HOME

Kachelmann-Prozess, Tag 29: Experten im Trauma-Zoff

Im Vergewaltigungsprozess gegen den Wettermoderator Jörg Kachelmann zoffen sich die Experten. Ein Berliner Psychiater hilft dem Angeklagten und hetzt gegen seinen Wissenschaftler-Kollegen. Ein Ende des Prozesses ist noch lange nicht in Sicht.

Von Malte Arnsperger, Mannheim

Es ist ein Krieg der Worte. Die Kontrahenten sind zwei Professoren, beide werden als Experten auf ihrem Gebiet angesehen. Meinungsverschiedenheiten zwischen Wissenschaftlern sind nicht ungewöhnliches. Doch der Traumatologe Günter Seidler und der Psychiater Hans Ludwig Kröber streiten sich nicht auf einer Podiumsdiskussion oder in wissenschaftlichen Abhandlungen. Ihre Arena ist der Saal eins im Landgericht Mannheim, Ort des Vergewaltigungsprozesses gegen den Wettermoderator Jörg Kachelmann.

Verhandlungstag 29. Endlich darf der Berliner Psychiater Kröber sein Gutachten vorlegen, nachdem immer wieder juristische Scharmützel zur Verschiebung seiner Aussage geführt hatten. Der Leiter der forensischen Psychiatrie an der Berliner Charité, ein anerkannter Experte und vielbeschäftigter Routinier im Gerichtssaal, hat sich mit Silvia May (Name von der Redaktion geändert), dem mutmaßlichen Opfer Kachelmanns, beschäftigt. Eine Frage steht im Mittelpunkt des gerichtlichen Gutachtenauftrages: Hat die angebliche Vergewaltigung bei der Frau eine Traumatisierung verursacht, durch welche sie sich nicht mehr an entscheidende Details der behaupteten Tat erinnern kann?

Genau das nämlich nimmt Günter Seidler an. Der Heidelberger Psychologe ist Therapeut von Silvia May. Er diagnostizierte ein schweres posttraumatisches Belastungssyndrom mit allem was dazu gehört: Flashbacks, Dissoziationen, Abgleiten der Gedanken, sobald das Gespräch auf die zentralen Geschehnisse zusteuerte. Seidler hält die Erinnerungslücken für eine Bestätigung der Trauma-Hypothese. Für ihn steht fest: Die Vergewaltigung in der Nacht zum 9. Februar 2010 hat stattgefunden und hat seine 37-jährige Patientin so massiv geschockt, dass sie sich an Einzelheiten des erzwungenen Geschlechtsverkehrs nicht mehr erinnern kann.

Schwenn und der "Traumaquatsch"

Kachelmanns Verteidiger Johann Schwenn hat in den vergangenen Wochen kaum einen Verhandlungstag ausgelassen, um Seidler und seine Thesen zu attackieren. "Traumaquatsch", sei das, meint Schwenn, Seidler ein "Scharlatan". Bevor Kröber sein Gutachten vorlegen konnte, weist Schwenn die Mannheimer Richter auf einen aktuellen Spruch des Bundesgerichtshofs hin. Der BGH habe ein Urteil aufgehoben, bei dem sich das Gericht auch auf die Expertise eines Traumatologen verlassen habe.

Als Psychiater Kröber auf dem Zeugenstuhl Platz nimmt, wird sehr schnell erkennbar, dass er schon länger der Gelegenheit entgegenfiebert, die Traumatologie im Allgemeinen und Seidlers Schlussfolgerungen im Besonderen anzugreifen. Dabei muss sich Kröber zusammenreißen. Denn das Gericht hat entschieden, in öffentlicher Sitzung nur generelle Ausführungen zur Traumatologie zuzulassen, um die Intimsphäre Silvia Mays zu schützen.

Aber auch so macht Kröber seine Meinung überdeutlich - und schlägt mit kaum verhohlener Ironie auf Seidler ein. Ein "regional tätiger Wissenschaftler", so Kröber, vertrete die Ansicht, nur fragmentierte, ungenaue Aussagen seien wahr, detaillierte Aussagen dagegen nicht. "Das widerspricht allen bisherigen Auffassungen der Aussagepsychologie", urteilt Kröber. „Dieser Satz ist falsch.“ Zufriedene Mienen bei Jörg Kachelmann und seinen Verteidigern.

