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Kindstötungen in Darry: "Es ist einfach unfassbar"

Es ist eine furchtbare Tat, die den kleinen Ort Darry an der Ostseeküste tief schockiert. Fünf Kinder wurden getötet, offenbar erstickt von ihrer Mutter. Die Familie lebte sehr zurückgezogen, trotzdem sind die Nachbarn fassungslos. Sie haben aber eine mögliche Erklärung für die Tat.

Von Tim Tolsdorff, Darry

Der Westwind treibt trübe Schleierwolken über die hügelige Landschaft im schleswig-holsteinischen Kreis Plön. Über dem Dorf Darry regnet es Bindfäden, eigentlich ein typischer Wintertag in dem Weiler nahe der Ostsee. Doch seit gestern Abend hat das 450-Einwohner-Dorf Darry traurige Berühmtheit erlangt. Am frühen Mittwochnachmittag fand die Polizei in einem kleinen Klinkerhaus in der Straße Sehden die Leichen von fünf Kindern. Unter dem dringenden Tatverdacht, die drei bis neun Jahre alten Jungen getötet zu haben, steht die Mutter der Kinder. Sie gilt als psychisch erkrankt und hatte der Polizei selbst Hinweise auf die Tat gegeben.

Die Rechtsmedizin hat erste Hinweise auf einen Erstickungstod gefunden. Das vorläufige Ergebnis der Obduktion eines Jungen deutet darauf hin, sagte Oberstaatsanwaltschaft Thomas Hoffmann in Kiel. Die endgültigen Ergebnisse stünden aber noch aus. Weitere Obduktionen und toxikologische Untersuchungen würden durchgeführt. Auch eine tödliche Dosis Schlafmitteln war nach Angaben der Staatsanwaltschaft nicht ausgeschlossen. Die Mutter habe gegenüber einem Arzt erklärt, den Kindern Schlafmittel verabreicht zu haben, sagte Hoffmann. Die Frau war zunächst nicht vernehmungsfähig und sollte im Laufe des Tages dem Haftrichter vorgeführt werden. Die Staatsanwaltschaft will nach eigenen Angaben die Unterbringung der Frau in einer geschlossenen psychiatrischen Anstalt beantragen.

"Es ist unfassbar"

Im Garten des renovierungsbedürftigen Einfamilienhauses pendeln die jetzt verwaisten Schaukeln im Wind, vor der Garage stapelt sich Gerümpel. Hinter den milchigen Fenstern kann man Personen in weißer Plastikkleidung sehen. Noch immer sichert die Polizei den Tatort: "Im Haus sind seit den frühen Morgenstunden wieder mehr als zehn Beamte von der Spurensicherung tätig", sagt Wolf Schmidt von der Polizeidirektion Kiel. "Zudem arbeiten nun auch Mitglieder der Mordkommission im Haus", so Schmidt weiter.

Die Bewohner und Nachbarn in Darry sind geschockt von den Vorfällen. "Es ist einfach unfassbar, gerade in unserem kleinen Dorf", sagt eine ältere Frau, die ihren Hund auf der Hauptstraße ausführt, aber anonym bleiben will. Auch zwei männliche Passanten können die Dimension der Tragödie nicht fassen, haben aber eine Erklärung für die Verzweiflung der Mutter: "So etwas passiert, wenn der Mann wegläuft und die Familie alleine lässt." Offenbar hatte die Familie nur wenig Kontakt zur restlichen Bevölkerung: "Fast keiner kannte sie. Manchmal bin ich dem Mann und den Kindern auf der Straße begegnet, er hatte so einen amerikanischen Akzent", berichtet die Frau weiter. Mit dem Vater von dreien der Söhne lebte die Mutter demnach in einer Beziehung, die erst vor kurzem zerbrach. In dem Haus in Darry wohnten sie zur Miete. Die beiden anderen Kinder der Frau stammten aus einer früheren Beziehung mit einem in Berlin lebenden Mann. Nach Angaben von Nachbarn stammte der Mann aus den USA, der andere Vater lebt in Kiel.

Frau und Kinder waren erst vor drei Monaten in den ländlichen Ort nahe der Ostseeküste zugezogen, wo jeder jeden kennt.

Anwohnerin bezweifelt angebliche Verwahrlosung

Aussagen, die auf einen verwahrlosten Zustand der Kinder hindeuteten, kann die Anwohnerin nicht bestätigen: "Von den Kindern einer Freundin weiß ich, dass die Kinder in der Schule immer ordentlich angezogen waren." Auch eine Nachbarin, die zwei Häuser vom Tatort entfernt wohnt, hatte keinen Kontakt zu der Familie: "Wir kannten sie überhaupt nicht", sagt sie. Die Familie sei vom Jugendamt des Kreises Plön betreut worden, sagte die Frau des Bürgermeisters der Gemeinde, Stefanie Arnold. Ob aber von Seiten des Amtes Fehler gemacht wurden, konnte bisher nicht geklärt werden. Nach ZDF-Information wollte ein Mitarbeiter des Amtes die Familie am Mittwoch aufsuchen, nachdem die drei schulpflichtigen Jungen am Morgen nicht zum Unterricht erschienen waren. Sprecher des Amtes und des Landkreises wollten sich dazu zunächst nicht äußern.

Während die älteren Kinder an der Haltestelle die Köpfe zusammenstecken und sich über das Drama von Darry austauschen, begleiten weinende Eltern ihre Kinder den Berg hinauf zur Grundschule. Die bunten Buchstaben und Malereien von märchenhaften Zwiebeltürmen am roten Klinker der Schulfassade stehen in Kontrast zu dem wohl traurigsten Nikolaustag, den das 450-Einwohner-Dorf in seiner Geschichte erlebt hat. Seelsorger und Psychologen versuchen den 72 Schülern Halt zu geben. Im freundlichen Eingangsbereich stehen bei einer kleinen Krippe zwei Kinderfotos mit Kerzen - Jonas und Justin gingen in die erste und dritte Klasse. Eltern stehen mit Tränen in den Augen in kleinen Gruppen zusammen. Schulleiterin Andrea Danker-Isemer ist fassungslos: "Heute kann kein normaler Unterricht stattfinden", sagt sie. Sie bittet Medienvertreter, Kinder und Eltern in Ruhe zu lassen, sie wollen mit ihrer Trauer über den Verlust der Klassenkameraden allein sein.

Auf jeden Fall werden der Ort Darry und seine Umgebung trauern. In den nächsten Tagen soll in der Michaelis-Kirche im benachbarten Lütjenburg ein Trauergottesdienst stattfinden, sagte Pastorin Gudrun Bölting am Donnerstag der Deutschen Presse-Agentur. Das genaue Datum stehe aber noch nicht fest. Die Kirche werde zudem die Türen für stille Gebete öffnen, um den Menschen Raum für ihre Trauer und Gefühle zu geben. "Die Kinder und Erwachsenen werden eine ganze Weile brauchen, um das Geschehen zu verarbeiten", sagte die Pastorin.

Die Mutter soll dauerhaft in der Psychiatrie bleiben. "Wir bereiten den Unterbringungsbefehl vor", sagt der Kieler Oberstaatsanwalt Wick.

mit Agenturmaterial