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Kindesmisshandlung: Im Stich gelassen

Claudia K. und Daniel S. - sie hatten sich sehr eine Familie gewünscht. Aber als die 22-Jährige kurz nach der Geburt ihres Sohnes wegen Schwarzfahrens ins Gefängnis muss, verliert Daniel S. die Kontrolle.

Von Holger Witzel

Während Jonas noch auf der Intensivstation um sein Leben kämpft, bricht in Leipziger Behörden Hektik aus. Akten werden gewälzt, mögliche Versäumnisse geprüft. Es ist zwar zu spät, aber umso schneller steht fest: Eigentlich haben alle alles richtig gemacht. Das Jugendamt verweist auf eine "lückenlose Dokumentation". Auch mehrere Ärzte haben "aktenkundig" dagegen protestiert, dass eine Mutter zwei Wochen nach der Geburt ihres Babys ins Gefängnis muss. Nur der Sprecher des zuständigen Amtsgerichts sieht anfangs nicht, dass etwas schiefgelaufen ist: "Es gab keinen Grund für einen Haftaufschub." Er meint: kein Gesetz.

Claudia will alles richtig machen

Claudia K., so scheint es, ist die Einzige in dieser Tragödie, die nichts auf andere schiebt, nicht mal auf ihren Freund. Der immerhin soll ihr gemeinsames Baby so schwer misshandelt haben, dass die Ärzte der Leipziger Uni-Klinik auch nach Tagen nicht sagen können, welche Folgen bleiben. "Ich trage diese Verantwortung", sagt Claudia K., 22, "und werde für den Krabbelkäfer immer da sein, egal, ob er wieder ganz gesund wird."

Bei solchen Sätzen wirkt die junge Frau nicht mehr wie die kleine, zierliche Person, die sie eigentlich ist. Dann überlegt sie jedes Wort genau, will niemandem auf den Schlips treten, alles richtig machen. Doch eines weiß Claudia K. genau, und das lässt sie sich weder mit lückenlosen Akten noch mit dem Ermessensspielraum einer Richterin ausreden: "Wäre ich zu Hause gewesen, wäre dem kleinen Krabbelkäfer ganz sicher nichts passiert."

Zwischen lauter angestumpften Kindermörderinnen

Die Medien haben den Krabbelkäfer Jonas genannt. Deshalb begreift seine Mutter nicht gleich, dass es um ihren Sohn geht, als sie Anfang Juni die ersten Meldungen von einem misshandelten Säugling hört. Sie sitzt in der Justizvollzugsanstalt Chemnitz "zwischen lauter abgestumpften Kindermörderinnen" und wird erst misstrauisch, "als mich die Wärterinnen ständig vom Fernsehen abhalten wollen".

Doch in den Nachrichten ist schon von Leipzig die Rede und einem 26-jährigen Mann, der sein schreiendes Baby krankenhausreif geschlagen hat. Claudia K. denkt noch, wie gern sie ihren Krabbelkäfer wieder mal schreien hören würde. Da zeigen sie im Fernsehen ein Bild des mutmaßlichen Täters. Der Mann habe gestanden, heißt es. Sein Gesicht ist gepixelt, aber er trägt ein T-Shirt, das sie ihm geschenkt hat. Wahrhaben will sie es bis heute nicht: "Mein Daniel soll unserem Engel den Schädel eingeschlagen haben?" Die Beruhigungsmittel, die man ihr gibt, helfen kaum. Fast wahnsinnig wird sie vor Ohnmacht und Schuldgefühlen: "Ich habe den Kleinen im Stich gelassen", glaubt sie - und auch den Mann, den sie vorher nie gewalttätig erlebt hat und immer noch liebt.

Der Traum von einer gemeinsamen Zukunft

Vor zwei Jahren haben sich Claudia K. und Daniel S. in einer sogenannten Clean-WG kennengelernt, wo beide unter Betreuung ihre Sucht bekämpften. Sie klammerten sich aneinander, träumten von einer gemeinsamen Zukunft. "Typische Junkiewünsche, Familie und so", sagt Claudia K. abgeklärt, "aber mit Daniel hatte ich erstmals das Gefühl, etwas wert zu sein. Wir waren stark."

