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Kindermord in Schweden: "Sie haben Löcher in der Stirn"

Mit einem Messer und einem Hammer ermordet eine deutsche Stalkerin die zwei kleinen Kinder von Emma Jangestieg. Im stern.de-Interview erzählt die Schwedin, die auch selbst schwer verletzt wurde, von dem Tag, der ihre Familie ins Unheil gestürzt hat - und von der schweren Zeit danach.

Von Elmar Jung und Anette Lache

Sie sitzt da, als friere sie. Zieht die Ärmel ihres schwarzen Pullovers über den Handrücken bis nach vorne zu den schmalen Fingern. Immer wieder geht der Blick von Emma Jangestieg auf den kleinen Silberrahmen vor ihr. Auf das Bild ihrer toten Kinder. Auf Max und Saga. Vor gut einem Jahr, am 17. März 2008, war die aus Hannover stammende Christine S. in das Haus der Familie in der schwedischen Kleinstadt Arboga gestürmt. Sie tötete die Kinder, drei und ein Jahr alt, mit mehr als 40 Hammerschlägen und verletzte die heute 23-jährige Mutter und Hausfrau schwer. Die deutsche Studentin hatte anderthalb Jahre zuvor mit Torgny H., dem heutigen Lebensgefährten von Emma Jangestieg, eine kurze Urlaubs-Affäre auf Kreta gehabt, die er jedoch schnell beendete. Die Deutsche aber verfolgte ihn, zog sogar nach Schweden. "Sie war besessen vom Geliebten", sagte später ein Richter über die Täterin. Wegen Mordes wurde Christine S., 32, im August 2008 in einem Indizienprozess zu lebenslanger Haft verurteilt; eine letzte Anfechtung des Urteils scheiterte jetzt.

Frau Jangestieg... Oder dürfen wir Sie Emma nennen, wie es in Schweden üblich ist?

Gerne.

Emma, warum wollen Sie mit uns über das Leid sprechen, das Ihnen vor einem Jahr von einer Deutschen zugefügt wurde?

Ich habe das Gefühl, dass ich den Deutschen meine Geschichte erzählen will. Was mir passiert ist, und wie ich damit lebe. Damit sie mehr erfahren als einfach nur: In Schweden wurden zwei Kinder ermordet.

Wie sehr hat sich Ihr Leben nach dem Tod Ihrer Kinder verändert?

Ich versuche, nur noch schöne Erinnerungen zuzulassen. Denke zum Beispiel an Max und Saga, wie sie beim Entenfüttern immer das ganze Brot auf einmal ins Wasser geworfen haben. Solche ganz normalen Dinge eben. Die Bilder von dem Angriff blende ich so gut es geht aus.

Grübeln Sie manchmal: Warum gerade meine Kinder?

Oft. Den Hass, der gegen mich gerichtet war, kann ich irgendwie noch nachvollziehen. Aber nicht den gegen meine Kinder. Deshalb quält mich diese Frage ständig. Und es gibt keine Antworten.

Christine S. war krankhaft eifersüchtig auf Sie und Ihre Beziehung zu Ihrem Lebengefährten. Haben Sie jemals gedacht: Hätte ich mich bloß nie mit diesem Mann eingelassen?

Nein, nie. Ich gebe Torgny keine Schuld, sondern der Frau, die uns das Ganze angetan hat. Dafür habe ich die Zeit in unserer kleinen Familie zu sehr geliebt. Und das tue ich immer noch.

Uns ist bewusst, wie schwer es Ihnen fallen muss, über den Tag der Tat zu sprechen…

Das ist schon in Ordnung.

Wie sah er bis zu dem Überfall aus?

Ich war mit den Kindern bis gegen 16 Uhr in der offenen Vorschule, eine Art Freizeiteinrichtung. Max spielte mit einer Burg, Saga versteckte sich, und ich musste sie suchen. Saga hatte ihren rosafarbenen Overall an, Max seine Schneehose. Die Kinder liebten es, sich in den Schnee zu werfen. Torgny hatte tagsüber zu Hause an einem Poster für eine Musik-Veranstaltung gebastelt. Er war auch noch zu Hause, als die Kinder und ich von der Vorschule zurückkamen. Am Abend musste er weg. Er arbeitet als Sozialarbeiter vor allem mit Jugendlichen. Da gibt es kaum geregelte Arbeitszeiten.

Und er kam erst zurück, als alles schon passiert war.

Ja, er war es, der uns gefunden hat. "Sie haben Löcher in der Stirn", hat er den Leuten vom Notruf gesagt. Und dass er nicht mehr mit uns sprechen kann.

Woran können Sie sich noch erinnern?

