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Kinderschänderprozess: "Den Sinn für Menschlichkeit verloren"

In Angers ist der größte Prozess Kinderschänderprozess der französischen Rechtsgeschichte zu Ende gegangen. Die von den Kindern beschriebenen Perversionen trieben selbst routinierten Anwälten Tränen in die Augen.

Im wohl monströsesten Kinderschänderprozess der französischen Geschichte sind am Mittwoch langjährige Haftstrafen gegen die Schlüsselfiguren verhängt worden. Wegen Vergewaltigung seiner drei Enkelkinder verurteilte ein Gericht in der Stadt Angers den Angeklagten Philippe V. zu 28 Jahren Freiheitsstrafe und 18 Jahren Sicherheitsverwahrung. Die Staatsanwaltschaft, die den Mann im Prozess als "Raubtier" bezeichnete, hatte eine um zwei Jahre längere Gefängnisstrafe gefordert. Ähnlich hohe Haftstrafen erhielten zwei Brüder, die maßgeblich am Aufbau des Kinderschänderrings beteiligt waren. Die Kassenhalterin des Kinderschänderrings, Patricia M., die ihre Tochter vergewaltigt und an Komplizen "vermietet" hatte, soll für 16 Jahre ins Gefängnis.

Insgesamt waren in dem Verfahren 65 Männer und Frauen wegen Vergewaltigung von Minderjährigen, Zuhälterei, Kindesmissbrauch und Beihilfe dazu angeklagt. Nach Darstellung der Staatsanwaltschaft wurden in Saint-Leonard, einem sozialen Brennpunkt von Angers, zwischen 1999 und Februar 2002 insgesamt 45 Kinder von den eigenen Eltern und Großeltern oder von Nachbarn missbraucht. In manchen Fällen wurden die Opfer anderen zur Prostitution überlassen. Das jüngste Opfer soll zum Zeitpunkt der Übergriffe erst sechs Monate alt gewesen sein. Die von den Kindern beschriebenen Perversionen der Erwachsenen trieben selbst routinierten Anwälten Tränen in die Augen.

Keine Anzeichen vor Reue

Vor Gericht verschanzten sich die meisten Angeklagten hinter eine Mauer des Schweigens. 32 von ihnen wiesen jede Schuld von sich. Videofilme mit den Aussagen der Kinder wurden zum Teil mit Schulterzucken oder Lachen quittiert. "Ich weiß, dass ich das Leben meiner Enkelin zerstört habe", war eines der seltenen Eingeständnisse eines Angeklagten, der sich jahrelang an Sex-Partys beteiligt und als Zuhälter seiner Enkelin aufgetreten war.

In der Wohnung der V.s ereigneten sich die meisten Übergriffe. Beteiligt war daran neben Philippe V. auch sein Sohn Franck, der zu 18 Jahren Haft und zwölf Jahren Sicherheitsverwahrung verurteilt wurde. Seine Exfrau erhielt 16 Jahre Freiheitsstrafe. Die heute zehnjährige Tochter des Paares wurde laut Anklage von 21 verschiedenen Personen vergewaltigt. Franck V. war als Kind selbst von seinem Vater Philippe missbraucht worden, der deswegen 1991 schon ein erstes Mal verurteilt wurde. Während des Verfahrens erklärte der alte Mann, seine Kinder seien ihm völlig egal.

"Diese Jäger haben erschreckende Orgien veranstaltet"

Als besonders gefährlich bezeichnete die Staatsanwaltschaft auch den Angeklagten Moise C., der zu 18 Jahren Haft und zwölf Jahren Sicherheitsverwahrung verurteilt wurde. "Er konnte nicht einschlafen, ohne Kinderpornos anzuschauen", sagte Staatsanwalt Yves Auriel Anfang dieses Monats. "Diese Jäger haben erschreckende Orgien veranstaltet, um ihre sexuellen Bedürfnisse zu befriedigen und Geld zu verdienen", sagte Anwalt Philippe Cosnard. "Diese Männer und Frauen haben den Sinn für Menschlichkeit verloren." Gerichtspsychiater bescheinigten den Kindern, seelisch zerstört zu sein und ein perverses Verhältnis zum eigenen Körper bekommen zu haben. Viele haben Schulprobleme und bekommen Psychopharmaka gegen ihre Angstzustände.

Etwa zehn der 45 Opfer kamen am Mittwoch in das Gerichtsgebäude, sie verfolgten die Urteilsverlesung in einem an den Verhandlungssaal angrenzenden Raum. Einer der Nebenklage-Anwälte sagte, die Urteile hätten die Kinder beruhigt. Die Richter hätten "einer Erwartung entsprochen", sagte Alain Fouquet. Einige Eltern sollen ihre Kinder Nachbarn gegen Zahlung eines kleinen Geldbetrages oder gegen Alkohol und Zigaretten überlassen haben.

Neun lange Tage hatten die drei Richter und neun Geschworenen vor ihrem Urteil streng abgeschirmt in einer Militärkaserne beraten. Dabei hatten sie fast 2000 Fragen zur Schuld oder Unschuld der aus sozialen Randschichten stammenden Angeklagten zu klären versucht. Weil sie zwei Fragen übersehen hatten, mussten sie eine Sitzung unterbrechen und "nachsitzen". Das verzögerte die Urteilsverkündung um mehrere Stunden. In ihrer von Gendarmen überwachten Konklave hatten die Richter und Geschworenen keinen Zugang zu Medien oder Telefon. Das Problem: Die Nachberatung über zwei Fragen fiel nach Schluss des Konklaves.

Verteidigung forderte Freisprüche

Mit den Urteilen blieb das Gericht knapp unter den Forderungen der Staatsanwaltschaft, die bis zu 30 Jahre Haft für die Hauptangeklagten gefordert hatte. Drei der 65 Angeklagten wurden freigesprochen. Ein vierter, dem vorgeworfen wurde, den Missbrauch nicht gemeldet zu haben, wurde zwar für schuldig befunden, erhielt aber keine Strafe. Die Verteidigung hatte für rund 30 Angeklagte Freisprüche gefordert und ins Feld geführt, dass sie selbst in ihrer Kindheit Opfer von sexuellen Übergriffen geworden seien. Rund 20 Angeklagte hatten sich vor Gericht als schuldig bezeichnet. Viele der Beteiligten haben ein geringes Einkommen, eine niedriges Bildungsniveau und sind Analphabeten. 21 der 23 betroffenen Familien wurden von Sozialarbeitern betreut. Anwälte der Kinder fragten daher nach der Mitverantwortung der Sozialbehörden. Die Verteidiger kritisierten, der Massenprozess habe kaum die Beurteilung jedes einzelnen Angeklagten erlaubt. Es gebe starken Gruppendruck, aber kaum eindeutige Beweise. Bei manchen Angeklagten gelte "die Schuldvermutung, bevor sie überhaupt gesprochen" hätten. In dem seit mehr als vier Monaten andauernden Prozess waren insgesamt 150 Zeugen gehört worden.

DPA/AP/Reuters / AP / DPA / Reuters