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Zehn Terabyte Videos und Fotos Missbrauchsfall von Bergisch Gladbach: Täter sollen eigene Kinder getauscht haben

Kölns Oberstaatsanwalt Ulrich Bremer und Kripo-Chef Klaus-Stephan Becker zum Kindesmissbrauchsfall von Bergisch Gladbach
Der Kölner Oberstaatsanwalt Ulrich Bremer (l.) und Kripo-Chef Klaus-Stephan Becker informierten in der vergangenen Woche erstmals über den Kindesmissbrauchsfall von Bergisch Gladbach
© Marius Becker / DPA
Im Kindesmissbrauchsfall von Bergisch Gladbach wächst der Datenberg für die Ermittler immer weiter. Unterdessen äußert der Kölner Oberstaatsanwalt einen neuen unfassbaren Verdacht.

Der Horror findet fast täglich eine Steigerung. Im Kindesmissbrauchsfall von Bergisch Gladbach um bislang sechs Tatverdächtige sind neue Details bekannt geworden: Die beschuldigten Männer sollen nicht nur ihre eigenen Stief- oder leiblichen Kinder sexuell misshandelt haben, sondern ihre minderjährigen Opfer teils auch untereinander zum Missbrauch getauscht haben (der stern berichtete).

Das Nachrichtenmagazin "Spiegel" zitierte den Kölner Oberstaatsanwalt Ulrich Bremer, wonach es "sehr deutliche Hinweise darauf" gebe, "dass sich mindestens zwei der beschuldigten Männer die eigenen Kinder gegenseitig zugeführt haben".

Das jüngste Opfer ist ein Säugling

Ins Rollen gekommen sind die Ermittlungen nach der Festnahme eines 42-Jährigen aus Bergisch Gladbach vor rund zweieinhalb Wochen. Seither identifizierte die Polizei fünf weitere Männer, mit denen der Verdächtige unter anderem über Messenger-Dienste gechattet und Aufnahmen von begangenem Kindesmissbrauch ausgetauscht haben soll. 

Die weiteren Beschuldigten stammen aus den Regionen Krefeld, Wiesbaden, Viersen, Düsseldorf und Kleve. Es geht nicht nur um den Vorwurf des Besitzes und der Verbreitung kinderpornografischer Schriften, sondern auch um den des schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern. Das jüngste der bislang bekannten neun Opfer des Missbrauch ist nicht einmal ein Jahr alt, berichteten die Ermittler.

Bei den Durchsuchungen der Wohnungen der Verdächtigen stellten die Beamten umfangreiches Beweismaterial sicher: Neben Fesselmaterial, Liebesbriefen in Kinderhandschrift und Sex-"Spielzeug" handele es sich vor allem um Datenträger wie USB-Sticks, Handys oder Festplatten, erklärten die Behörden. Inzwischen seien rund zehn Terabyte an Daten sichergestellt, sagte der nordrhein-westfälische Innenminister laut Nachrichtenagentur DPA am Donnerstag im Düsseldorfer Landtag. Eine erste Durchsicht habe ergeben, dass es sich dabei "in nicht unerheblichen Ausmaß" um Beweismaterial, sprich Missbrauchsabbildungen, handele, beschrieb der Kölner Polizeipräsident Uwe Jacob am Mittwoch den Inhalt der Dateien.

Zur Einordnung: Zehn Terabyte können 5000 Stunden Video in HD-Qualität sein, fast 30 Wochen. Oder 2,5 Millionen Zwölf-Megapixel-Fotos. Im Format 10 x 15 ausgedruckt würden die Bilder eine Fläche von fast vier Hektar bedecken, so groß wie der Berliner Flughafen – es ist eine schier unfassbare Menge fotografierten oder gefilmten Leids, mit dem sich die Ermittler auseinandersetzen müssen.

200 Beamte arbeiten im Kindesmissbrauchsfall

Mittlerweile sind vier Staatsanwälte für den Komplex abgestellt, mehr als 200 Polizeibeamte arbeiten im Schichtdienst an dem Fall. Sie müssen sich jedes einzelne Foto, jedes einzelne Video ansehen. Polizeipräsident Jacob sprach von einer "besonderen Belastung" für seine Mitarbeiter, wobei ihm anzumerken war, dass selbst das untertrieben ist.

Die Polizei geht davon aus, dass es in dem Verfahren nicht bei den bisher sechs Beschuldigten bleiben wird. So sei unter anderem auf einem Handy eine Pornographie-Chat-Gruppe mit rund 1800 Mitgliedern entdeckt worden, die nun jeweils überprüft würden. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit: "Wir müssen schnell handeln, um weitere Missbräuche zu verhindern", hieß es im Kölner Polizeipräsidium. Man arbeite "mit Hochdruck daran, betroffene Kinder zu identifizieren und die Täter aus deren Umfeld zu holen". Es sei eine "Mammutaufgabe".

Für Polizei-Seelsorger Dietrich Bredt-Dehnen ist das Ausmaß der Verbrechen keine Überraschung. "Ich habe mich nicht gewundert", sagte er der DPA. "Wir wissen aus vergangenen Ermittlungen, dass solche Verfahren sich wie eine Krake in weite Bereiche hineinziehen. Wir sehen immer nur die Spitze des Eisbergs" , ließ er Schlimmsters vermuten. Bredt-Dehnen betreut seit neun Jahren Beamte, die im Bereich Kinderpornografie ermitteln und mit schwerer sexualisierter Gewalt an Kindern konfrontiert sind.

Innenminister Reul bezeichnete die aufgedeckten Taten als "monströse Verbrechen". Gegen alle bisher Beschuldigten verhängten Richter Untersuchungshaft. Bei einer Verurteilung müssen die Verdöächtigen mit bis zu zehn Jahren Haft rechnen. Die Opfer werden psychologisch betreut.

Quellen: "Spiegel", Polizei Köln, Nachrichtenagentur DPA


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