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Kachelmann-Prozess: "Das Gedächtnis ist keine Videokamera"

Am 38. Verhandlungstag im Vergewaltigungsprozess gegen Jörg Kachelmann sagte die Glaubwürdigkeitsgutachterin aus. Sie gab interessante - und möglicherweise prozessentscheidende Hinweise.

Von Malte Arnsperger, Mannheim

Wem kann, wem soll man glauben, warum und was soll man ihm glauben? Um diese Fragen dreht es sich in den kommenden Verhandlungstagen im Vergewaltigungsprozess gegen den Wettermoderator Jörg Kachelmann. Es könnten die wegweisenden Sitzungen am Mannheimer Landgericht werden. Denn nachdem die Richter seit nunmehr acht Monaten mit einer Vielzahl von Zeugen und Gutachtern nach Indizien, Anhaltspunkten und Beweisen für Kachelmann Schuld oder Unschuld suchen, treten nun drei entscheidende Experten auf. Die Psychologen Luise Greuel und Günter Köhnken beschäftigen sich mit der Glaubwürdigkeit des mutmaßlichen Opfers Silvia May (Name geändert), der Psychiater Hartmut Pleines wird die Psyche Kachelmanns analysieren. Am Ende der Aussagen dieser drei Sachverständigen wird das Gericht wichtige Anhaltspunkte dafür haben, wem es was glauben kann. Und davon wird das Urteil abhängen, da nur Kachelmann und May die Wahrheit über die fragliche Tatnacht kennen, sich aber nach wie vor diametral widersprechen.

Endlich hat sie ihren Auftritt. Am 38. Verhandlungstag darf die Bremer Professorin Greuel, halblange dunkle Haare, schwarzer Hosenanzug, ihren Platz auf der Gutachterbank verlassen und auf dem Zeugenstuhl Platz nehmen. Mit ruhigen Worten beginnt sie ihren Vortrag, schildert Grundlagen ihrer Disziplin, der Aussagepsychologie. Sie darf zunächst nur allgemeine Ausführungen machen, sich nicht zu dem Fall konkret äußern, das bleibt der nicht-öffentlichen Sitzung vorbehalten. Doch die 40-Jährige gibt auch so deutliche Hinweise auf Umstände, Fragestellungen und auch Schlussfolgerungen, mit denen sie sich wohl auch ohne Presse und Zuschauer beschäftigen wird. Zudem wird deutlich: Luise Greuel ist froh, endlich selber sprechen zu können, nachdem ihr schriftliches Gutachten schon lange vor Prozessbeginn Grund für umfangreichen Spekulationen war, in der Presse bereits ausführlich interpretiert und gedeutet wurde. Wiederholt schickt Greuel deshalb ihren Ausführungen voraus: "Um eines klarzustellen."

Und Greuel stellt klar. "Ein Glaubwürdigkeitsgutachten ist kein Lügendetektortest." Es gehe nur darum, ob man Zweifel an einer Aussage ausräumen könne. Auch sei es nicht das Ziel, die gesamte Persönlichkeit eines Zeugen zu bewerten. Denn eine "allgemeine Wahrheitsliebe" gebe es nicht und auch ein notorischer Lügner könne mal Tatsache schildern. "Wir befassen uns nur mit der konkreten Aussage. Ganz oben steht die Frage: Könnte ein Zeuge die Aussage so gemacht haben, obwohl er sich nicht auf ein wirkliches Erlebnis stützt. Und wenn nicht, welche Ursachen könnte diese Aussage noch haben."

Lücken in der Erinnerung von May

Im ganz konkreten Fall interessiert Greuel also, ob Silvia May die angebliche Vergewaltigung geschildert haben könnte, obwohl sie nie passiert ist. Um dies herauszufinden, gehen die Aussagepsychologen drei Fragen nach: Ist ein Zeuge aussagetüchtig, wie ist die die Qualität der Aussage und wie zuverlässig ist sie. "Erst wenn wir alle Fragen positiv beantwortet haben, kann man die Glaubhaftigkeit bestätigen", sagte Greuel.

Um die Aussagetüchtigkeit eines Menschen zu untersuchen, beschäftigen sich die Psychologen unter anderem mit der Wahrnehmungsfähigkeit, dem Konzentrationsvermögen aber auch psychischen Störungen, etwa einer Psychose. Habe man Anhaltspunkte für eine posttraumatische Belastungsstörung, müsse man die Aussagetüchtigkeit verneinen, die Untersuchung wäre dann beendet, sagte Greuel. Ein wichtiger Hinweis, schließlich geht Mays Psychologe Günther Seidler von einem Trauma bei der Frau aus. Seidler begründet damit Lücken in der Erinnerung von May.