Und es sollte noch besser werden für den Angeklagten. Systematisch zeigt Kröber auf, warum er die Traumatologie für wenig hilfreich hält. "In der psychologischen Praxis wird mittlerweile alles in den Rang eines Psychotraumas erhoben." Mit einem spöttischen Lachen sagt er: "Beschuldigte machen sogar ein Trauma durch ihre Verhaftung geltend." Kröber schafft es auch, ohne auf Silvia May konkret einzugehen, sein Urteil über die Frau zu verdeutlichen. "Auch Kränkungen oder Demütigungen, also nicht-illegale Handlungen, können erhebliche psychische Folgen haben." Silvia May hatte kurz vor der angeblichen Vergewaltigung erfahren, dass sie bei weitem nicht Kachelmann einzige Geliebte war, obwohl er mit ihr offensichtlich auch längerfristige Lebensplanungen besprochen hatte.

Verteidiger liefert das Stichwort, Psychiater greift an

Kröber hält es auch für völlig unsinnig, anzunehmen, dass sich ein Opfer nicht mehr an entscheidende Details eines schlimmen Erlebnisses erinnern kann. Es sei umgekehrt, meint der Berliner Psychiater. "Das Kerngeschehen bleibt im Regelfall lebenslang ein fest verankerter Teil der Erinnerung." Es gebe Fälle, bei denen Menschen nach solchen Ereignissen an Gedächtnisverlust leiden. So etwa Kriegsheimkehrer. "Aber bei denen gibt es keine punktuellen sondern globale Erinnerungslücken."

In der anschließenden Befragung durch die Verfahrensbeteiligten liefert Verteidiger Schwenn dem Psychiater ein Stichwort nach dem anderen und bietet ihm Gelegenheit zur Kritik an Seidler. Während sich Schwenn genüsslich zurücklehnt, greift Kröber in scharfer Art die Methoden des Psychologen an. Der habe ausgesagt, er erkenne ein Trauma daran, dass die Person traumatisiert sei und könne es unter anderem auch am Geruch wahrnehmen. "Das Problem der Traumatologen ist, dass sie nicht prüfen, ob ein angenommenes traumatisches Ereignis überhaupt stattgefunden hat. Es wird immer davon ausgegangen, dass es stimmt und man befürchtet eine Retraumatisierung, wenn man das vermeintliche Opfer darauf anspricht."

Was das alles für den konkreten Fall bedeutet, legt Kröber dem Gericht ohne Publikum dar. Nach stern.de-Informationen kommt Kröber aber zumindest in seinem schriftlichen Gutachten zu dem eindeutigen Schluss, dass die Aussagetüchtigkeit von May nicht beeinträchtigt ist. Also: Eine Traumatisierung kann nicht der Grund für ihre Erinnerungslücke sein.

Seine Erinnerung wird möglicherweise bald auch Staatsanwalt Oskar Gattner bemühen müssen. Ihn will Anwalt Schwenn als Zeugen hören. Es geht um eine Notiz, die Gattner nach einem Gespräch mit einer Bekannten Kachelmanns angefertigt hat. Die Frau, die vor einigen Tagen in der Schweiz als Zeugin vernommen wurde, soll angeblich wenige Wochen vor dem 9. Februar 2010 auch von Kachelmann attackiert worden sein. In seiner Notiz schreibt der Staatsanwalt, die Frau habe ihm gesagt, sie habe damals "Angst empfunden, wie sie sie vorher noch nie gehabt habe", Kachelmann sei "für kurze Zeit ein anderer Mensch geworden". In seinem Antrag sagt Schwenn, "Herr Gattner wird als Zeuge bekunden, dass die Zeugin ihm dies entgegen seinem Vermerk weder bei dem Telefongespräch noch bei anderer Gelegenheit gesagt hat." Schwenn behauptet, die Frau habe bei ihrer Befragung in der Schweiz die Kernbotschaft nicht bestätigt. Die Staatsanwaltschaft wiederum weist diese Ansicht Schwenns als unwahr zurück. Das Gericht will in den kommenden Tagen über den Antrag entscheiden – im März wird der Prozess dann bereits in seinen sechsten Verhandlungsmonat gehen. Und ein Ende ist nicht in Sicht.