Karolina-Prozess "Teufel, Sadist oder Kindermörder"


Die dreijährige Karolina erlebte in den fünf Tagen vor ihrem gewaltsamen Tod Anfang 2004 die Hölle auf Erden. Der Prozess offenbart die erschreckende Gefühlskälte der Angeklagten.

Mit schier unfassbarer Gewalt und Brutalität ist sie von ihrem 31-jährigen Peiniger gequält worden, bis sie mit Brandwunden übersät an einem Faustschlag ins Gesicht starb. Ihre Mutter rettete sie nicht, rief niemanden zu Hilfe, sie unterstützte bei einzelnen Misshandlungen sogar ihren damaligen Lebenspartner. Die Prozessbeobachter waren sprachlos, welche Abgründe sich im Karolina-Prozess auftaten. Noch in dieser Woche soll das Verfahren mit einem Urteil zu Ende gehen.

Das zu erwartende Strafmaß wird wahrscheinlich wesentlich durch Gutachten über die Angeklagten beeinflusst. Karolinas Mutter wird vermutlich mit lebenslanger Haft rechnen müssen. Ihr 31-jähriger Ex-Freund erwartet eine hohe Strafe um die 13 Jahre. Lebenslänglich deswegen nicht, da ihm der Gutachter als psychische Störung eine "schwere seelische Abartigkeit" attestiert hatte. Der gewalttätige, in Deutschland geborene Türke wird wohl den Rest seines Lebens in Gefängnissen und der geschlossenen Psychiatrie verbringen.

"Teufel, Sadist oder Kindermörder"

Auffallend während des Verfahrens war die Gefühlskälte der beiden Täter. Obwohl die Mutter von Karolina an fast allen Prozesstagen schluchzte und weinte, bescheinigte ihr der Gutachter bei voller Schuldfähigkeit eine große Gefühlskälte. Das habe vor allem der Videofilm gezeigt, in dem das Martyrium der kleinen Karolina mit ihrer Mutter und einem Polizeibeamten als Ex-Lebensgefährte nachgestellt worden war. Fast geschäftsmäßig nüchtern hatte sie darin die grausamen Details angegeben. Mehrmals blitzte auch im Gerichtssaal ihre Aggressivität auf, etwa wenn sie ihren Mitangeklagten als "Teufel, Sadist oder Kindermörder" anfuhr.

Der Hauptangeklagte zeigte bei der Schilderung der Misshandlungen überhaupt keine emotionale Reaktion. Teilnahmslos saß er da, wenn seine Gewaltausbrüche gegen das hilflose Mädchen vorgetragen wurden. Zunächst hatte er noch versucht, seine Quälereien zu verharmlosen. Da war dem Staatsanwalt der Kragen geplatzt, der Angeklagte wolle das Gericht wohl für dumm verkaufen. Dann erst gab der mutmaßliche Mörder nach und nach zu, wie er Karolina zu Tode gequält hat.

Keine Hilfe für Karolina

Das Memmingen Landgericht hat in den vergangenen fünf Wochen das Tatgeschehen gewissenhaft erforscht und sowohl der Anklage wie auch den Verteidigern Raum gegeben, ihre Sichtweisen vorzutragen. Die Gutachten zu den beiden Tätern und das Obduktionsergebnis der ermordeten Karolina werden wohl die Basis für den Urteilsspruch sein. Im Prozessverlauf ist klar geworden, dass die Mutter mehrmals vor dem Tod ihrer Tochter Gelegenheit gehabt hätte, Hilfe für das Kind zu rufen. Ihre Angaben, aus Angst vor ihrem gewalttätigen Ex-Freund nichts unternommen zu haben, waren nicht überzeugend. Es bleibt der schwere Vorwurf: Mord durch Unterlassen.

Dem 31-Jährigen drohen zunächst ein paar Jahre Haft, dann die Überweisung in die geschlossene Psychiatrie, wie es der Gutachter angeregt hat. Im Augenblick sei der mutmaßliche Mörder noch "therapieunfähig". Seine eigene, jetzt zehnjährigen Tochter, wird er nicht mehr oft zu sehen bekommen.

Nikolaus Dominik/DPA DPA

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