Für die Qualitätsanalyse interessiert die Wissenschaftler, ob eine Aussage besonders anschaulich, kleinteilig oder detailreich ist. "Eine Hypothese ist dabei immer: Könnte die Aussage erfunden oder erlogen sein", sagte Greuel, die dann auf einen für den Prozess bedeutenden Umstand hinwies: Bei einer Vergewaltigung sei meist der Sex an sich unstrittig, strittig dagegen, ob er einvernehmlich war oder nicht. Auch die "Qualität einer Drohung" könne von den Beteiligten verfälscht oder übertrieben dargestellt worden sein. Im konkreten Fall behauptet Silvia May, dass Kachelmann sie mit einem Messer zum Sex gezwungen habe, der Wettermoderator erinnert sich an einvernehmlichen Verkehr - ohne ein Messer. In ihrem schriftlichen Gutachten meldet Greuel nach Informationen von stern.de massive Zweifel an der Aussagequalität von May an. Diese genüge noch nicht mal den Mindestanforderungen, die Schilderung der angeblichen Tat bleibe dazu viel zu vage. So mache May mache keine Angaben zu zentrale Details einer Vergewaltigung, etwa der Körperpostionen. Deshalb fehle es schlicht an Material, um den Erlebnisgehalt der Aussage bestätigen zu können. Sollte Greuel diese Einschätzung vor Gericht bekräftigen, wäre es ein Rückschlag für die Staatsanwaltschaft.

In einem dritten Schritt untersuchen die Glaubwürdigkeitsdiagnostiker die Aussagezuverlässigkeit eines Zeugen. "Wir suchen nach Fehlerquellen, also Hinweise auf Störfaktoren, die auf das Gedächtnis Einwirkungen haben. Denn es ist keine Videokamera", sagte Greuel. Das Gedächtnis könne bestimmte Erinnerungslücken selber ausfüllen oder Geschehnisse umdeuten. Auch gebe es das Risiko der "Quellenverwechslung": Ein Zeuge könnte durch die Gespräche mit einem Therapeuten oder dem Lesen von Medienberichten verwirrt werden, so Greuel.

"Ich halte das für absoluten Quatsch"

Gegen Ende ihres Vortrags ließ Greuel Bemerkungen fallen, die Kachelmann und seinen Verteidiger überhaupt nicht gefallen haben dürften. Zwar erinnere man sich an emotionale Erlebnisse in der Regel gut. Das Kurzeitgedächtnis sei aber eine Art Flaschenhals, der nur bestimmte Beobachtungen ins Langzeitgedächtnis lasse. Greuel nannte das Beispiel einer Frau, die die Ermordung ihres Mannes hautnah mitbekommen hatte. Die Frau habe sich anschließend auch an den Mord erinnert, aber nicht daran, dass auch sie selber bedroht wurde. "Ein Schock unterbricht die Wahrnehmung, so dass es zu fragmentischer Wahrnehmung kommen kann." Auch könne es bei mehreren schlimmen Erlebnissen in kurzer Abfolge, Greuel nannte das Beispiel einer Gruppenvergewaltigung, passieren, dass die Erinnerung an ein Ereignis alles anderen überlagere.

Diese Ausführungen könnten bereits ein Vorgriff auf Greuels Analyse von Silvia May sein. Schließlich hat Kachelmann seiner Ex-Geliebten an jenem strittigen Abend seine Untreue gestanden. Ein möglicherweise schlimmes Erlebnis für May, die elf Jahre lang mit Kachelmann liiert war und offenbar an eine Zukunft mit dem Schweizer glaubte. Kachelmanns Verteidiger kämpft jedoch vehement gegen diese Interpretation: "Ich halte das für absoluten Quatsch" sagte Johann Schwenn, der May vorwirft, den ganzen Abend inszeniert zu haben. Auch ließ Schwenn durchblicken, dass die Aussagen Greuels für ihn eine geringere Rolle spielen, als die Expertise der Rechtsmediziner, die zum Teil große Zweifel an den Angaben Mays haben.

Inwieweit sich Luise Greuel zu einer abschließenden Beurteilung von Silvia Mays Glaubwürdigkeit durchringt, blieb für die Öffentlichkeit offen. In ihrem schriftlichen Gutachten heißt es, man könne im besten Falle von einer non-liquet-Situation ausgehen, was bedeutet: Es ist nicht klar. So wird es im Fall Kachelmann wohl auch bleiben, bis die Richter am 27. Mai ihr Urteil sprechen wollen.