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Kalinka-Prozess: Deutscher Arzt beteuert seine Unschuld

Der Fall Kalinka gilt seit 30 Jahren als einer der kompliziertesten der französischen Rechtsgeschichte. Zum Ende des Berufungsprozesses beteuert der angeklagte Stiefvater weiter seine Unschuld.

Vor dem Urteilsspruch im Berufungsprozess um den Tod der 14-jährigen Kalinka hat deren Stiefvater Dieter K. erneut seine Unschuld beteuert. "Ich schwöre bei Gott: Ich habe Kalinka weder vergewaltigt noch getötet", sagte der 77-jährige deutsche Arzt am Donnerstag vor dem Schwurgericht von Créteil bei Paris. Wegen vorsätzlicher Körperverletzung mit Todesfolge war K. 2011 in erster Instanz zu 15 Jahren Haft verurteilt worden.

Er sei "hundert Prozent unschuldig", beteuerte K. mit schwacher Stimme auf Französisch. Er habe Kalinka "gemocht", beide hätten sich gut verstanden. Der Tod des französischen Mädchens vor 30 Jahren sei auch für ihn ein "furchtbares Ereignis" gewesen. "Ich habe gelitten, wir haben gemeinsam geweint", sagte er mit Blick auf Kalinkas Mutter Danielle Gonnin, die in dem Verfahren als Nebenklägerin auftritt. "Ich möchte nicht in Frankreich sterben", fügte der 77-Jährige hinzu.

Die drei Richter und neun Geschworenen zogen sich nach K.s Äußerungen zu Beratungen zurück; das Urteil sollte am Nachmittag fallen. Staatsanwalt Jean-Paul Content hat eine Haftstrafe von 15 bis 18 Jahren gegen K. gefordert. Er sieht es als erwiesen an, dass K. seiner Stieftochter ein Schlafmittel verabreichte, um das Mädchen zu vergewaltigen. Kalinka sei daraufhin erstickt.

Leiblicher Vater hatte mutmaßlichen Mörder verschleppt

Kalinka war am 10. Juli 1982 von ihrer Mutter tot in ihrem Bett in K.s Haus in Lindau am Bodensee gefunden worden, nachdem K. ihr am Vorabend eine Spritze gegeben hatte. In Deutschland wurden die Ermittlungen zum Tod des Mädchens 1987 in letzter Instanz eingestellt, ohne dass es je zu einer Anklageerhebung gegen K. kam. In Frankreich wurde K. 1995 in Abwesenheit zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt. Deutschland lieferte den Kardiologen aber nie aus.

Um K. hinter Schloss und Riegel zu bringen, ließ Kalinkas leiblicher Vater André Bamberski den Arzt im Herbst 2009 aus seinem Wohnort in Bayern in die elsässische Stadt Mülhausen verschleppen. Bamberski ist überzeugt davon, dass K. das Mädchen vergewaltigte und dann tötete, um die Tat zu vertuschen.

Ein Pariser Gericht verurteilte K. schließlich im Oktober 2011 wegen vorsätzlicher Körperverletzung mit Todesfolge zu 15 Jahren Haft, doch legte K. Beschwerde ein. Der Berufungsprozess begann Ende November in Créteil.

Anwalt des Angeklagten hält Prozess für "Justizskandal"

K.s Anwalt Philippe Ohayon bezeichnete das Verfahren gegen seinen Mandanten am Donnerstag als "Justizskandal". Das Gericht habe "absolut nichts" gegen K. in der Hand. Zudem hätten die Medien dazu beigetragen, seinen Mandanten als "Monster" darzustellen, wogegen Bamberski als "Held" beschrieben worden sei.

K.s Verteidiger hatten dem Verfahren in erster Instanz wie auch dem Berufungsprozess jede Legitimität abgesprochen, weil gegen K. laufende Ermittlungen in Deutschland per Gerichtsbeschluss eingestellt wurden und weil K. in Frankreich nur in Haft kam und vor Gericht gestellt werden konnte, weil er verschleppt worden war.

Das Gericht in Créteil hielt aber sowohl K.s Inhaftierung als auch den Prozess für rechtmäßig. Bamberski wird sich wegen der Entführung des deutschen Arztes im kommenden Jahr vor einem französischen Gericht verantworten müssen.

fle/AFP / AFP