Ihre Mutter nahm sich das Leben, da war Claudia K. 12, ihre Oma drei Jahre später. Danach war das Mädchen jahrelang in der Leipziger Heroin-Szene zu Hause. Auch Daniel S., sagt sie, habe als Kind mehr Schläge als Essen bekommen. "Seit wir zusammen sind, hat er sein Alkoholproblem im Griff." Sie selbst wird seit drei Jahren ohne Rückfall mit Substitutionsmitteln behandelt.

Beide haben keine Ausbildung und leben von Hartz IV. Nicht die besten Voraussetzungen, um eine Familie zu gründen, aber für ihre Verhältnisse auch nicht die schlechtesten. Vor allem ist es ein Ziel. Sie brechen den Kontakt zu alten Freunden ab und bauen sich ein Nest. Als Claudia K. schwanger wird, fahnden sie nach kostenlosen Babysachen. Daniel S. bietet sich für "jede Arbeit" an und vergisst in keiner Annonce stolz zu erwähnen, dass er bald Vater wird. Einmal erkundigt sich Claudia K. im Internet: "Wir sind bald eine junge Familie ... jetzt lese ich überall was mit Paten ... aber was macht so ein Pate eigentlich?"

"Sie waren bestens vorbereitet"

Daniel S. will später mit dem Baby zu Hause bleiben, er kann gut kochen, putzt auch. Claudia K. rechnet sich mit ihrem Realschulabschluss bessere Chancen auf eine Arbeit aus. Sie wollen heiraten und melden sich sogar freiwillig auf dem Jugendamt wegen "Hilfe zur Erziehung". Elke Föst-Hanschmann vom Leipziger Jugendhilfe-Verein Herbie erinnert sich nur positiv an die Besuche bei der hochschwangeren Frau und ihrem tätowierten Freund: "Sie waren bestens vorbereitet, hatten schon alles da, was ein Baby braucht, und redeten voller Vorfreude über ihr Kind." Das findet man selten in diesen Kreisen.

Am 22. April kommt der Krabbelkäfer zur Welt. Weil die Mutter noch mit einer geringen Dosis Polamidon behandelt wird, muss das Kind ein paar Tage länger in der Klinik bleiben. Man rechnet mit Entzugserscheinungen. Die Eltern sind jeden Tag bei ihm, es sind die bisher schönsten ihres Lebens. Auch Daniel S. hinterlässt nur einen "liebevollen Eindruck", sagen übereinstimmend mehrere Mitarbeiter der Station. Zwei Wochen dürfen sie Vater, Mutter, Kind spielen, bis zum 9. Mai.

An diesem Tag läuft der Haftaufschub aus, den Claudia K. wegen ihrer Risikoschwangerschaft vier Monate zuvor bekommen hat. Es geht um eine Reststrafe von 64 Tagen aus einem drei Jahre alten Urteil für "Leistungserschleichung". Immer wieder hatte sich Claudia K. in der Straßenbahn ohne Fahrschein erwischen lassen, als sie noch an der Nadel hing. Insgesamt neun Monate Haft hatte sie dafür bekommen und das meiste schon abgesessen. Nachdem sie wieder nicht alle Bewährungsauflagen erfüllt hat, soll sie nun doch noch den Rest verbüßen.

"Ich hatte Stress mit einer Bewährungshelferin", sagt sie. "Die hat behauptet, ich sei wieder auf Heroin, dabei war ich jede Woche zur Urinkontrolle und nachweisbar clean." Also ging sie nicht mehr zur vorgeschriebenen Beratung - so ihre Version vom Verstoß gegen die Auflagen. Die Behörden sagen "aus Datenschutzgründen" nichts dazu. Der Arzt, bei dem sie schon ihre Drogenersatztherapie absolviert hatte, wirft der Justiz wegen des verweigerten Haftaufschubs "Stigmatisierung" vor: Jede nicht heroinabhängige Mutter, so Josef Kesting, hätte ihn bekommen.

Auch Claudia K.s Frauenarzt äußert in einem Brief "schwerste Bedenken gegen die geplante Inhaftierung" und warnt, dass der Vater die Mutter in den ersten Wochen "weder biologisch noch menschlich ersetzen" kann. Die Hebamme, das Krankenhaus, Sozialarbeiter - alle setzen sich bei Gericht für Claudia K. ein. Vergebens.

