HOME

Kindesmisshandlung: Fall Lea-Sophie lastet auf Schwerin

Der Hungertod der fünfjährigen Lea-Sophie hat eine Stadt verändert, in Schwerin ist nichts mehr wie es war. Der tragische Tod lastet auf der Landeshauptstadt. Die Zahl der Anzeigen wegen Kindeswohlgefährdung steigen, der Fall hat aber auch das politische Gefüge der Stadt zum Wanken gebracht.

Von Doris Kesselring

Lea-Sophie wollte hier groß werden. In Schwerin, der Landeshauptstadt von Mecklenburg-Vorpommern. Doch sie wurde nur fünf Jahre alt. Ihre Eltern haben sie verhungern und verdursten lassen. In einer Plattenbauwohnung, mitten in Schwerin. Ab heute stehen sie vor Gericht. Nicole G.,24 und Stefan T.,26, müssen sich wegen gemeinschaftlichen Mordes und Misshandlung von Schutzbefohlenen verantworten.

In Schwerin ist nichts mehr, wie es war. Der Tod des kleinen Mädchens, der als "Fall Lea-Sophie" die Republik erschütterte, lastet schwer auf der Stadt. Er ist "eine offene Wunde", sagt Thomas Ruppenthal, Geschäftsführer der Evangelischen Jugend Schwerin. "Wir müssen wieder mehr aufeinander achten und vor allem hinsehen", hatte der Gemeindepädagoge im November beim Gedenkgottesdienst für Lea-Sophie in der Schweriner Versöhnungskirche gefordert. Das tun die Menschen nun wohl.

Nur noch Haut und Knochen

"Die städtischen Mitarbeiter sind ständig unterwegs", beobachtet Ruppenthal. Sie gehen allen Verdachtsmomenten nach. Die Anzeigen haben zugenommen und die Quote der Fälle, in denen tatsächlich Kindeswohl gefährdet ist, steigt. "Die Menschen sind viel aufmerksamer und sensibler geworden", bestätigt auch Manuela Schwesig, Vorsitzende der SPD-Stadtfraktion. Sie hat im Untersuchungsausschuss zur Aufklärung des Hungertods der Fünfjährigen gesessen und wochenlang Papiere gewälzt, Zeugen gehört und die Defizite im Kinderschutz der Stadt mit ans Tageslicht gebracht. "Es tröstet mich ein wenig, wenn nun anderen Kindern mit ähnlichen Schicksalen schneller geholfen werden kann."

Schwerin hat sich verändert. Die Leute schauen genauer hin, was in der Nachbarschaft passiert, aber sie sehen auch den Politikern weniger nach. Nach monatelangen Querelen in der Stadtvertretung soll jetzt der Oberbürgermeister seinen Hut nehmen.

Zu lange habe sich Norbert Clausen (CDU) schützend vor seinen Parteifreund, den Sozialdezernenten Hermann Junghans, gestellt, zu zögerlich die Aufklärung des Falls Lea-Sophie betrieben. Der Fauxpas, den Hungertod des Mädchens als "Pech" abzutun, das jede Kommune treffen könnte, war zu groß. Die Schweriner verzeihen nur schwer. Die Stadtvertreter haben das politische Schicksal von Norbert Claussen in die Hände der Bürger gelegt. Sie sollen am 27. April entscheiden, ob der Verwaltungschef weiter im Amt bleibt oder nicht. Dieser Volksentscheid ist ein Novum in der deutschen Kommunalgeschichte.

Der Unmut in der Bevölkerung ist groß, meint SPD-Frau Schwesig. "Der OB hat mit seinem Verhalten gezeigt, dass er Krisensituationen nicht gewachsen ist, dass er die Landeshauptstadt nicht repräsentiert, wie es sich gehört." Sie wünscht sich, dass die Schweriner den Weg frei machen für einen Neuanfang. Und die scheinen dazu fest entschlossen, glaubt man den Gesprächen in der Straßenbahn, im Supermarkt, auf Behördenfluren. 28 000 Bürger - ein Drittel der Wahlberechtigten - müssen dem OB ihr Misstrauen aussprechen, erst dann kann im August neu gewählt werden.

Der Abschlussbericht des Untersuchungsausschusses lässt keinen Zweifel: "Der qualvolle Tod von Lea-Sophie wäre vermeidbar gewesen." Die Stadt kann es sich nicht leisten, noch einmal derart zu versagen.

