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Kindesmissbrauch: "Werde kein Täter!"

Die Berliner Charite hat das weltweit erste Forschungsprojekt zur Vorbeugung von Kindesmissbrauch gestartet. Pädophile Männer können sich ambulant behandeln lassen, wenn sie befürchten, sexuelle Übergriffe zu begehen.

Ein Mann sitzt in der U-Bahn. Eine Mutter mit einem zehnjährigen Jungen setzt sich ihm gegenüber, lächelt ihn an. Aber der Mann sucht den Blick des Jungen. Sein Herzschlag wummert, wird schneller und beruhigt sich erst wieder, als Frau und Junge aussteigen. "Lieben Sie Kinder mehr als Ihnen lieb ist?", fragt die Stimme am Ende des kurzen TV-Spots. Unter diesem Motto steht die Medienkampagne, mit der seit Mittwoch bundesweit nach Probanden für eine Studie gesucht wird: An der Berliner Charité startet das weltweit erste Projekt, mit dem Sexualmediziner Kindesmissbrauch vorbeugen wollen, indem sie potenziellen Tätern helfen. Das Motto der Kampagne lautet: "Damit aus Fantasien keine Taten werden!" Betroffene Männer sollen die Botschaft erhalten: "Du bist nicht schuld an Deinen sexuellen Gefühlen, aber Du bist verantwortlich für Dein sexuelles Verhalten! Es gibt Hilfe! Werde kein Täter!"

Kinder in sexuellen Fantasien

"Das ist kein Täterschutz, sondern Opferschutz", betont der Direktor des Instituts für Sexualmedizin, Prof. Klaus Beier. "Wir richten uns an Männer, die um ihre Neigung wissen und Angst davor haben, eines Tages einem Kind etwas anzutun." Die jahrelangen Therapieerfahrungen hätten gezeigt, dass deren Zahl groß sei. "Rechnen wir Ergebnisse einer Teilstichprobe aus der Berliner Männerstudie hoch, so haben allein in der Hauptstadt rund 29.740 Männer zwischen 40 und 79 Jahren sexuelle Fantasien, in denen Kinder vorkommen." Etwa 1800 hätten diese Fantasien bereits in Taten umgesetzt.

Bundesweit werden in Deutschland etwa 20 000 Kinder pro Jahr Opfer sexueller Übergriffe. "Aber wir gehen davon aus, dass das Dunkelfeld 15 bis 20 Mal so groß ist", sagt Jerome Klein von der Opferschutz- Stiftung "Hänsel + Gretel", die das einzigartige Projekt ebenso unterstützt wie der Weiße Ring und die Volkswagenstiftung. Mehr als 517 000 Euro steuert letztere bei. Die Werbekampagne mit TV-Spot, Anzeigen und Internetauftritt hat die Agentur Scholz & Friends kostenlos übernommen.

An die der Justiz noch unbekannten Dunkelfeldtäter richtet sich das Angebot, das strikt unter ärztlicher Schweigepflicht abläuft. "Pädophile Neigungen manifestieren sich meist schon im Jugendalter. Wir wissen nicht, wodurch sie entstehen, aber wir wissen, dass sie genauso wenig zu ändern sind wie die Liebe zu gleich- oder andersgeschlechtlichen Partnern", betont Prof. Hartmut Bosinski, als Leiter der Sexualmedizinischen Beratungsstelle am Universitätsklinikum Kiel im Beirat des Projekts. "Man kann Pädophilie nicht heilen, aber man kann lernen, sie zu kontrollieren, so dass sie niemanden gefährdet", sagt Prof. Beier.

Opferperspektive im Rollenspiel

Deshalb sollen die Betroffenen in dem mehrstufigen Therapieprogramm zunächst lernen, die für sie persönlich kritischen Situationen zu erkennen und zu meiden. Dann gelte es, so Beier, Wahrnehmungsverzerrungen, etwa vermeintlich auffordernde Blicke der Kinder, zu realisieren. "Die Männer müssen lernen, die Verantwortung für ihr Tun zu übernehmen und sie nicht dem Kind zuzuschieben." Auch die Opferperspektive im Rollenspiel einzunehmen und den inneren Seitenwechsel zu vollziehen, gehört zur Therapie. "Am Ende steht für jeden ein persönlicher Prophylaxe-Plan, zu dem für den Notfall auch ein Medikament gehört", erläutert Beier.

In der Studie werden Einzel- und Gruppentherapie in zwei Gruppen mit je 60 Teilnehmern miteiander verglichen. Eine dritte Wartegruppe dient als Kontrolle und wird nach den ersten beiden therapiert. "Ziel des Projekts ist es zu zeigen: Es gibt diese Männer, die Hilfe wollen. Es gibt wirksame Behandlungsmethoden. Und es gibt messbare Behandlungseffekte", fasst der Experte zusammen. Schon jetzt hätten sich über 50 Männer gemeldet. "Sollten wir nach der viermonatigen PR- Kampagne mehr Teilnahmewillige haben, als wir behandeln können, haben wir ein Problem", räumt Beier ein. Aber das sei für die Sexualmediziner letztlich nichts Neues: Seit Jahren müssten Hilfesuchende abgewiesen werden, weil es kaum Therapieplätze gebe.

Andrea Barthélémy
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