Ich weiß noch, dass ich mit meiner Schwester telefoniert habe. Bis kurz nach sieben Uhr war das. Dann wollte ich die Kinder ins Bett bringen. Und in dem Moment hörte ich ein Geräusch an der Haustür, Klingeln oder Klopfen, das weiß ich nicht mehr. Eine Frau stand vor der Tür. "Hi, I'm Tine". Sie sprach Englisch, nicht Schwedisch. Sie drängte sich an mir vorbei in die Diele und schlug mir mit einem spitzen Gegenstand auf den Kopf. Es ging alles so schnell. Ein stechender Schmerz schoss durch meinen Kopf, dann wurde es schwarz um mich herum. Komisch, ich weiß noch, wie ich an der Wand lehnte. Sie stand vor mir und hinter ihr hing ein großer Spiegel, so dass ich sie auch von hinten sehen konnte. Seither habe ich Angst vor Spiegeln.

Wo waren Saga und Max?

Sie hatten sich an diesem Abend - wie meist vor dem Schlafengehen - die Kindersendung mit Coco, dem kleinen Affen, angeschaut. Ich sehe sie noch, wie sie glücklich auf dem Sofa saßen und an den Händen hielten. Dies ist das letzte Bild, das ich von meinen Kindern im Kopf habe. Sie wurden später ganz in meiner Nähe gefunden. Mit schlimmen Kopfverletzungen. Nachdem ich die Tür geöffnet habe, müssen sie wohl vom Wohnzimmer in die Diele und damit direkt in die Hände von Christine gelaufen sein. Sie haben sich doch immer so über Besuch gefreut. Max und Saga sind wenig später im Krankenhaus gestorben.

Aber Sie waren auch schwer verletzt.

Von den vielen Schlägen mit dem Hammer hatte ich zahlreiche Wunden am Kopf und eine Hirnblutung. Mein rechtes Ohr war gespalten, die rechte Hand gebrochen und mein Stirnbein zertrümmert. Vom linken bis zum rechten Ohr habe ich jetzt eine große Narbe. Ich lag zehn Tage im Koma. Aber schon im ersten Verhör am 1. April sagte ich der Polizei, dass der Angriff etwas mit Torgny zu tun haben muss. Weil es eine Frau war, die das getan hat. Mehr Erinnerung hatte ich damals noch nicht.

Die Polizei hat Sie, um die Ermittlungen nicht zu gefährden, dann komplett abgeschirmt…

…vier lange Wochen. Ich durfte nicht fernsehen, nicht Zeitung lesen - und vor allem mit niemandem über die Tat sprechen. Nicht einmal mit meinen Eltern. Man wollte sichergehen, dass das, was ich erzähle, wirklich meine Erinnerungen sind. Jeden zweiten Tag wurde ich befragt. Und ich erinnerte mich nach und nach - wenn auch sehr langsam - an immer mehr. In den ersten Tagen wusste ich ja gar nicht, was passiert war. Vor allem nicht, dass meine Kinder tot sind.

Haben Sie Ihren Freund und Ihre Eltern denn nicht nach den Kindern gefragt?

Natürlich. Ich habe meiner Familie die ganze Zeit Fragen gestellt. Die haben aber immer nur gesagt: "Nicht wir sollen erzählen, was passiert ist, sondern du." Auch Torgny, der sich liebevoll um mich gekümmert hat, blieb hart, sprach mit mir nur über Belangloses. Das hat mich natürlich schrecklich wütend gemacht. Aber im Nachhinein bin ich froh, dass mein Freund und meine Familie so diszipliniert waren. Denn das hat uns später vor Gericht sehr geholfen. Meine Zeugenaussage war vor Gericht so viel glaubwürdiger. Es war ja ein reiner Indizienprozess, Christine hat nie gestanden.

Und dann musste jemand die schwere Aufgabe übernehmen und Ihnen den Tod Ihrer Kinder Max und Sage beibringen.

Eigentlich hatte es ein Klinikarzt schon im März versucht. Ich soll nur gesagt haben "Ach, ja" und bin sofort wieder eingeschlafen. Wahrscheinlich wollte ich es einfach noch nicht begreifen. Wirklich realisiert habe ich das erst ein paar Wochen später, als die Ärzte das Gefühl hatten, nicht mehr länger warten zu können und es mir nochmal gesagt haben. Ich sprach ja ständig von meinen Kindern, in der Gegenwart. Dass ich sie jetzt baden müsse, dass ich mit ihnen spielen werde, wenn ich wieder zu Hause bin. Aber als mir dann klar war, dass ich sie nie wieder baden würde, nie mehr mit ihnen spielen könnte, habe ich die ganz Nacht geweint. Um mich zu schonen, hatte man mir nicht gesagt, wie sie gestorben sind. Komisch, ich dachte zunächst an einen Autounfall. Erst zwei Wochen später sagte mir die Polizei alles. Und auch, dass Christine S. verdächtigt wird.