Schon ein Jahr vor dem Hungertod des Mädchens hatten die Großeltern das Jugendamt um Unterstützung gebeten. Sie bemühten sich um einen Kita-Platz für die Kleine, die die ersten zwei Lebensjahre bei Oma und Opa wohnte, damit ihre Mutter die Ausbildung beenden konnte. Norbert und Gertrud G. baten beim Amt um eine Familienhilfe, weil Tochter Nicole G. offensichtlich mit der Erziehung des Kindes überfordert war. Damals wog das Mädchen noch 13 Kilo. Als es am 20. November 2007 starb, war es nur noch Haut und Knochen, ganze 7,4 Kilogramm leicht.

Alle Vorwürfe ignoriert

Auf die Sorge der Großeltern hatte die Behörde mit Briefen und einem Hausbesuch reagiert, bei dem die Familie nicht angetroffen wurde. Als die Eltern dann beim Jugendamt vorsprachen, brachten sie nur den erst zwei Monate alten Bruder Justin mit. Lea-Sophie haben die Mitarbeiter nie gesehen. Ein Versäumnis, das die ganze Arbeit des Amtes in Frage stellt.

Der Untersuchungsbericht des innerstädtischen Ausschusses offenbart denn auch "eklatante Versäumnisse und organisatorische Mängel", die Oberbürgermeister Norbert Clausen (CDU)zuvor monatelang bestritten und unter den Tisch gekehrt hatte. Dabei hätte er schon am ersten Tag, beim Lesen der Akte Lea-Sophie - "wir reden hier von elf Seiten" - erkennen können, dass im Jugendamt gravierende Fehler gemacht wurden, behauptet Manuela Schwesig. Doch Claussen stellt sich vor Junghans und ignoriert jegliche Vorwürfe.

Der Zorn der Schweriner, der Opposition im Stadtparlament, aber auch in den eigenen Parteireihen wächst. "Welcher Teufel hat diese beiden Männer geritten, sämtliche Schuld vom ersten Tag an von sich zu weisen ", fragt die Abgeordnete Karla Pelzer, die enttäuscht und empört Ende November ihr CDU-Parteibuch zurückgibt und knapp drei Monate später der SPD-Fraktion beitritt.

Das politische Gefüge in der in der knapp 100.000 Einwohner zählenden Stadt beginnt zu wackeln. Als die Abwahl des Sozialdezernenten Junghans scheitert, ist vom "Schweriner Tollhaus" die Rede. Hermann Junghans kehrt nach vierwöchiger Pause zurück in die Verwaltung. Zwar nicht auf seinen Chefsessel im Sozialamt, er steht nun dem Liegenschaftsamt vor, verantwortlich für rund 30 Mitarbeiter. "Als Frühstücksdirektor", wie es SPD-Fraktionschefin Schwesig sarkastisch nennt. Der neue Posten sei "eine Belohnung".

"Für das gleiche Geld, arbeitet er viel weniger", ist Schwesig wütend darüber, dass in der Stadtverwaltung, vor allem in den Reihen der CDU keine personellen Konsequenzen gezogen wurden.

Zwei Mitarbeiter mehr

Der Oberbürgermeister hätte die politische Macht dazu gehabt. Doch er wolle keine Verantwortung übernehmen, kritisiert die Opposition. Stattdessen weise er Stadtvertretern und Medien die Schuld zu, den Fall aufgebauscht und die Stadt in Verruf gebracht zu haben. "Dabei ist er für den Ansehensverlust der Stadt ganz allein verantwortlich", erklärt Manuela Schwesig. Die Quittung könnte er in knapp zwei Wochen bekommen.

Gemeindepädagoge Ruppenthal ist besorgt. "Hier werden alte Rechnungen in der Politik beglichen", meint er. " Ob das tatsächlich mit dem tragischen Tod von Lea-Sophie zu tun habe, wage er zu bezweifeln. Dennoch: Das traurige Schicksal der Fünfjährigen hat die mecklenburgische Landeshauptstadt wachgerüttelt. Endlich hat das Jugendamt zwei Mitarbeiter mehr, einen Dienstwagen für dringende Fälle, ein engeres Informationsnetz. Lea-Sophie hat die Menschen emotionalisiert und verantwortungslose Politiker entlarvt. Auch wenn dies nicht auf ihrem Grabstein steht, den sie dank großzügiger Spenden nun endlich bekommen hat. Ein kleines Mädchen hat Großes bewirkt.