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Kachelmann-Verfahren: Das eindeutig uneindeutige Küchenmesser

Es könnte der wichtigste Tag gewesen sein im Prozess gegen Jörg Kachelmann: En Polizeiexperte hat über Spuren auf der angeblichen Tatwaffe ausgesagt - und sich dabei zum Entlastungszeugen entwickelt.

Von Malte Arnsperger

War er es oder nicht? Hat Jörg Kachelmann seine Ex-Geliebte Silvia May (Name geändert) in der Nacht zum 9. Februar in deren Wohnung vergewaltigt? Seit drei Monaten sucht das Mannheimer Landgericht im Prozess gegen den Schweizer TV-Journalisten nach Hinweisen, die die Beantwortung dieser Frage erleichtern sollen. Dazu wurden in den vergangenen Wochen reihenweise ehemalige Liebschaften des Wettermoderators gehört, Ex-Kollegen Kachelmanns sagten aus, Polizisten und Psychiater traten auf. Jeder durfte seine Meinung sagen, Ahnungen kundtun, Interpretationen liefern. Bis heute brachte der Prozess jedoch eines nicht zu Tage: handfeste Beweise, die auf Kachelmanns Schuld oder Unschuld deuten könnten.

Dies hat sich mit der Aussage von Gerhard Bäßler am 21. Verhandlungstag geändert. Um es vorwegzunehmen: Der Spurenexperte des baden-württembergischen Landeskriminalamtes entwickelte sich in seiner sechsstündigen Aussage zu einem Entlastungszeugen, der eine Verurteilung Kachelmanns wegen der angeklagten schweren Vergewaltigung immer unwahrscheinlicher macht.

Spuren auf dem Messer taugen nicht als Beweis

Bäßler, ein 58-jähriger Diplombiologe, hatte den Auftrag, Asservate aus der Wohnung von Silvia May und dem Auto von Kachelmann zu untersuchen und auf Spuren hin zu analysieren. Darunter befanden sich neben einem Bettbezug, einem Handtuch und einigen Gläsern vor allem das Messer, mit dem der Wettermoderator May bedroht und am Hals verletzt haben soll.

Als Bäßler mit seiner Aussage begann, machte er keineswegs den Eindruck eines Mannes der Kachelmann-Seite. Immer wieder sagte er "Tat" und "Geschädigte", wenn er über May sprach. Kachelmann-Anwalt Johann Schwenn wies ihn wiederholt darauf hin, doch bitte von einem "mutmaßlichen Tatgeschehen" und der "Zeugin" zu sprechen - also keine Vorverurteilung zu betreiben. Es gelang Bäßler nur selten, dieser Bitte Folge zu leisten.

Es sollte der einzige Wehrmutstropfen für den Angeklagten und seine Anwälte an diesem Tag sein. Denn Bäßlers Untersuchungen zeigen deutlich, dass die am Messer gefundenen Spuren keineswegs als Beweis für die angeklagte Tat taugen.

"Es ist nicht sicher, dass er das Messer angefasst hat"

Die Staatsanwaltschaft, die sich auf die Aussage von Silvia May stützt, geht davon aus, dass Jörg Kachelmann seine Ex-Geliebte mithilfe eines Messers zum Geschlechtsverkehr gezwungen hat. Deshalb der Vorwurf der "schweren Vergewaltigung". Er soll das 18,5 Zentimeter lange Küchenmesser dabei mehrfach und minutenlang an Mays Hals gedrückt haben. An Mays Hals wurden später Verletzungen festgestellt.

Der LKA-Experte Bäßler und seine Mitarbeiter haben an der Messerklinge zwar "zwei punktförmige Antragungen" festgestellt. Ihre Analysen haben auch ergeben, dass es sich dabei um Blut handelt. Aber, so der Experte, die Menge sei sehr gering gewesen, eine eindeutige Aussage deshalb nicht möglich: "Es könnte sich dabei um Menschenblut handeln, es könnte aber auch Tierblut sein." Die Untersuchung der zwei kleinen Spuren hat aber noch mehr ergeben, denn die LKA-Beamten haben ein DNA-Muster entdeckt, welches sich "eindeutig" Silvia May zuordnen lasse. Der Beweis für Kachelmanns Schuld? Mitnichten. Laut Bäßler muss diese DNA-Spur nicht durch die angebliche Tathandlung, sondern könnte auch vorher oder nachher durch bloßes Anfassen dorthin gelangt sein. Seine Schlussfolgerung: "Da wir keine eindeutigen Spuren festgestellt haben, haben wir keinen Hinweis darauf, dass mit dem Messerrücken oder der Spitze Verletzungen zugefügt wurden."*

Diesem womöglich prozessentscheidenden Hinweis ließ Bäßler einen weiteren folgen: Auch am Griff des Messers haben die LKA-Experten zwar Spuren gefunden. Die Analyse habe jedoch lediglich "Mischspuren im Bereich der Nachweisgrenze ergeben", sagte Bäßler. "Wir haben Merkmale der Zeugin und des Angeklagten gefunden. Aber da es nur so wenige waren, ist es nicht sicher, dass er das Messer angefasst hat. Ich würde widersprechen, wenn man sagen würde, dass es einen eindeutigen Hinweis auf ihn oder auf sie am Griff gibt."

