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Karadzic-Prozess: Reaktionen aus Bosnien-Herzegowina

Während die Überlebende der Belagerung Sarajevos die Bestrafung Karadzics fordern, bleibt er für viele bosnische Serben ein "Heiliger".

Für die Bewohner Sarajevos sind juristische Feinheiten im fernen Den Haag unerheblich. "Ich möchte eines morgens wach werden und hören, dass er bis ans Ende seiner Tage im Gefängnis bleibt", sagt der Händler Esad Pozder an diesem denkwürdigen Montag über den ehemaligen Serbenführer Radovan Karadzic, der für viele bosnische Muslime die wichtigste Schreckensfigur der jahrelangen Belagerung ihrer Stadt in den 90er Jahren ist. Esad Pozder hat 1994 einen Granatenangriff überlebt, durch den im Zentrum der Stadt 60 Menschen getötet wurden. Die Richter am Kriegsverbrechertribunal in Den Haag aber vertagen den Prozess vorerst, weil der 64-jährige Angeklagte nicht erschienen ist und sich dem intensiven Aktenstudium widmen will.

"Hoffentlich lebt er lange genug, bis dass das Urteil gesprochen wird", sagt der 40-jährige Sead Husic. Für ihn wäre es "unverzeihlich, wenn es wie bei Milosevic ausginge" - dem ehemaligen serbischen Präsidenten Slobodan Milosevic, der im März 2006 als Untersuchungshäftling des Tribunals starb. Während des Bosnien-Krieges (1992-95) hatten die Serben Sarajevo eingekesselt und immer wieder in die Stadt hineingefeuert. Extremisten kämpften für ihren Traum von "Großserbien", das neben dem heutigen Serbien auch große Teile Bosnien-Herzegowinas umfassen sollte. Als ihr politischer Kopf steht Karadzic vor Gericht, er soll auch mitverantwortlich sein für das Massaker von Srebrenica im Osten Bosniens, bei dem im Juli 1995 rund 8000 muslimische Männer und Jungen ermordet wurden.

Obwohl er auf der Fahndungsliste des UN-Tribunals ganz oben stand, gelang es Karadzic viele Jahre lang, der Strafverfolgung zu entgehen. Erst im Juli 2008 wurde der Psychiater, verborgen hinter einer Brille und einem langen weißen Bart, in Belgrad ausfindig gemacht. Er praktizierte dort "alternative Heilkunst", von serbischen Sympathisanten gedeckt. Dass dieser Mann nun für sich in Anspruch nimmt, noch Monate mit der Lektüre der Prozessunterlagen zu verbringen, erzürnt die Opfer und Hinterbliebenen. "Wir wollen, dass Karadzic verurteilt wird", sagt Bakira Hasecic, die nach eigenen Angaben während des Bosnien-Krieges mehrfach vergewaltigt wurde und nun nach Den Haag gereist ist, um der Prozesseröffnung beizuwohnen. "Aber ich würde mich nicht wundern, wenn er nie vor Gericht erscheint."

Auch 14 Jahre nach dem Krieg bietet sich in der Stadt Banja Luka, der 150 Kilometer nordwestlich gelegenen Hauptstadt der bosnischen Serbenrepublik Republika Srpska, ein völlig anderes Bild. Es gehört hier weiter zum guten Ton, die Taten des Radovan Karadzic und seines noch immer flüchtigen Militärchefs Ratko Mladic zu rühmen. "Ob er nun vor Gericht steht oder nicht", sagt der arbeitslose Miroslav über Karadzic. "Für uns Serben wird er immer ein Heiliger bleiben." Auch der Taxi-Fahrer Zdravko sieht keinen Grund, warum die Ansicht über Karadzic sich jemals ändern sollte. "Er kann kein Kriegsverbrecher sein."

Amra Hadziosmanovic/AFP / AFP