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Kachelmann-Prozess: Die Stunde des Richters

Tag der Abrechnung in Mannheim: Richter Michael Seidling nutzte die Urteilsbegründung im Kachelmann-Prozess zur großen Schelte - und glänzte mit einer ehrlichen Einsicht.

Ein Kommentar von Ingrid Eißele

Es war die Stunde des Richters, und sie war, für einen eher spröden Juristen und erfahrenen Vorsitzenden einer Großen Strafkammer, überraschend emotional. Fast die Hälfte seiner einstündigen Rede widmete Michael Seidling den Medien, der Öffentlichkeit, dem Gebaren des Verteidigers, also dem Drumherum des Prozesses.

Erst bekamen die Zuhörer im Gerichtssaal, die gerade noch das Urteil begeistert beklatscht hatten, die Leviten gelesen, dann die Medien, sodann die Sachkundigen mit ihren Ferndiagnosen, Seidling kritisierte selbst anonyme Blogger, die die Persönlichkeitsrechte des Angeklagten, der Ex-Geliebten, aber auch des Gerichts "mit Füßen getreten" hätten.

Staatsanwälte werden verschont

In neun Monaten hat sich offenbar eine Menge Ärger in Michael Seidling und seinen Kollegen angesammelt, und heute war der Tag gekommen, an dem die Kammer nicht nur Recht sprach, sondern auch abrechnete. Das wirkte manchmal dünnhäutig, selten selbstkritisch. Und nicht immer gerecht. Sicher, Kachelmanns beißwütiger Anwalt Johann Schwenn war eine Qual. Seine Gehabe nach dem Motto "englischer Windhund jagt badische Landkaninchen" war nicht nur eine arrogante Selbstüberschätzung, sondern auch eine gefährliche Unterschätzung seiner Gegner. Doch während Schwenn in der Urteilsbegründung seine Hiebe bekam, blieben die Staatsanwälte von jeder Kritik verschont.

Dabei gab es Fehler, die dem Gericht die diffizile Wahrheitssuche sicher nicht erleichtert hatten. So hatten die Staatsanwälte just in jener heiklen Vernehmung, als sie Kachelmanns Ex-Freundin mit einer Lüge konfrontieren wollten, auf ein Tonband verzichtet und stattdessen ihre Aussagen lediglich abschnittsweise protokolliert. Wo es aber auf jedes Wort ankommt, war diese Schludrigkeit – auch im Sinne der Frau – höchst unprofessionell.

Doch nach all den Nickeligkeiten und Mahnungen an jene, die das Verfahren so erschwert hatten, kam Seidling zum eigentlichen Dilemma des Gerichts. Die Suche nach der Wahrheit: Sie ist gescheitert. Es wird weiterhin mindestens zwei Wahrheiten geben, die von Kachelmann und seiner einstigen Geliebten. Die gemeinsame Wahrheit, die nur das Paar kennt, konnte das Gericht nicht klären. Die juristischen Spielräume sind nicht allzu groß. Wenn es keine Dritten als Zeugen gibt, also Aussage gegen Aussage steht, stellt der Bundesgerichtshof besondere hohe Anforderungen an die Beweiswürdigung.

Nur ein Freispruch kam in Frage

Heraus kam das nach gesundem Menschenverstand einzig mögliche Urteil: ein Freispruch. Allerdings keiner erster Klasse. Der Angeklagte gilt quasi als ein bisschen (un)schuldig. Denn ganz wollte das Gericht Jörg Kachelmann nicht aus seiner Verantwortung entlassen. Beide, Kachelmann und Ex-Freundin, hätten stellenweise gelogen. Bei den Indizien wie dem Messer oder den Verletzungen an Hals und Oberschenkel der jungen Frau seien "unterschiedliche Sichtweisen denkbar".

Die Kammer ist nicht überzeugt von seiner Unschuld, sie ist aber auch nicht zweifelsfrei überzeugt von seiner Schuld. Ein Freispruch wegen erwiesener Unschuld hätte vorausgesetzt, dass der Geliebten beispielsweise eine vorsätzliche Inszenierung der Verletzungen nachgewiesen worden wäre. So blieb es ein Freispruch mit Zweifeln. Mit all seinen Folgen für die beiden Hauptakteure des Dramas.

Potenzieller Vergewaltiger, potenzielle Lügnerin

Juristisch sei die Kammer zwar sicher, die richtige Entscheidung getroffen zu haben, bekannte Richter Seidling zum Schluss. Menschlich allerdings bleibe das Gefühl, keinen von beiden von seiner Last befreit zu haben. Man entlasse den einen mit dem Verdacht, ein "potenzieller Vergewaltiger" zu sein, die andere mit dem Makel, "eine potenziell rachsüchtige Lügnerin" zu sein.

Dieses unerwartete Geständnis eines Juristen gab dem ganzen verfahrenen Prozess zum Schluss doch noch eine versöhnliche Note: Trotz aller Experten, so Richter Seidling, habe die Kammer erkennen müssen, "dass dem menschlichen Erkenntnisvermögen Grenzen gesetzt sind".

Eine ehrliche Einsicht - der größte Moment des Gerichts.