoir Dogs"
"Ocean's 13"