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Kino-Attentat in Colorado: Footballspieler rettet Frau aus Kugelhagel

Als die Schießerei im Kino von Aurora begann, war Devon Suits zuerst vollkommen hilflos. Dann riss er sich zusammen, schnappte sich eine junge Frau und trug sie aus der Gefahrenzone.

Von Gernot Kramper

Devon Suits und seine Freunde erwarteten sehnsüchtig die Premiere von "The Dark Knight Rises". Aber nun sagt er: "Ich will den Film nie wieder sehen. Niemals. Ich werde nie wieder in Kino gehen. Ich habe keine Angst, dass mir so etwas noch einmal passieren könnte. Aber ich will dieses Grauen in meinem Kopf nicht wieder erleben."

Stattdessen schaut der massige Sportler nach vorn. Will sich auf sein Studium und seine Karriere als Football-Spieler konzentrieren. "Ich lebe. Mein bester Freund Ryan und Gott haben zusammen mein Leben gerettet. Ich freue mich über jeden Tag, den ich jetzt erleben werde", gesteht er in der "Denver Post". Zuerst wollte Suits nicht über seine Erlebnisse sagen, dann sprach er aber doch mit der Zeitung darüber - um den Schock zu verarbeiten. Aus seinen Schilderungen lassen sich seine Erlebnisse nacherzählen.

Aufgeregte Stimmung

Sie waren fünf Freunde – Ryan Lumba, Louis Duran, Nick Droege, Phil Hargrove und er selbst – und hatten ihre Tickets am Nachmittag vor der Premiere gekauft. "Wir wollten zuerst in eine andere Vorstellung. Die war aber schon ausgekauft. Das einzige, was für uns noch drin war, war die Vorführung in Saal 9. Das war echt Pech", sagt Devon Suits.

Um 21.30 Uhr standen die Männer in der langen Warteschlange vor dem Kino, bis sich die Tore um 22 Uhr öffneten. Sie beeilten sich, ihre Sitze auf der rechten Seite des Saales zu besetzen. "Die meisten Besucher waren jung, und ein paar Familien waren auch da. Nichts Besonderes, genauso, wie man es bei diesem Film erwartet."

Schon als die Vorfilme anfingen, wurde "jeder im Saal etwas aufgekratzt. Später habe ich gehört, dass der Schütze auch eine Eintrittskarte gekauft und da schon im Kino gesessen hatte. Ich habe ihn aber nicht gesehen. Doch auch wenn er seinen Kampfanzug schon anhatte, wäre er kaum aufgefallen. Eine Menge Leute hatten Batman- oder Catwoman-Kostüme an. Das ist ja nichts Besonderes in den Mitternachtsvorstellungen."

Nicht wie im Computerspiel

"Als der Film anfing, wurde es plötzlich ganz still. Keine Handys und kein Laut waren zu hören. Der Film lief etwa fünf Minuten, als etwas über die Leinwand flog. Wie ein Ballon, aus dem Luft entwich. Ich dachte, da macht jemand ein blöden Witz.“

"Dabei war das das Tränengas. So in einem Kanister. Meine Augen brannten sofort. Dann war alles voller Rauch. Dazu das Aufblitzen der Waffen und die Schreie. Das war alles so surreal. Jetzt drehte jeder im Saal durch. Ich weiß nicht mal, ob der Film noch weiterlief." Er dachte, es seien zwei Attentäter, einer, der das Gas geworfen hatte, und ein zweiter, der schoss.

"Ich war vollkommen durcheinander. Ich wusste überhaupt nicht, was ich machen sollte. Ich habe Hunderte von Shootern am Computer gespielt, aber das ist kein Vergleich. In dem Film war kurz vorher auch eine Schießerei, aber in der Wirklichkeit ist das viel lauter, und die Mündungsblitze sind viel greller."

Flucht durch den Notausgang

Sein Freund Ryan griff nach Suits und zerrte ihn unter einen Sessel. "Das hat mich gerettet. Ich konnte durch den Spalt zwischen den Sitzen schauen. Da habe ich eine Gestalt mit Gasmaske gesehen", erzählt der junge Mann. "Dann fühlte es sich an, als hätte mich jemand ganz hart auf den linken Arm geschlagen, und alles war voller Blut. Zur gleichen Zeit schrie Ryan auf.“

Niemand wusste, was los war. Endlich und plötzlich hörte das Schießen auf. "Dann fing der Kerl wieder an zu schießen. Aber dieses Mal war es noch lauter. Er muss die Waffe gewechselt haben.“ Dann ist wieder eine Schießpause. "Da sagte Phil, wir müssten jetzt raus. Ich wollte zuerst zu den Treppen auf der rechte Seite. Aber wir sahen, dass alle Menschen, die dort hin wollten, angeschossen wurden. Wir probierten es also woanders." Also liefen sie seinem Bericht zufolge auf das hintere Ende des Kinos zu.

"Ich bin kein Held"

"In einer Reihe lag eine junge Frau auf dem Boden. Sie war unter Schock und vollkommen durcheinander. Sie schrie einfach unkontrolliert. Da blieb ich stehen, riss sie hoch und trug sie durch die Tür. Später kam sie wieder und umarmte mich. Ich bin kein Held. Ich habe nur versucht, jemandem zu helfen." Die Zustände draußen in der Halle beschreibt der Zeuge als total chaotisch. "Aus allen Sälen flüchteten die Leute, die Angestellten konnten das nicht mehr kontrollieren. Ich wollte zurück in den Saal 9, um Ryan und Louis zu finden."

Warum hatte niemand den Schützen überwältigt?

"Ich hatte zuerst fürchterliche Angst. Wir wussten nicht, wie viele Attentäter da waren. Wir hatten keine Zeit nachzudenken. Wir haben einfach reagiert. Ich wollte nur mit meinen Freunden davon kommen und nicht sterben."

Keiner von den Fünf musste sterben, aber alle sind verletzt worden. Aus Devons Arm wurden Splitter entfernt. Phil verlor seine Schuhe auf der Flucht und erlitt ebenfalls Splitterverletzungen an Beinen und Füßen. Louis wurde von einer Ladung Schrot getroffen und an Kopf, Arm, Brust und Beinen verletzt. Er wurde inzwischen aus dem Krankenhaus entlassen. Nick wurde nur leicht verletzt, Ryan dagegen schwer. Seine Lunge wurde von einer Kugel durchschossen, eine andere traf ihm in den Bauch. Ryan wurde operiert und wird für zwei Wochen im Krankenhaus bleiben.

"Wir hatten solches Glück", sagt Devon Suits. "Ein Polizist hatte da ein blutendes Baby im Arm gehalten. Und das Kind hat sich überhaupt nicht mehr bewegt. Diese Bilder werden wieder kommen", ist er überzeugt. "Ich habe das Ganze immer noch begriffen. Aber sicher ist: Dieses Erlebnis wird mich immer begleiten."