Das Jugendamt stellt einen Antrag auf Haftaufschub, das Amtsgericht Leipzig teilt der Behörde mit, der werde abgelehnt. Er habe aus formalen Gründen keine Wirkung gehabt, heißt es heute. Claudia K. hätte ihn selbst oder gleich ein Gnadengesuch stellen müssen. Ihre Anwältin, die das auch hätte wissen können, teilt dem Gericht lediglich die Geburt des Kindes mit. Dann war sie im Urlaub, sagt Claudia K. Also setzt sie sich noch einmal allein hin.

Die Mutter fleht um Haftaufschub

"Ich möchte Sie von ganzem Herzen bitten, die Haft noch ein klein wenig aufzuschieben", schreibt sie am 29. April an das Amtsgericht und fleht handschriftlich zwei Seiten lang, "dass man den Kleinen mehr bestrafen würde als mich". Dass ihm in dieser schweren Zeit die wichtigste Person genommen werde. Dass er sich erst an seinen Vater gewöhnen müsse. Und sie schreibt: "Mein Freund hat natürlich auch Angst mit dem Kleinen allein." Angst, etwas falsch zu machen, Angst, die Nerven zu verlieren, Angst, das neue Glück wieder zu verlieren. Ängste, die jeder Vater hätte, wenn er Tag und Nacht mit einem Neugeborenen allein wäre.

Tatsächlich macht sich Claudia K. wenig Hoffnung. Sie kennt die Jugendrichterin. Schon während der Schwangerschaft hatte sie versucht, die Haft- in eine Geldstrafe umzuwandeln. Ihr Brief ist pure Verzweiflung: "Ich möchte an Sie appellieren, mir vielleicht noch etwas Zeit mit meinem Kind zu lassen", fleht sie, "ich bitte Sie darum." Auch Daniel S. unterschreibt "mit vielem Dank!"

Mit gutem Willen hätte man dieses Schreiben sicher als persönlichen Antrag auf Haftverschiebung werten können. Heute lehnt das Amtsgericht Leipzig dazu jede Stellungnahme ab und verweist auf das Oberlandesgericht Dresden als Dienstaufsichtsbehörde. Dort hat man den Fall inzwischen geprüft und kommt zu dem Ergebnis: "Die Auslegung dieses Schreibens obliegt den zuständigen Mitarbeitern des Amtsgerichts und kann dienstaufsichtsrechtlich nicht überprüft werden."

Claudia K. tritt die Strafe an

Nachdem sie nichts mehr vom Gericht hört, tritt Claudia K. am 9. Mai pünktlich ihre Strafe an. Ihr Baby ist 17 Tage alt und noch in der Klinik. Ein paar Tage später darf der Vater es mit nach Hause nehmen.

"Es war fast täglich jemand bei ihm", sagt Brigitte Blattmann vom Leipziger Jugendamt. Anfangs hilft seine Mutter, bis es Streit gibt, weil die Oma angeblich nicht auf Alkohol verzichten will. Die Ärzte sind bei den vorgeschriebenen Untersuchungen zufrieden: Der Junge nimmt zu, keine Auffälligkeiten. Daniel S. hat Handynummern für den Notfall, einmal ruft er sogar bei der Hotline einer Babynahrungsfirma an, weil den Kleinen Blähungen quälen. Zwei Wochen schafft er es allein - oder schafft es, so zu tun, als würde er es schaffen. Als er offensichtlich nicht mehr weiterweiß, ruft er nirgendwo an.

Am 31. Mai rennt der Vater abends von Leipzig-Lindenau quer durch die Stadt bis in die Uni-Kinderklinik. Er hat Jonas im Arm und behauptet zunächst, das Kind sei ihm beim Baden aus den Händen gerutscht. Die Ärzte diagnostizieren "schwere lebensgefährliche Kopfverletzungen" - zu schwer für die Badewannenversion - und rufen die Kripo. Noch in der ersten Vernehmung bricht Daniel S. zusammen und gibt laut Polizeibericht zu, "seinen Sohn mehrfach misshandelt zu haben". Der Tatvorwurf lautet versuchter Mord.

