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Kachelmann-Prozess: Neue Erkenntnissse erschüttern These von Selbstversuch

Gericht und Staatsanwaltschaft haben das mutmaßliche Opfer im Fall Kachelmann erneut befragt. Dabei hielt die 37-Jährige an ihren Vorwürfen fest. Die These von Selbstversuchen der Ex-Freundin mit blauen Flecken wurde am 12. Prozesstag deutlich relativiert.

Die frühere Freundin von Jörg Kachelmann hat vor dem Landgericht Mannheim an ihrer Aussage festgehalten, von dem Wettermoderator im Februar 2010 vergewaltigt worden zu sein. Das sagte die Verteidigerin Kachelmanns, Andrea Combé, am Montag. Damit steht in dem Prozess weiter Aussage gegen Aussage. Der 52-jährige Wetterexperte bestreitet die Tat.

Die 37-jährige Radiomoderatorin wurde am Montag noch einmal vom Gericht und anschließend von der Staatsanwaltschaft unter Ausschluss der Öffentlichkeit befragt. Am Mittwoch werden die Gutachter und die Verteidiger Kachelmanns ihre Fragen an die Hauptbelastungszeugin stellen. Die langjährige Freundin Kachelmanns steht dann den vierten Verhandlungstag in Folge im Zeugenstand.

Bei ihrer Ankunft am Landgericht erregte die Frau Aufsehen: Um sich vor den Fotografen zu schützen, hielt sie sich ein Buch vor den Kopf. Titel: "Der Soziopath von nebenan". Untertitel: "Die Skrupellosen: ihre Lügen, Taktiken und Tricks." Die amerikanische Psychologin Martha Stout beschreibt in dem Werk den Typus eines nach außen netten freundlichen Menschen, der in Wahrheit völlig gefühlskalt ist.

"Das habe ich in 28 Jahren noch nicht erlebt"

Kachelmanns Verteidiger, die zuvor zweimal Befangenheitsanträge gegen die Richter gestellt hatten, zeigen sich nun auffallend zufrieden mit der Strafkammer: "Das Gericht versucht, die Wahrheit zu erforschen, und fragt deshalb sehr gründlich", sagte Verteidiger Klaus Schroth. Seine Kollegin Combé erklärte, sie sei "sehr begeistert" von der Gewissenhaftigkeit des Gerichts. "Das habe ich in der Intensität in 28 Jahren noch nicht erlebt."

In wieweit hinter den Aussagen der Verteidiger Taktik steckt, lässt sich nicht beurteilen, da wegen des Ausschlusses der Öffentlichkeit niemand die Angaben überprüfen kann, und sich der Anwalt des mutmaßlichen Opfers in Schweigen hüllt.

Neue Erkenntnisse zu Hämatom-Fotos

Inzwischen liegen weitere Untersuchungsergebnisse zu digitalen Fotos vor, die auf dem Computer der Nebenklägerin gefunden wurden. Sie hatte fast ein Jahr vor der von ihr angegebenen Tat Fotos von blauen Flecken auf ihren Oberschenkeln gemacht. Der von der Verteidigung beauftragte Gutachter Bernd Brinkmann - den das Gericht wegen der Besorgnis der Befangenheit ablehnte - hatte die beiden Bilder als Dokumente einer "Selbststudie" gedeutet. Die Frau habe den "zeitlichen Verlauf" eines Hämatoms untersuchen wollen.

Dabei war Brinkmann jedoch davon ausgegangen, dass die Frau die Fotos im Abstand von einer halben Stunde gefertigt habe. Diese Annahme war nach den neuen Untersuchungsergebnissen wohl falsch: Wie der Vorsitzende Richter am Montag zu Beginn der Verhandlung mitteilte, liegen zwischen den Aufnahmen nur 33 Sekunden. Zeitstudien über die Entwicklung von Hämatomen scheiden damit aus. Der Zweck der Bilder bleibt jedoch weiter unklar. Prozessbeteiligte mußtmaßen, die Fotos hätten möglicherweise als eine Art "erotisches Souvenir" gedient.

mad/DAPD/DPA / DPA