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Kindermorde von Krailling: Schmutzige Wäsche im Mordprozess

Im Prozess um den Doppelmord von Krailling geht es diesmal um die Familienverhältnisse des Angeklagten. Insbesondere seine Schwiegermutter macht aus ihrem Herzen keine Mördergrube. Der Angeklagte Thomas S. sei "fett", "stinkend", ein "Schmarotzer" gewesen, dem es nur darum ging, Geld zusammenzuraffen.

Von Malte Arnsperger, München

Der Richter hat schon eine Vorahnung."Wir wollen hier heute keine schmutzige Wäsche waschen", sagt Ralph Alt gleich zur ersten Zeugin. "Denn wir wissen ja, die Verhältnisse bei der Familie S. sind etwas schwierig." Der erfahrene Jurist, der kurz vor der Pensionierung steht, sollte Recht behalten: Der siebte Verfahrenstag im Prozess um die Kindermorde von Krailling am Landgericht München geriet zu einer innerfamiliären Schlammschlacht. Hauptziel: der Angeklagte Thomas S.

Der Mann, der seine zwei Nichten Chiara und Sharon in der Nacht zum 24. März 2011 ermordet haben soll, muss sich Attacken seiner Verwandten anhören. Wie etwa von Doris S., der Großmutter der beiden getöteten Kinder. Eine 70-jährige Frau, die ihre weißen Haare zu einem strengen Zopf gebunden hat. Sie kommt mit einem Helfer von Kriseninterventionsteam, ihr fällt dieser Auftritt vor Gericht schwer. Sie müsste nicht aussagen, könnte von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch machen. Doch die Frau reißt sich zusammen und antwortet zunächst klar und überlegt. "Sehr, sehr lieb", habe sie ihre beiden Töchter Ursula, die Ehefrau des Angeklagten und Anette, die Mutter von Chiara und Sharon. "Doch die beiden sind sehr verschieden." Annette sei die lebenslustige gewesen, Ursula das oft gesundheitlich angeschlagene "Sorgenkind". Sie habe sich, so Doris S., deshalb stets mehr um Ursula gekümmert, "das war nicht immer leicht".

Diese schwierige Zeit mit ihrer Tochter Ursula scheint Doris S. nachhaltig geprägt zu haben. Denn für ihre Erstgeborene und deren Familie findet sie kaum mehr ein gutes Wort vor Gericht. Nachdem Ursula mit ihrem Mann Thomas und den vier Kindern im Sommer 2007 aus Nordrhein-Westfalen zurück nach Bayern gezogen sei, habe sie die Familie zwar "mehr um sich gehabt". Besonders positiv scheinen Doris S. diese Begegnungen aber nicht in Erinnerung geblieben zu sein. Denn selbst über die Kinder ihrer Tochter äußert sie sich abfällig. Die seien "ziemlich laut und streitend" gewesen. Der älteste Sohn von Ursula und Thomas habe sich oft geprügelt und sei sehr rücksichtslos mit Sachen umgegangen. Zudem habe der Junge Schwierigkeiten in der Schule gehabt, Chiara und Sharon dagegen seien "intelligente Kinder" gewesen.

"Fett", "stinkend", "ein Schmarotzer"

Das Gericht fordert die Frau immer wieder auf, so viel wie möglich über die Familie zu erzählen. Schließlich schweige der Angeklagte bisher im Prozess, "da sind sie unsere wichtigste Quelle". Und diese Quelle wettert weiter, vor allem über ihren Schwiegersohn. So habe sich der nach dem Umzug 2007 nicht um eine angemessene Wohnung für seine vielköpfige Familie gekümmert. Bei ihren Besuchen habe sich Thomas stets vor seinen Computer verzogen, sie sogar mal rausgeschmissen, beklagt sich Doris S. Zudem habe er sich ständig mit seiner Frau gestritten. Bei einem dieser Streits habe Thomas seiner Ursula sogar gedroht, sie und die Kinder umzubringen. Kurzum: "Thomas hat immer Theater gemacht. Es war jedes Mal ein großer Streit mit ihm. Der hat sich aufgeführt wie ein Wahnsinniger." Letztlich habe sie im Jahr 2009 den Kontakt mit der Familie ihrer Tochter Ursula abgebrochen, berichtet Doris S. "Es ging nicht mehr. Ich konnte es nicht mehr ertragen."