Daniel S. bekommt kein Wort heraus

Claudia K. wird eine Woche später aus der JVA Chemnitz nach Leipzig verlegt. Ein paar Tage sitzen die Eltern im selben Knast, nur ein Hof dazwischen und strengstes Kontaktverbot. Als ein Betreuer ihnen einzeln den vorläufigen Entzug des Sorgerechts verkündet, sieht Claudia K. ihren Freund kurz vor dem Besucherraum. Daniel S. kann ihr nicht in die Augen sehen und bekommt kein Wort heraus. "Er tat mir so leid", sagt Claudia K. und hat Angst, "dass auch das wieder niemand versteht".

Sie stellt erneut Anträge, um nun wenigstens für ihr krankes Kind da zu sein. Diesmal landet der Fall gleich auf dem Schreibtisch des sächsischen Justizministers, wo außerdem gerade an einer neuen Verwaltungsvorschrift gebastelt wird, die für Frauen nach der Geburt künftig eine Schonfrist von acht Wochen vorsieht. Mutterschutz für Häftlinge. Man habe den "gesetzgeberischen Nachholbedarf " erkannt, heißt es, und betont, das ändere trotzdem nichts an "der Rechtmäßigkeit" der Leipziger Entscheidungen.

Noch am selben Wochenende wird die Schwarzfahrerin von Justizminister Geert Mackenroth persönlich begnadigt und am 16. Juni entlassen. Claudia K. fährt sofort ins Krankenhaus und ist froh, dass es dem Krabbelkäfer schon viel besser geht als befürchtet: "Äußerlich ist nichts zu sehen, er schaut mich an, greift zu - vielleicht hat ihn Daniel ja auch nur geschüttelt?"

Es klingt wie der Wunsch eines kleinen Mädchens: Alles soll wieder gut werden, auch für Daniel S. Sie will für ihn kämpfen, alles richtig machen, aber weiß nicht, wie viel Loyalität man ihr erlaubt. Denn Anfang Juli wird entschieden, ob sie das Sorgerecht zurückbekommt. Am Amtsgericht Leipzig.

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kann man sich gegen eine maßnahme vom jobcenter wehren?
hallo. ich bin quasi arbeitsunfähig seit meinem 18ten lebensjahr. ich wiege 200 kg und habe eine betreuung weil ich sonst gar nichts schaffen würde. sie bringt mich zu terminen und begleitet mich zu arzt besuchen. das einzige was ich noch alleine kann ist einkaufen und das auch nur weil es nunmal lebensnotwendig ist ,jedoch bin ich danach total erschöpft und fertig.ich kann keine 200 meter mehr laufen.und mal ganz abgesehen von meiner körperlich verfassung leide ich seit meiner kindheit an starken depressionen,borderline,panikattacken,einer traumatischen belastungsstörung und angstzuständen. ich bin demnach körperlich sowie auch psychisch ziemlich fertig. gestern war ich beim amtsarzt zur begutachtung sowie auch einmal vor 2 jahren. und die ärztin sagt mir ernsthaft,das es zumindest köperlich nicht ausreichen würde das ich weiterhin krank geschrieben werden kann und sagte,das eine maßnahme sicherlich gut sein kann.und das obwohl ich bereits sagte,das ich körperlich unfähig bin irgendwas alleine zu schaffen und ,meine betreuerin mich überallhin begleiten muss.(ich habe kein auto)ich bin vollkommen entsesetzt und habe nun angst das sie mich in eine maßnahme stecvken welche ich einfach nicht schaffe und sie mir dann das minum an geld nehmen welches ich bekomme und ich dann verhungernd und auf der starße leben muss,eben weil es ein ding der unmöglichkeit für mich darstellt.kann man sich da irgendwie wehren?sie sagt sie findet ich sei zu jung um berentet zu werden (28).ich habe gerade wirklich angst.kann man einen menschen zwingen etwas für ihn unmögliches zu tun?ich hab das gefühl die wollen irgendeine quote erfüllen und solange man die arme bewegen kann,ist man arbeitsfähig...hilfe :(