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Kinderprostitution in den USA: 2200 gerettete Kinder von 100.000

Rasant breitet sich in den USA die Zwangsprostitution von Minderjährigen aus. "Jeder kann Zuhälter sein, egal ob weiß, braun, grün oder lila", sagt ein Fahnder nach einem Schlag gegen die Täter.

Sacramento: Sechs Mädchen zwischen 15 und 17 Jahren. Detroit: Fünf Mädchen und ein Junge im Alter von 13 bis 17. Milwaukee: Sieben Mädchen zwischen 16 und 17. Es sind 19 von insgesamt 79 Jugendlichen, die zur Prostitution gezwungen wurden und nun mit Hilfe einer landesweiten Aktion der US-Polizei aus den Fängen ihrer Ausbeuter befreit wurden. Das jüngste Opfer ist gerade einmal elf Jahre alt. Drei Tage lang hatten Fahnder in 57 amerikanischen Städten Razzien durchgeführt und dabei 107 mutmaßliche Luden festgenommen. "Jeder kann Zuhälter sein, egal ob weiß, braun, grün oder lila. Egal ob alt oder jung, Frau oder Mann", sagt Polizist Dan Steele aus Denver.

Steele, der für den Großeinsatz mitverantwortlich war und dabei von einem Team des Senders ABC begleitet wurde, nennt seine Leute "Pimp Hunter", Zuhälterjäger. Ihre Mission ist, die zunehmende Zwangsprostitution von Minderjährigen zu bekämpfen. Die Zahl von Kindern und Jugendlichen, die zum Sex gezwungen werden, wird in den USA auf rund 100.000 geschätzt. "Viele Menschen glauben, dass Kinderprostitution ein Problem anderer, weit entfernter Länder ist", sagt der Polizist, "aber das ist es nicht. Auch unsere Kinder sind davon betroffen, aus unserer Nachbarschaft."

Razzien auf Fernfahrerrastplätze und Straßenstrichen

Die jüngste Operation, genannt "Cross Country", ist Teil der seit 2003 laufenden nationalen Initiative "Innocence Lost" (Verlorene Unschuld). Dabei arbeiten das FBI, das Justizministerium und das Nationale Zentrum für vermisste und ausgebeutete Kinder (NCMEC) zusammen. Bislang konnten mehr als 2200 Kinder gerettet werden, wie es beim FBI heißt. Bei der neuesten Razzia waren Hunderte von FBI-Mitarbeitern und örtliche Polizeibeamte beteiligt. Ihr Ziel waren sowohl Betreiber einschlägiger Internetseiten als auch Orte wie Fernfahrerrastplätze und Straßenstriche.

FBI-Mann Kevin Perkins sagt, in vielen Fällen handele es sich um organisierte Kriminalität, die Täter hätten regelrechte Geschäftspläne aufgestellt und ihre "Märkte" genau im Blick. Oft würden sie das Internet nach manipulierbaren Kindern durchsuchen oder sie an Bushaltestellen ansprechen. Sie böten ihnen Hilfe an, um ihr Vertrauen zu gewinnen. Laut Dan Steele seien die betroffenen Mädchen durchschnittlich zwölf Jahre alt, wenn sie in die Hände der Zuhälter fielen. Der Experte geht davon aus, dass rund ein Drittel der Jugendlichen, die etwa von zu Hause ausgebüxt sind, innerhalb der ersten 48 Stunden auf der Straße in die Hände von Kriminellen gerieten und zur Prostitution gezwungen wurden.

Zuhälter täuschen und tricksen

"Die Zuhälter stellen sich immer geschickter an", sagt Marisa Ugarte, Chefin einer Hilfsorganisation für Kinderprostitution in San Diego. "Sie gewinnen das Vertrauen der Jugendlichen, täuschen falsche Identitäten vor und wissen, wo sie ihre Opfer am besten unterbringen, so dass sie kaum gefunden werden können", zitiert sie der örtliche Internetdienst 10news.com .

ABC lässt in der Sendung die 20-jährige Austin zu Wort kommen, die vor zwei Jahren von den "Pimp Hunters" befreit wurde. Die Frau wuchs in einem beschaulichen Vorort von Denver auf und ging, wie sie berichtet, "auf einer der besten Schulen" der Gegend. Doch ihr gut behütetes Leben änderte sich schlagartig, als sie begann zu trinken und Drogen zu nehmen. Sie landete schließlich im Gefängnis und wurde von einem Mann in "Obhut" genommen. Der entpuppte sich als Zuhälter.

Happy End für Austin

"Er kam an und sagte, ich kümmere mich um Dich." Erst dachte Austin, er würde ihr einen neuen Job besorgen, als er vorschlug, sein Geschäftspartner zu werden. Als sie dann für ihn anschaffen ging, verdrängte sie ihr Schicksal. "Es war, als würde das nicht passieren, als wäre es nicht das echte Leben", so Austin in der TV-Sendung. Und doch: "Es war schrecklich, in den Alter, mit 16, 17, das Gefühl zu haben, dass das Leben schon vorbei ist." Mittlerweile ist Austin dabei, ihr Leben zu meistern. Sie geht aufs Collage und ist verlobt.

Niels Kruse mit DPA