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Auf Dachboden der Mutter gefunden Ein Motorboot, vier Millionen Euro und ein filmreifer Plan: Kieler täuschte eigenen Tod vor

Der 53-jährige Mann im Gerichtssaal in Kiel
Der 53-jährige Mann soll zusammen mit seiner Ehefrau und seiner 89-jährigen Mutter 14 Lebens- und Unfallversicherungen in Höhe von rund 4,1 Millionen Euro abgeschlossen haben
© Frank Molter / DPA
Der Plan war filmreif, doch die Polizei kam ihnen auf die Schliche. In Kiel steht ein Trio vor Gericht, weil es versucht haben soll, sich Millionen von Lebensversicherungen zu ergaunern. Einer von ihnen täuschte dafür offenbar seinen Unfalltod vor.

Sein Ehering wurde ihm zum Verhängnis. Das metallene Schmuckstück reflektierte nämlich am 7. Mai das Licht aus der Taschenlampe eines Polizisten. Durch das Aufblitzen entdeckte der Ermittler den Mann und nahm ihn fest. Der heute 53-Jährige hatte hinter Kartons gekauert, seinem Versteck auf dem Dachboden der alten Stadtvilla seiner Mutter im niedersächsischen Schwarmstedt. Sieben Monate zuvor hatte seine Ehefrau ihn vermisst gemeldet, nach einem angeblichen Bootsunfall. Laut den Ermittlern war das alles inszeniert und der Mann, seine Ehefrau und seine 87-jährige Mutter wollten sich so mehr als vier Millionen Euro von mehreren Versicherungen erschleichen. Am Mittwoch startete der Prozess vorm Landgericht Kiel, zunächst gegen das Paar. Das Verfahren gegen die betagte Mutter war aus gesundheitlichen Gründen abgekoppelt worden.

Die Staatsanwaltschaft ist überzeugt, dass das Trio im Sommer 2018 den Plan für die Tat fasste. In den Monaten darauf schlossen sie demnach 14 Risiko-, Lebens- und Unfallversicherungen ab, jeweils über mehrere 100.000 Euro. Achtmal war die Mutter als Begünstigte eingetragen, sechsmal die Ehefrau. Insgesamt sollten so 4,149 Millionen ausgezahlt werden.

Im Boot bricht er auf, doch kommt nie an

Die eigentliche Tat beginnt dann im Herbst 2019. Am Nachmittag des 7. Oktobers bricht der Mann in seinem Motorboot im Kieler Hafen gen Dänemark auf. In Bagenkop hatte er eine Unterkunft gebucht, kam dort jedoch nie an. Sein gekentertes Boot wird am Folgetag erstmals in der Ostsee gesichtet, drei Tage später wird es geborgen. An Bord werden keine Schwimmwesten gefunden, auch das Schlauchboot ist weg. Am 10. Oktober meldete die Ehefrau ihren Gatten als vermisst. 

Die Ehefrau soll in den Wochen nach dem angeblichen Unfall, "in engem Austausch mit ihrem Mann im Rahmen des Vermisstenverfahrens gezielt" darauf hingewirkt haben, "die schriftliche polizeiliche Bestätigung" für den Tod ihres Gatten zu bekommen, so die Staatsanwaltschaft am Mittwoch vor Gericht. Offenbar war das Trio davon ausgegangen, dass die polizeiliche Bestätigung für die Auszahlung der Versicherungssummen ausreichen würde. Dafür aber muss ein Amtsgericht den Tod bestätigen. Das beantragte die Frau letztlich auch.

Doch die Beamten waren von Anfang an misstrauisch. Ein Gutachter stellt bereits im Oktober bei der Inspektion des Bootes Manipulation fest. Der verschollene Ehemann hatte offenbar Wasser ins Boot gepumpt, um es zum Kentern zu bringen. Schnell stoßen die Ermittler außerdem auf die zahlreichen Versicherungen, die das Ableben des Mannes zu einem lukrativen Geschäft machen würden. Als die Frau sich um die Todesbestätigung bemüht, nehmen die Ermittler sie fest.

Spezialkräfte durchsuchen Villa der Mutter

Am 27. April wird ein Haftbefehl für sie und ihren Ehemann ausgestellt. Doch da wissen die Beamten noch nicht sicher, wo er sich befindet. Vor Gericht rekonstruiert die Staatsanwaltschaft die Zeit nach dem vermeintlichen Bootsunfall wie folgt: Der Mann habe sich mit einem motorisierten Schlauchboot an Land gerettet und habe sich zunächst nach Hamburg abgesetzt. Dort habe er bis November bei einer Freundin seiner Ehefrau gelebt, ehe er zu seiner Mutter nach Niedersachsen gefahren sei, wo er dann die folgenden Monate verbracht habe.

Nachdem seine Frau festgenommen wurde, zog sich auch die Schlinge um seinen Hals zu und am 7. Mai durchsuchten Spezialkräfte das Anwesen seiner Mutter im niedersächsischen Schwarmstedt – dort fanden sie ihn auf dem Dachboden.

Angeklagt sind die drei wegen besonders schweren versuchten Betrugs in 14 Fällen. Der Prozess war am Mittwoch nach wenigen Minuten schon wieder vorerst beendet. Das Ehepaar schweigt vor Gericht zu den Vorwürfen, die Frau hat sich jedoch nach Angaben der Behörden als einzige der drei Beschuldigten bisher zum Tatvorwurf geäußert. Was genau sie gesagt hat, ist allerdings noch unklar. Kommenden Mittwoch soll der Beamte als Zeuge aussagen, der sie vernommen hat. Sie ist inzwischen wieder auf freiem Fuß, die betagteste der drei war von vornherein ob ihres Alters von der Haft verschont. Nur der Ehemann sitzt wegen Fluchtgefahr seit Mai in Haft.  

Ein Urteil wird für Ende Januar erwartet. Als Höchststrafe für Betrug im besonders schweren Fall sieht das Gesetz 10 Jahre Haft vor. In einem vergleichbaren Fall in den 90er-Jahren wurde der Angeklagte damals zu 13 Monaten Haft auf Bewährung verurteilt.

Quellen:Pressemitteilung Polizei und Staatsanwaltschaft Kiel 1 / Pressemitteilung Polizei und Staatsanwaltschaft Kiel 2 / Paragraph 263 StGB / DPA

fin

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