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Kasachstan: Brutaler Überfall auf Deutschen

Kritisch berichtete Marcus Bensmann über Machtumstürze, Massaker und Kinderarbeit in Zentralasien. Nun ist der Reporter bei einem Überfall in Kasachstan nur knapp dem Tod entkommen. Mit gebrochenem Schädel und schwersten Erfrierungen liegt er in einer deutschen Spezialklinik.

Von Silvia Feist

Frühmorgens wurde Marcus Bensmann bewusstlos im Schnee aufgefunden. Der 38-jährige deutsche Journalist war in Kasachstan brutal überfallen worden. Er erlitt einen mehrfachen Schädelbruch und schwerste Erfrierungen an Händen und Füßen. Die bisher unbekannten Täter hatten ihn aus einem Auto geworfen und bei Temperaturen von minus 20 Grad zurückgelassen, ohne Jacke und Schuhe. Stunden später fand ihn ein Passant.

Bensmann gilt als einer der besten Kenner Zentralasiens. Seit mehr als zehn Jahren verfolgt er die Umbrüche in den ehemaligen Sowjetrepubliken. Er berichtet über politische Machtkämpfe, schreibt über Menschenrechtsverletzungen, Korruption und das internationale Gerangel um die Öl- und Gasvorkommen, die Kasachstan zu einem der wichtigsten Staaten in Mittelasien machen.

Menschenrechtsreporter gilt in Usbekistan als Regierungsgegner

Bensmann lebt mit seiner Frau Galima Bukharbaeva in Kirgisistan, einem Nachbarstaat Kasachstans. Der Umzug dorthin war nicht freiwillig. Ursprünglich lebte das Journalistenpaar in Usbekistan. 2005 waren die beiden dort in der Stadt Andischan dabei, als usbekische Sicherheitskräfte Hunderte friedlicher Demonstranten erschossen. Sie berichteten und galten fortan als Regierungsgegner. Galima Bukharbaeva erhielt für ihre Arbeit den International Press Freedom Award des amerkanischen Committee to Protect Journalists.

Die Hintergründe des Überfalls auf Marcus Bensmann sind noch immer unklar. "Die deutsche Botschaft steht bei der Aufklärung des Falls in engem Kontakt mit den kasachischen Behörden", sagte Martin Jäger vom Auswärtigen Amt zu dem Journalistennetzwerk Weltreporter.net, "diese gehen bisher von einem Raubmotiv aus."

Verletzter Bensmann in deutsche Spezialklinik überführt

Bensmann wird inzwischen in einer deutschen Spezialklinik behandelt. "Wir sind erst mal froh, dass Marcus geistig fit ist", sagt Bensmanns Schwester Ariane. Seine Frau ist bei ihm und derzeit nicht für eine Stellungnahme erreichbar. Kurz nach der Tat hatte sie Radio Free Europe gesagt, sie habe keine Hinweise, dass der Überfall in Zusammenhang mit der Arbeit ihres Mannes stehe.

Im vergangenen Oktober war Alisher Saipow, ein usbekischer Kollege des Paares, im kirgisischen Exil erschossen worden. Hinter dem Mord wird der usbekische Geheimdienst vermutet. Saipow war ein ausgesprochener Kritiker von Islom Karimow, der seit der Unabhängigkeit des Landes 1991 Präsident ist, obwohl die Verfassung eine fünfjährige Amtszeit vorsieht, die nur einmal verlängerbar ist. Auch Bensmann ist bekannt für seine kritische Berichterstattung – und Hartnäckigkeit. Sein Freund und Kollege David Schraven erzählt in einem Blog, wie Bensmann Beweise für Menschenrechtsverletzungen sammelte. Etwa im Fall Musafar Avazows, eines Mannes, der im usbekischen Gefangenenlager Yaslik gekocht wurde: "Marcus hat die Beweise besorgt, Fotos der entstellten Leiche. Marcus hat gezeigt, wie Rücken, Bauch, Beine und Arme des vierfachen Vaters eine einzige Brandblase bildeten."

Diesmal recherchierte Bensmann Mal für den WDR eine eher harmlose Geschichte: den Wirtschaftsboom in Astana, der neuen Hauptstadt Kasachstans. Der Nachtclub, vor dem er in ein Privattaxi stieg, hätte ein Drehort sein sollen.