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Kindermörder will aus dem Knast: Die Akte Dutroux

Der belgische Serientäter Marc Dutroux hat nie Reue gezeigt - beantragt aber vorzeitige Haftentlassung. Was treibt ihn? Welche Chancen hat er, frei zu kommen?

Von Sebastian Schneider

Warum hat Marc Dutroux seine vorzeitige Entlassung beantragt?

Weil er das Recht dazu hat. Nach belgischem Gesetz haben alle Häftlinge die Möglichkeit, eine bedingte Entlassung zu beantragen - egal, welche Tat sie begangen haben. Marc Dutroux kündigte seinem Anwalt schon im vergangenen Jahr an, diesen Antrag stellen zu wollen. Ab dem 30. April 2013 könnte er auf Bewährung freikommen, dann hätte er ein Drittel seiner zu erwartenden Strafe verbüßt. Bei "Lebenslänglich" orientiert sich die zu erwartende Haftdauer an der durchschnittlichen Lebenserwartung. Den Rest seiner Strafe könnte Dutroux mit einer elektronischen Fußfessel im Hausarrest absitzen.

Für welche Taten wurde Dutroux verurteilt?

Dutroux, in den Boulevardmedien wahlweise als "Bestie" oder "Teufel" bezeichnet, hatte in den 1990er Jahren sechs Mädchen und junge Frauen entführt, missbraucht und sie in seinem Kellerverlies in Charleroi gefoltert. Vier von ihnen starben. Seinen ehemaligen Komplizen, der ihn um Geld betrogen haben soll, vergiftete Dutroux. Seit 1996 sitzt er im Knast, verurteilt wegen Mordes, Kindesentführung, Vergewaltigung und Freiheitsberaubung. Die Strafe: lebenslänglich. Mit beteiligt war auch seine damalige Frau und Komplizin Michelle Martin. Ihr wurde der Tod zweier Mädchen, die Dutroux eingesperrt hatte, angelastet - sie hatte die Heranwachsenden verhungern lassen. Dutroux saß zu diesem Zeitpunkt wegen Autodiebstahls im Gefängnis.

Was müsste passieren, damit Dutroux entlassen würde?

Sowohl Gefängnisleitung als auch psychiatrische Gutachter müssten bescheinigen, dass von dem 56-Jährigen keine Gefahr mehr für die Allgemeinheit ausgeht. Außerdem müsste er einen festen Wohnsitz und eine Beschäftigung nachweisen. Er müsste dem Gericht einen detaillierten Plan zu seiner Wiedereingliederung in die Gesellschaft vorlegen. Und bevor er entlassen würde, müssten die Opfer entschädigt werden. Im Fall Dutroux aber weiß niemand, wie das funktionieren soll.

Wie stehen seine Chancen auf eine vorzeitige Entlassung?

Nahezu bei null. Laut seines Anwalts hat sich Dutroux während der Haft nicht geändert. "Er ist überzeugt, nichts Böses getan zu haben", sagte sein Arzt Michel Matagne belgischen Journalisten. Die Gefängnisleitung in Nivelles spricht sich gegen eine Entlassung Dutroux' aus. Und selbst wenn er vor Gericht mit seinem Antrag Erfolg hätte, könnte die belgische Regierung Dutroux' Freilassung verzögern - und eine zehnjährige Sicherheitsverwahrung verfügen.

Sind ehemalige Komplizen Dutroux' bereits vorzeitig entlassen worden?

Ja. Seine Ex-Frau Michelle Martin wurde im August 2012 aus der Haft entlassen - unter strengen Auflagen und nachdem sie 16 von 30 Jahren ihrer Strafe verbüßt hatte. Sie darf sich den Familien der Opfer nicht nähern, Belgien nicht verlassen und keinen Kontakt mit Medien aufnehmen. Martins Freilassung empörte die belgische Öffentlichkeit. Staatsanwaltschaft und einige Angehörige von Dutroux' Opfern legten gegen das Urteil Einspruch ein - ohne Erfolg. Heute lebt Michelle Martin in einem Kloster in Malonne, im Südwesten des Landes. Michel Lelièvre, ein weiterer Ex-Komplize von Marc Dutroux, will Ähnliches erreichen. Er wurde für seine Beteiligung an zu 25 Jahren Haft verurteilt - und hat in den vergangenen Monaten mehrere Klöster angeschrieben, um sie zu bitten, ihn aufzunehmen. Er hat angekündigt, am 26. Februar eine vorzeitige Haftentlassung zu beantragen.

Was für ein Leben könnte Marc Dutroux außerhalb des Gefängnisses führen?

In jedem Fall wäre es ein völlig isoliertes. Marc Dutroux gilt in Belgien noch immer als "Staatsfeind Nummer Eins", er hat das Land mit seinen Taten tief traumatisiert. Schon im Gefängnis hat Dutroux keinen Kontakt zu anderen Häftlingen, aus Angst um seine Sicherheit. Ganz Belgien kennt sein Gesicht - Dutroux müsste wohl rund um die Uhr von Polizisten geschützt werden. Seine Angehörigen haben sich von ihm abgewandt, seine fünf Kinder haben ihren Nachnamen inzwischen geändert. Ein freier Mann wird Marc Dutroux wohl nie mehr werden.

Was sagen Opfer und deren Angehörige zu Dutroux' Entlassungsantrag?

Laetitia Delhez, eines der überlebenden Opfer Dutroux', protestiert dagegen, dass sie Dutroux' Resozialisierungsplan vor Gericht beurteilen soll, aber keine Akten des Falles einsehen darf. Deshalb hat sie vergangene Woche vor dem Europäischen Gerichtshof Klage gegen die belgische Justizministerin eingereicht. Auch die Mutter der ermordeten An Marchal bezeichnete die Anhörung gegenüber der belgischen Zeitung "La Libre Belgiqe" als "Farce". Obwohl beide Frauen am Montag geladen waren, weigerten sie sich, zu kommen. Als einzige Angehörige saßen Vater und Bruder der 1995 von Dutroux ermordeten Leefje Lambrechts im Gerichtssaal. Auch sie fordern größeres Mitspracherecht bei der Wiedereingliederung Dutroux' in die belgische Gesellschaft.

Unter welchen Sicherheitsvorkehrungen fand die Anhörung statt?

Der Justizpalast in Brüssel glich während der Anhörung am Montag einem Hochsicherheitstrakt. Dutroux wurde von einer Eskorte in den Gerichtssaal gebracht, die auf den Transport der gefährlichsten Häftlinge Belgiens spezialisiert ist. 120 Polizisten waren im Einsatz, sie kontrollierten die Besucher an den Eingängen mit Metalldetektoren, ein Polizeihubschrauber kreiste über dem Gerichtsgebäude. So sollte nicht nur die Öffentlichkeit vor einem Ausbruch Dutroux' geschützt werden - sondern auch umgekehrt der wohl meistgehasste Mann Belgiens vor Übergriffen. Der Polizeieinsatz kostete nach Angaben der belgischen Polizeigewerkschaft etwa 50.000 Euro.

Wie lange wird das Verfahren voraussichtlich dauern?

Das ist noch unklar. Unter Berufung auf Justizkreise berichtet die belgische Zeitung "La libre Belgique", das Verfahren könne acht bis zehn Tage dauern. Innerhalb von zwei Wochen muss das Gericht zu dem Antrag Stellung nehmen. Nach der zweistündigen Anhörung von Dutroux' am Montag wollten sich die Anwälte nicht zum Verfahren äußern.

  • Sebastian Schneider