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Karlsruher Todes-Drama: Geiselnehmer lebte zurückgezogen

Was ging in dem Geiselnehmer aus Karlsruhe vor? Diese Frage stellen sich auch seine Nachbarn, die das junge Paar kaum kannten. Psychologen vergleichen seine Tat mit einem Amoklauf.

Der Mann, der bei seiner Wohnungsräumung vier Menschen und dann sich selbst erschossen hat, war ein Unbekannter - auch für seine Nachbarn. Keiner will den Geiselnehmer und seine Freundin gekannt haben. "Sie waren nie dabei, wenn wir gegrillt haben oder vor dem Haus zusammensaßen", erzählt ein älterer Mann, der im mittleren Stock des Hauses wohnt. "Ich lebe seit zwölf Jahren hier und habe sie nie gesehen."

Bei den Eigentümerversammlungen seien die beiden aber sehr wohl immer wieder Thema gewesen. Nebenkosten wurden seit Jahren nicht bezahlt, Mahnungen blieben ohne Folgen. "Im Frühjahr kam dann der Brief mit der Zwangsräumung", sagt der Nachbar. "Sie hätten das verhindern können, wenn sie die Schulden sofort gezahlt hätten." Warum sie das nicht getan haben? Der Mann schüttelt unwirsch den Kopf. Das blutige Ende kann in der Siedlung im Norden der Stadt niemand fassen.

Die Wohnungsräumung allein kann das brutale Vorgehen nicht erklären. "Da müssen weit mehr Dinge zusammenkommen", ist Rudolf Egg überzeugt, Direktor der Kriminologischen Zentralstelle in Wiesbaden. Er vergleicht den Täter mit einem Amokläufer, der gezielt auf jene schießt, die er für seine verzweifelte Lage verantwortlich macht. In dieser Situation seien solche Menschen kaum aufzuhalten. "Sie treten quasi durch eine Tür in einen neuen Raum. Alle Verzweiflung fällt von ihnen ab und sie werden ganz ruhig, weil sie nur noch ein Ziel kennen."

Eine Einheit gegen den Rest der Welt

Zu einem ähnlichen Urteil kommt der Psychologe Jens Hoffmann, Leiter des Darmstädter Instituts für Psychologie und Bedrohungsmanagement. Solche Täter seien von dem Gefühl durchdrungen, der Staat oder andere Menschen hätten ihnen alles geraubt und wollten ihnen jetzt auch noch ihre Würde nehmen, sagt er in den ARD-"Tagesthemen" vom Mittwoch. "Deswegen fühlen sie sich häufig wie Einmann-Kommandos, die sagen "Okay, jetzt bin ich ein Mann, eine Einheit gegen den Rest der Welt."

Die Folgen eines solchen Feldzugs sind in dem Karlsruher Wohnblock 24 Stunden nach der Tat noch überdeutlich. Im Treppenaufgang hängt beißender Brandgeruch. Auf den Stufen zum fünften Stock liegen Aschereste verstreut von der Wohnungsstürmung. Niemand hatte Zeit zum Aufräumen. Die Tür zur Wohnung ist versiegelt, aber durch das Aufbrechen lässt sie sich nicht mehr vollständig schließen. Ein schmaler Spalt gibt einen kleinen Ausschnitt des Flurs frei - ein roter Fleck auf dem Boden erinnert an das blutige Ende.

Vor dem Eingang des Blocks haben Freunde der Opfer Sonnenblumen und kleine Sträuße abgelegt, Kerzen brennen. Der 33 Jahre alte Mitarbeiter des Schlüsseldienstes, der vom Täter erschossen wurde, als er sich wehrte, hinterlässt mehrere Kinder. Seine Frau ist schwanger. Der 47 Jahre alte Gerichtsvollzieher, den der Geiselnehmer mit einem Kopfschuss tötete, hat nach Angaben der Polizei ebenfalls Kinder.

Die Bewohner hoffen nun, dass bald wieder Ruhe einkehrt in ihre so friedlich wirkende Siedlung im Grünen. Der Nachbar etwa will unangenehme Stimmungen erst gar nicht zulassen. Er fühle sich trotz der tragischen Ereignisse wohl. "Die anderen Hausbewohner sind nett", sagt er. Die Hausgemeinschaft sei intakt - eben bis auf die eine Ausnahme. "Aber Verrückte gibt es überall."

Ingo Senft-Werner, DPA / DPA