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Kino-Attentat in Colorado: Wie diese Familie das Massaker überlebte

Sie hatten sich auf die "Batman"-Premiere gefreut: Jamie Rohrs, seine Verlobte Patricia und die Kinder. Einer Zeitung erzählen sie, wie sie dem Inferno entkamen. Die junge Frau wurde dabei zur Heldin.

Von Gernot Kramper

Die junge Familie will die Mitternachtsaufführung von "The Dark Knight Rises" unbedingt miterleben. Ein großer Tag, sie sind echte Fans, alle tragen "Batman"-Shirts: der 25-jährige Jamie Rohrs, seine Verlobte Patricia Legarreta, die vierjährige Tochter Asarja, sogar das Baby Ethan.

Als der Mann mit Gasmaske und Gewehren den Saal betritt und zu schießen beginnt, bleiben den beiden nur Sekunden: Wie können sie sich und die Kinder retten?

Heute, einen Tag nach dem Massaker von Denver, schätzen sich Rohrs und Legarreta glücklich: Zwar wurde die junge Frau von einem Querschläger am Bein getroffen, aber im Moment der größten Gefahr ist sie über sich hinausgewachsen. Allein dadurch hat die Familie den Schrecken von Aurora überlebt.

"Ich habe zuerst gedacht: Ist das ein Traum?", erzählt Rohrs der "Denver Post". "Oder ein Alptraum? Überall blitzte es auf. Alles war so schrecklich laut. Ich dachte nur, werde ich jetzt sterben? Wird diese Kugel mich töten?"

Wahnsinnsstimmung im Publikum

Es war die Idee von Jamie Rohrs, gemeinsam in den Film zu gehen. Er fühlt sich an dem Tag nicht wohl und schlägt seiner Verlobten den Kinobesuch vor. Die beiden sind erst kürzlich nach Denver gezogen. Rohrs hat dort Arbeit in einer Apotheke gefunden. Im Kino deckt sich die Familie mit Süßigkeiten ein und lässt sich auf drei nebeneinander liegenden Sitzen nieder. Legarretas Blicke schweifen durch das Kino. Sie fühlt sich ein bisschen wie eine Rabenmutter, weil sie die Kinder in die späte Vorstellung mitnimmt. Also sucht sie nach anderen Kindern, denn sie fürchtet, sie seien die einzigen. Kurz bevor das Licht ausgeht, entdeckt die junge Mutter zu ihrer Erleichterung noch einen anderen Säugling.

Die Besucher sind in Feststimmung - schon die Vorschau von "Der Hobbit" wird frenetisch bejubelt. Dann kommt der Mann mit der Gasmaske durch die Tür. Er wirft eine Art Kanister in das Publikum. Sofort fängt ein Mädchen an zu schreien.

"Du fragst dich zuerst: Ist das ein Scherz?", sagt Legarreta später. "Man hört ja manchmal, dass so etwas bei Mitternachtsvorführungen passiert." Aber dann wird ihr klar: Das hier ist kein Scherz.

"Geht es so zu Ende?"

"Runter mit dir!", schreit Rohrs, der den schlafenden Ethan im Arm hält. Legarreta packt ihre Tochter, die auf dem Sitz neben ihr schläft, und zieht sie mit sich auf den Boden. "Ist es das, werde ich sterben?", denkt Legarreta. "Geht es so zu Ende?"

Wenigstens hat ihr Mann Ethan bei sich, denkt sie. Dann steht sie auf und spürt sofort ein schreckliches Kribbeln im Bein. Die Bewegung ist ein Fehler. Auch andere Überlebende sagen später, der Schütze hätte auf jeden geschossen, der sich bewegt.

"Ich glaube, er hat mich getroffen!", schreit Legarreta. Hinter ihr hört sie eine Stimme: "Mich auch!"

Als die Schießerei beginnt, sucht Vater Rohrs Schutz hinter einem Sitz. "Es war Chaos", erinnert er sich später. "Die Leute fielen, krochen und stolperten ziellos herum." Was hätte er tun sollen? Wäre er aufgestanden, vermutlich wäre er erschossen worden.

"Ich dachte, ich hätte meine Familie verloren"

Rohr weiß nicht mehr, wie er den Jungen verloren hat. In einem Moment liegt er noch in seinen Armen, im nächsten ist er verschwunden. Dann springt Rohrs über die Sitzplätze, läuft zur Treppe und entkommt in die Lobby. "Ich war verwirrt", berichtet er später. "Ich wusste ja nicht, wo meine Familie ist. Haben sie es raus geschafft? Sollte ich wieder reinlaufen? Ich konnte sie doch nicht dort lassen. Ich habe wirklich gedacht, ich hätte meine Familie verloren. Ich habe gedacht, sie seien tot. "

Dabei kann er Ethan nur nicht finden, weil Legarreta ihn auf der Treppe eingesammelt hat. Während der Schießerei ist Legarreta im Kopf ihre Möglichkeiten durchgegangen, wie die Überlebende des Massakers später erzählt. Sollte sie sich tot stellen? Und dann? "Meine Kinder werden nicht hier drin sterben", ist ihr einziger Gedanke. Dann greift sie nach ihnen und rennt raus.

"Wer macht nur so etwas?" fragt sie. "Wer geht in ein Kino mit Jugendlichen und fängt an, um sich zu schießen?"

Geschockt und voller Mitgefühl

Draußen leiht ihr ein Fremder sein Telefon. So kann sie ihren Verlobten beruhigen. Kurze Zeit danach werden die Wunden an ihrem Bein in der Universitätsklinik behandelt. Aber die Szenen aus dem Kino, die Gesichter der Menschen, lassen ihr keine Ruhe.

"Das sind alles unschuldige Menschen und kleine Kinder, die ihr Leben verloren haben", sagt Patricia. "Ich bin so dankbar, dass wir heil herausgekommen sind und meine Kinder in Ordnung sind. Ich denke nur an die Familien, die es nicht gemeinsam dort raus geschafft haben."