Als Doris S. dann vom psychiatrischen Sachverständigen gebeten wird, Thomas S. zu charakterisieren, bricht es aus ihr regelrecht heraus. Der Angeklagte sei "fett", stinkend", ein "Schmarotzer", ein "niederträchtiger" Mann mit einer "ziemlich hämischen Lache". Richter Alt, der ja so etwas erwartet hatte, macht keinerlei Anstalten, den Tiraden Einhalt zu gebieten. Während der Adressat dieser Angriffe - wie so oft in diesem Prozess - den Kopf schüttelt oder ein verächtliches Grinsen aufsetzt, ist sein Anwalt über die Zurückhaltung des Gerichts erbost. "Angesichts dieses ernsten Themas haben wir uns eigentlich unter den Prozessbeteiligten geeinigt, auf Sachlichkeit zu achten. Wir scheinen da aber die einzigen zu sein, die das berücksichtigen", sagt Adam Ahmed in einer Pause zu stern.de. "Zudem tragen solche Äußerungen nichts zur Aufklärung des Falles bei".

Anklage sieht Motiv in Vermögensstruktur der Familie

Nachdem diverse Polizisten, DNA-Gutachter und Spurenexperten Thomas S. schwer belastet haben, sucht das Gericht nach einem möglichen Motiv des mutmaßlichen Täters. Die Staatsanwaltschaft denkt, Thomas S. habe aus Geldnot gehandelt, da er sich mit einem Hausbau in Peißenberg übernommen habe. Deshalb habe er seine Schwägerin und deren Töchter töten wollen, um damit seine eigene Ehefrau Ursula zur Alleinerbin des Vermögens von Annette zu machen. Nur durch einen Zufall, so die Annahme der Ankläger, ist die Mutter von Chiara und Sharon dem Tod entronnen.

Um diese These abzuklären, muss sich das Gericht mit den komplizierten finanziellen Verhältnissen der Familie S. auseinandersetzen. Doris S. und weitere Zeugen berichten von diversen Erbstreitigkeiten und sogar Gerichtsverfahren um das Vermögen. Überhaupt bekommt man das Gefühl, dass Geld in dieser Familie stets zu Konflikten geführt hat. Vor allem Ursula und Thomas S. sollen dabei eine Hauptrolle gespielt haben. "Die waren immer darauf aus, das Geld zusammenzuraffen", sagt Doris S. aus.

Um Klarheit in die Vermögensstruktur der Familie zu bekommen, hat die Kammer Gerhard S geladen. Der ehemalige Kanzler von Universitäten in München und Karlsruhe ist der Onkel der beiden Schwestern Ursula und Anette und verwaltet den Großteil des Familienvermögens, das in Immobilien und Aktien angelegt ist. Und so hat Gerhard S. auch einen Überblick über die finanzielle Lage von Anette. Zum Zeitpunkt des Mordes, berichtet er, habe Annette rund 500.000 Euro besessen, wovon vieles in schwer verkäuflichen Immobilien stecke.

Wichtig für den Prozess dürfte sein, dass Ursula S. im Falle des Todes ihrer Schwester und deren Töchter nach Einschätzung ihres Onkels tatsächlich einen beträchtlichen Teil dieses Vermögens geerbt hätte. Und Gerhard S. fügt hinzu: "Ich denke, dass Thomas Bescheid wusste über diese erbrechtlichen Dinge. Denn seine Frau hat mir immer gesagt, dass sie nur den Haushalt macht und ihr Mann für den Rest zuständig sei." Jedenfalls so lange, bis er am 1. April 2011 verhaftet wurde.

Ex-Ehefrau verweigert die Aussage

Zwar hatte Ursula S. ihrem Mann zunächst ein Alibi gegeben. Das aber nur, weil sie sich so schlecht an die Mordnacht erinnern könne, hatte sie in einem Interview mit dem stern gesagt. Ihr Mann habe sie wahrscheinlich mit Schlafmitteln betäubt. "Ich weiß, wie die wirken, und bin mir sicher, dass er mir irgendwie an diesem Abend eine untergejubelt haben muss, denn ich war wie benebelt. Er hat mich bewusst ruhiggestellt in dieser Nacht, da bin ich mir sicher." Mittlerweile sei für sie klar, dass ihr Mann der Täter ist. "Für mich gibt es keinen Zweifel, dass er es war."

Auch bei der Scheidungsverhandlung in Weilheim im Sommer 2011 ist sich das Paar nicht begegnet. Umso gespannter richten sich die Blicke der Zuschauer vor dem Landgericht auf Ursula, als sie ihre Aussage machen soll. Mit ihrem Anwalt setzt sich die langhaarige Frau auf den Zeugenstuhl. Während Thomas S. seine Immer-Noch-Frau - die Scheidung ist nicht rechtskräftig - ständig fixiert, würdigt sie ihn keines Blickes. Lang ist die Begegnung nicht. Ursula S. verweigert ihre Aussage.

Verteidiger Adam Ahmed bedauert dies. Er hätte gerne von ihr persönlich gewusst, warum sie ihrem Mann erst ein Alibi gegeben hat und dieses dann widerrufen hat. Doch seinem Mandanten bleiben so - zumindest für diesen Prozesstag - weitere Schmähungen erspart.