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Kachelmann-Fall bei "Markus Lanz": Die große Schwenn-Show

Die Voraussetzungen für eine spannende Sendung hätten nicht besser sein können: ZDF-Talker Markus Lanz war es gelungen, Kachelmann-Anwalt Johann Schwenn ins Studio zu bekommen. Und Schwenn enttäuschte nicht - dafür der Moderator umso mehr.

Von Malte Arnsperger

Kachelmann, Kachelmann, Kachelmann. Auf allen Sendern wird in diesen Tagen über dasselbe Thema diskutiert. Maybritt Illner, Frank Plasberg, Sandra Maischberger, jeder Talkmaster widmet sich dem spektakulären Vergewaltigungsprozess. Und auch Markus Lanz wollte sich dem Verfahren und dem Freispruch für Jörg Kachelmann widmen. Doch um es vorweg zu nehmen: Der Sendung im ZDF fehlte an einer klaren Linie, einer spannenden Diskussion und neuen Erkenntnissen. Und es mangelte ihr an diesem Abend an einem Moderator, der die Bezeichnung verdient hätte.

Dabei waren die Voraussetzungen für anregende 80 Minuten gegeben. Es war Lanz gelungen, Kachelmanns Verteidiger in die Sendung zu bekommen. Und Johann Schwenn enttäuschte nicht, sondern gab sich genau so wie in den vergangenen Monaten am Landgericht Mannheim. Bissig, angriffslustig und rechthaberisch. Der Hamburger Anwalt riss die Sendung an sich und ließ den übrigen vier Gästen wenig oder gar keinen Raum. Markus Lanz gelang es nicht, den dozierenden Redeschwall Schwenns einzudämmen und ihn zu kontrollieren - damit ereilte ihn dasselbe Schicksal wie die Richter in Mannheim. Jörg Kachelmann mag dieser Stil am Ende die Freiheit gebracht haben, für die TV-Sendung war es der Todesstoß.

Lanz schien seine Sendung zunächst mit Fragen über das Urteil im Fall Kachelmann beginnen zu wollen. Die "Spiegel"- Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen, die sich in den vergangenen Monaten sehr kritisch über die Richter geäußert hatte, kam noch dazu, den Freispruch zu loben. "Mich hat beeindruckt, dass das Gericht seine Grenzen offen gemacht hat. Man erlebt sonst nur Gerichte, die sich allmächtig fühlen." Doch damit war die Diskussion über das Urteil auch schon beendet. Schade für die Zuschauer, denn der Freispruch für Kachelmann nach dem Grundsatz "Im Zweifel für den Angeklagten" hätte viel Raum für einen interessanten Meinungsaustausch geboten.

Ein verzweifelter Markus Lanz

Aber Schwenn lenkte das Gespräch auf die bezahlten Interviews einiger ehemaliger Kachelmann-Freundinnen. Er wetterte gegen die Burda-Blätter "Focus" und "Bunte" und teilte gegen seine Intimfeindin Alice Schwarzer aus. Moderator Lanz war schon nach wenigen Minuten nicht mehr Herr seiner Sendung, während Schwenn und Friedrichsen sich darüber stritten, welches Medium zu welchem Zeitpunkt welche Akten des Falles besessen hat. Die weiteren Gäste, darunter der Ex-Bild-Chef Udo Röbel und die ehemalige NRW-Justizministerin Roswitha Müller-Piepenkötter, kamen jeweils nur einmal kurz zu Wort, dann ging die Schwenn-Show weiter.

Verzweifelt versuchte Lanz dagegen zu halten, doch immer wieder wies ihn Schwenn barsch zu recht. Das hörte sich dann so an: Schwenn: "Die Nebenklägerin hat einen anonymen Brief nicht auf ihrem Drucker ausgedruckt, sondern wo anders." Lanz: "Vielleicht hatte sie ja keinen Drucker." Schwenn. "Sie hatte einen Drucker."

Lanz konnte nur mutlos insistieren. "Herr Schwenn, dass ist jetzt juristisch sehr kleinteilig, was Sie da sagen." Es nutze nichts. Der Moderator spielte seinen letzten Trumpf, seinen fünften Gast, das Justizopfer Ralf Witte. Der Mann war wegen einer angeblichen Vergewaltigung verurteilt worden und saß mehrere Jahre im Gefängnis. Erst Johann Schwenn war es gelungen, Wittes Unschuld zu beweisen. Eigentlich hätte das Gespräch über diesen Fall der Sendung neues Leben einhauchen können. Eigentlich. Aber Lanz schaffte es nicht, eine Diskussion darüber zu entfachen. Da nutze auch Schwenns Äußerung nichts: "Ich habe als junger Verteidiger erlebt, wie indiskutabel Frauen in Prozessen behandelt wurden. Aber in den letzten Jahren ist das Pendel in die andere Richtung umgeschlagen." Interessantes Thema - aber nun fehlte Lanz schlicht die nötige Zeit.