Emma, durften Sie Ihre Kinder noch einmal sehen?

Ja. Sie hatten kleine Mützen auf.

Haben Sie je daran gedacht, dass Sie nicht mehr weiter leben wollen?

Nein. Ich bin froh, dass ich lebe. Dass ich überlebt habe.

Im August 2008 wurde Christine S. der Prozess gemacht. Wie haben Sie es ausgehalten, der Täterin gegenüberzustehen?

Am schlimmsten war der Tag, als ich sie zum allerersten Mal wiedersah. Ich konnte ihren Anblick nicht lange ertragen und bin zusammengebrochen. Ich habe sie dann später im Verlauf des Prozesses nie wieder direkt angesehen. Aber ich war mir sicher, dass sie die Frau war, die uns überfallen hat. Das Bild, das sich von der Tat in meinem Kopf eingebrannt hatte, stimmte einfach mit der Person überein, die da auf der Anklagebank saß.

Man konnte lesen, dass Christine S. vor Gericht gegrinst hat.

Ja, sie hat das sehr oft getan. Aber ich habe versucht, das nicht an mich heranzulassen. Es hätte mich zu viel Kraft gekostet. Ich brauchte die Kraft für mich selbst.

Ein starkes Motiv aus Sicht der Anklage war die Fixierung der jungen Frau auf Torgny H. - bevor Sie sich in ihn verliebten.

Fatalerweise haben wir sie vor der Tat nicht wirklich als Stalkerin empfunden. Weil uns nicht das ganze Ausmaß ihrer Besessenheit, ihres kranken Denkens, bekannt war. Erst während des Prozesses haben wir von ihren Tagebucheinträgen erfahren, dass sie uns ausspioniert hat. Und dass in ihrem Notizbuch neben unserer Adresse der Satz stand: "Ich breche dir das Genick." Wirklich erschreckend.

Sie hatten also nie Angst vor ihr?

Nein. Ich kannte sie ja nicht mal, hatte sie nur mal auf einem Foto gesehen. Und als sie dann Torgny in SMS und Briefen vorgeworfen hat, er habe ihr Leben zerstört, glaubte ich noch, dass sie die Trennung schon irgendwann akzeptieren würde. Ich hatte sogar schon vorgeschlagen, sie einzuladen, damit sie sich mit ihm ausspricht. Dazu ist es allerdings nie gekommen, wir hatten keine Adresse von ihr.

Wie haben Sie den Prozess durchgestanden?

Für mich war es immens wichtig, anwesend zu sein. Ich war an allen Verhandlungstagen dort, das war Teil des Verarbeitungsprozesses für mich. Und ich habe das auch für die Kinder gemacht. Die waren ständig bei mir. Und Spiderman.

Spiderman?

Max hat oft zu mir gesagt: "Mein Spiderman beschützt alle." Und deswegen war die Puppe auch an allen Verhandlungstagen dabei. Sie sollte mich beschützen.

Waren Sie nach dem Urteil erleichtert?

Ja, das fühlte sich gut an. Zu hören, dass das Gericht der Überzeugung ist, dass diese Frau schuldig ist. Aber ich empfand keine Genugtuung, die hätte mir Max und Saga schließlich auch nicht zurückgebracht.

Wie gehen Sie mit der Erinnerung an ihre Kinder um?

Ich habe Spielsachen aufbewahrt, auch Kleidungsstücke. Aus ihnen werde ich eines Tages eine große Patchwork-Decke nähen, sie soll mich an kalten Tagen wärmen. Das Plüsch-Krokodil von Max habe ich einem kleinen Mädchen aus seinem Kindergarten geschenkt; Max wollte sie später einmal heiraten. Ich weiß, dass sie das Krokodil jede Nacht auf die Fensterbank legt, damit mein Sohn es sehen kann.

Und wie geht es Ihnen heute?

Natürlich belasten mich die psychischen Folgen des Anschlags wesentlich mehr als die physischen. Ich habe zum Beispiel Angst davor, neue Leute zu treffen. Ich habe Angst, rauszugehen, wenn es dunkel ist. Oder alleine zu Hause zu sein. Aber ich übe. Irgendwann hoffe ich, wieder ein normales Leben führen zu können. Und nachts, wenn ich träume, dann immer von meinen Kindern, und ausschließlich positiv. Meistens träume ich, dass ich sie umarme. Sie ganz fest an mich drücke.

Können Sie sich vorstellen, noch einmal Kinder zu haben?

Eigentlich ja. Und Torgny auch. Aber zur Zeit habe ich noch das Gefühl, dass ich den Kindern noch keine ganze Mutter sein könnte. Ich bin noch nicht so weit.

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