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Kindesmissbrauch in Staufen Christian L. will auspacken. Was er zu sagen hat, ist der Gipfel der Grausamkeit

Über Jahre soll Christian L. den neunjährigen Sohn seiner Partnerin vergewaltigt und anderen Männern für Vergewaltigungen angeboten haben. Prozessiert wird vor dem Landgericht Freiburg (Archivbild)
Über Jahre soll Christian L. den neunjährigen Sohn seiner Partnerin vergewaltigt und anderen Männern für Vergewaltigungen angeboten haben. Prozessiert wird vor dem Landgericht Freiburg (Archivbild)
© Patrick Seeger / DPA
Christian L. wollte Sex - und Geld. Jahrelang soll er den Sohn seiner Partnerin im Internet für Sex angeboten haben. Nun steht er vor Gericht. Christian L. will reinen Tisch machen. Was er zu sagen hat, ist an Grausamkeit nicht zu überbieten.
Von Ingrid Eißele

Als es vorbei ist, kocht die Mutter Abendessen. Für ihren neunjährigen Sohn und ihren Lebensgefährten Christian L., 39, und einen Moment lang sind sie - eine ganz normale Familie.

"Eine normale Familie", das seien sie auch sonst immer wieder gewesen, manchmal sogar wochenlang, sagt Christian L. Es gibt wohl kaum eine absurdere Bezeichnung der Familienverhältnisse von Christian L. Denn mehr als zwei Jahre lang wurde der neunjährige Junge vergewaltigt, gedemütigt und verkauft. Und dennoch sind es diese Details, die viel erzählen über den Mann, der nun vor Gericht reinen Tisch machen will und gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin als Schlüsselfigur des Missbrauchsskandals im Breisgau gilt.

Christian L., 39, Side Cut, Ziegenbärtchen, schwarzes Shirt und graue Jogginghose, ein Mann im Gangster-Style. Am zweiten Verhandlungstag sagte der arbeitslose Mann aus Südbaden ausführlich aus, nicht als Angeklagter - sein Prozess beginnt erst im Juni - sondern als Zeuge gegen seinen Bekannten Markus K.

"Freund" soll Kind zwei Mal missbraucht haben

Gegen Markus K. wird seit der vergangenen Woche wegen Vergewaltigung verhandelt. Zweimal soll er den Neunjährigen missbraucht haben. Markus K. ist im Sprachgebrauch von Christian L. ein "Freund". Die beiden lernen sich 2009 im Gefängnis kennen, beide sitzen wegen Sexualdelikten, und der wortgewandte Christian L. ist einer, der es versteht, Freundschaft und Geschäft zu verbinden. Er lädt Mitgefangene auf einen Kaffee ein, und fragt sie nach ihren sexuellen Vorlieben aus.

Markus K. steht auf Jungs. In der Pubertät oder jünger. Es ist der Beginn eines Geschäftsmodells.

Nach der Entlassung haben beide zunächst Kontakt über Facebook. 2017 treffen sie sich zufällig - ausgerechnet in der forensischen Ambulanz Karlsruhe, wo beide eine Therapie absolvieren sollen, denn sie gelten weiterhin als rückfallgefährdete "Risikoprobanden" und stehen deshalb unter Führungsaufsicht. Im Juni chatten Markus K. und Christian L., L. erzählt von seiner neuen Familie, Berrin T. und ihrem Sohn.

"Wie alt", fragt K.

"Neun", schreibt Christian L.

"Wenn Du mal was weißt, kannst du mir Bescheid sagen."

"Inwiefern?", fragt Christian L.

"Ich denke, du weißt was ich mein", schreibt Markus K. Und: "Neun wäre okay."

L. ist sofort dabei. Filmdreh?

"Okay."

"Sag mir Bescheid, wo."

Mit eigenen Missbrauchsfilmen kann Christian L. im Darknet Türen öffnen, nur mit diesem "Fake Check" kommt er an fremdes Material und kann belegen, dass er kein Ermittler ist.

+++ Lesen Sie hier im stern: Kind im Breisgau mehrfach vergewaltigt: Angeklagter Markus K. legt Geständnis ab +++

Junge soll Markus K. befriedigen - und Christian L. filmt

Vier Wochen später trifft man sich. Er habe Markus K. bestätigt, dass der Stiefsohn "schon Erfahrung mit anderen Leuten hat". Man habe vereinbart, dass der Junge den Mann befriedigen soll und er, der Stiefvater, dabei filmen darf. Die Mutter ist es, die ihr Kind zum Auto der beiden Männer bringt, so schildert es ihr Lebensgefährte. Sie habe nicht gewollt, dass "Kunden" den Sohn in ihrer Wohnung missbrauchen - anderswo schon.

Gemeinsam sucht man nach einem geeigneten Platz unter freiem Himmel. Die erste Begegnung von K. mit dem Neunjährigen auf einer Wiese wird aus Sicht von Christian L. ein Desaster. Er dürfe den Jungen ruhig fester anpacken, hat er ihm zugesichert. Markus K. packt das Kind am Kopf und zwingt es, ihn zu befriedigen. Der Junge fängt an zu weinen, er reagiert mit sichtlichem Widerwillen. Markus K. hat Erektionsstörungen. Selbst die brutalen Regieanweisungen des Stiefvaters, der "Dirty Talk", nutzen nichts. Das Kind funktioniert nicht. "Er sagte, er wolle nach Hause."

Christian L. sagt, er habe die Filmaufnahmen kurz danach gelöscht, "weil es nicht so vollzogen wurde, wie gedacht". Markus K. drückt dem Jungen einen Geldschein in die Hand. So ist es abgemacht.

"Die Mutter macht, was ich möchte"

Wenn Christian L. erzählt, mit ruhiger Stimme, durchaus auskunftsfreudig, deutet allenfalls das zuckende Knie auf Anspannung hin. Über den Jungen spricht er in so sachlichem Ton wie ein Metzger, der ein Kalb zur Schlachtbank führt. 

Kaum zwei Monate nach dem brutalen Akt auf der Wiese kommt der "Freund" wieder zu Besuch. Dieses Mal soll alles nach Plan laufen. Christian L. hat zwei Kameras im Kinderzimmer installiert. Die Mutter hat ein Handtuch bereit gelegt, und eine Plastiktüte mit Handschellen, Fußschließen und einer Maske. Warum die Mutter ihr Kind auslieferte? "Die Mutter ist wie ihr Sohn sehr zurückhaltend. Sie macht das, was ich möchte", sagt Christian L. seinem Freund. 

Christian L. will Sex. Wöchentlich vergewaltigt er den Jungen. Und er will Geld. Ein Kunde, genannt "der Spanier", zahlte für die erste Vergewaltigung des Kindes 10.000 Euro. Der Junge ist sein bestes Geschäftsmodell. Es genügte, ihn mit einer Drohung einzuschüchtern. Christian L. stellte ihm seine Vergewaltiger als Polizisten vor, wenn er nicht gehorche, komme er ins Heim. Das reichte, um ihn gefügig zu machen und jeden Widerstand zu ersticken.

An jenem Septembertag, als der Freund zum zweiten Mal kam, weinte der Junge nicht mehr. Er ging gehorsam in sein Kinderzimmer. Zwei Kameras liefen. Christian L. und Berrin T. warteten im Wohnzimmer. Danach vergewaltigte auch Christian L. das Kind.

Und die Mutter kochte Abendessen.

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