"Ich hätte mehr Spuren erwartet"

Mit seinen teilweise sehr wissenschaftlich klingenden Ausführungen hinterließ Bäßler des Öfteren Verwirrung bei den Prozessbeteiligten. Immer wieder musste er deshalb seine Ergebnisse erläutern und einordnen. Wie kann es zu einer solchen unklaren Spur kommen? Bäßler hatte dafür mehrere Erklärungen parat: Der Messergriff sei glatt, deshalb müsse sich nicht zwangsläufig viel Zellenmaterial dort halten. Auch komme es auf die Intensität der Berührung an. Auch ein teilweiser Spurenverlust durch den Transport eines Asservats sei in Betracht zu ziehen.

Bäßler sagte zwar, die Befunde am Messergriff "passen zu dem von der Zeugin geschilderten Tatablauf". Doch der Verteidigung gelang es unter tätiger Mithilfe der Staatsanwaltschaft, Bäßler zu wichtigen Einschränkungen dieser Aussagen zu bewegen. Denn Bäßler musste angesichts des von May geschilderten Tatablaufs zugeben: "Bei einem so intensiven Kontakt mit dem Messer hätte ich mehr Spuren erwartet." Zudem wies ihn die Staatsanwaltschaft auf eine sehr sorgfältige und vorsichtige Behandlung des Tatmessers durch die Spurensicherer der Polizei hin: Bäßler räumte ein: "Einen Spurenverlust kann ich somit fast ausschließen."

Diese Erkenntnisse spielen letztlich Kachelmann in die Karten. Denn erstens hat er demnach keine eindeutigen Spuren auf dem Messer hinterlassen, obwohl er das Messer intensiv und mehrere Minuten lang angefasst haben soll. Und selbst wenn man ihm die gefundene Mischspur zuordnen will: Silvia May selber könnte sie dorthin gebracht haben, indem sie das Messer nach einer Berührung mit Kachelmanns Haut angefasst hat. Diese Variante der "Kreuzübertragung" komme in Betracht, sagte Bäßler.

Kachelmanns Verteidiger auffallend zurückhaltend

Eine ähnliche Interpretation ist auch für die Spur Kachelmanns an einem anderen wichtigen Asservat möglich: Nach Angaben von Silvia May hat ihr der TV-Moderator vor der angeblichen Vergewaltigung den Tampon entfernt. Kachelmann bestreitet dies. Am Tamponrückholfaden fanden die LKA-Experten DNA-Material Kachelmanns. Bäßler schlussfolgerte. "Es liegt nahe, dass er vom Angeklagten entfernt wurde. Mit geringerer Wahrscheinlichkeit ist es aber möglich, dass die Zeugin den Angeklagten angefasst hat und den Tampon unmittelbar danach entfernte."

Selbst Kachelmanns Verteidiger Schwenn, der sich in den zurückliegenden Verhandlungen stets durch aggressiv vorgetragene Anträge hervorgetan hatte, hielt sich angesichts dieser Aussagen auffallend zurück. Sichtlich zufrieden sagte er in einer Prozesspause "Jetzt ist alles gut. Es gibt keine Hinweise dafür, dass die Aussagen der Nebenklägerin richtig sind."

Inwiefern es die Richter ähnlich sehen, wird sich erst beim Urteil zeigen. Eines wurde jedoch klar: Die DNA-Analyse gibt Ermittlern weltweit zwar wichtige Hinweise bei der Aufklärung von Straftaten. Immer wieder spielen diese Spuren eine maßgebliche Rolle, wenn es darum geht, Täter zu überführen oder sie von Schuld freizusprechen. Doch auch eine scheinbar so exakte Wissenschaft hat ihre Grenzen. So musste Bäßler seine eigenen Erkenntnisse immer wieder mit einem "möglich" oder einem "es könnte sein" einschränken und erklärte: "Man muss bei der DNA-Analyse zugeben, dass sie ab einer bestimmten Spurenmenge nicht exakt ist."

*Erratum: Im ursprünglichen Rest war von einer Messerklinge die Rede. Das war falsch. Es handelte sich in den Schilderungen des Sachverständigen um den Messerrücken.

  • Malte Arnsperger