VG-Wort Pixel

Ein Verbrechen mit Folgen Seit diesem grausamen Mord wählt man in den USA den Notruf 911

Notrufbox des FDNY
Notrufsäule von Polizei und Feuerwehr in New York City: Heutzutage lässt sich leichter Hilfe holen als früher
© DDP Images/Intertopics
Im Falle eines Notfalles wählen Amerikaner einfach die 911. Das war nicht immer so selbstverständlich. Erst der gewaltsame Tod einer jungen New Yorkerin veränderte das Notrufverhalten der Amerikaner für immer.

Winston Moseley ist tot. Das berichtet die "New York Times". Winston wer? Moseley saß seit über 50 Jahren für die Vergewaltigung und den brutalen Messermord an der jungen Bar-Chefin Kitty Genovese in einem Hochsicherheitsgefängnis im US-Bundesstaat New York ein, jetzt ist er im Alter von 81 Jahren verstorben. Aber weniger der Name Moseley als die weitreichenden Auswirkungen seines Verbrechens werden in Erinnerung bleiben: Es war der Mord an Kitty Genovese, wegen dem in den USA bis heute die Notrufnummer 911 gewählt wird.

1964 verfolgt Moseley die damals 28-Jährige nach Feierabend von ihrer Bar in New York City bis in die unmittelbare Nähe ihres Apartmentkomplexes im Stadtteil Queens. Kurz vor ihrer Haustür überwältigt und vergewaltigt er Genovese, sticht wiederholt mit einem Messer auf sie ein.

Die "New York Times" berichtet von 38 Augenzeugen

Die "New York Times" wird anschließend berichten, dass ganze 38 Augenzeugen die Tat beobachtet hätten - aber niemand die Polizei alarmiert habe. "Ich wollte da nicht hineingezogen werden", zitiert die Zeitung einen von ihnen. Erst nach dem Mord sei ein einziger Notruf eingegangen.

Moseley sei sogar abgelenkt worden durch die Schlafzimmerbeleuchtung und die Stimmen der Schaulustigen, habe zwei Mal die Flucht ergriffen, sei aber jeweils zurückgekehrt und habe weiter auf Genovese eingestochen.

Später stellt sich heraus, dass in Wahrheit niemand zugesehen hatte, und über die Zahl der Zeugen, die Schreie gehört haben wollen, herrscht bis heute Unklarheit. Im Zuge der Berichterstattung über Moseleys Tod bezeichnet die "New York Times" ihren alten Artikel von 1964 heute als fehlerhaft und übertrieben. 

Doch die Geschichte von den nicht eingreifenden Zuschauern trifft die Amerikaner ins Mark, appelliert an eine tiefe Angst der Bevölkerung und entwickelt ein Eigenleben. Psychologen und Kriminologen befassen sich fortan mit dem "bystander effect" ("Zuschauereffekt"), auch Genovese-Syndrom bezeichnet. Darunter wird das Phänomen verstanden, dass einzelne Augenzeugen eines Unfalls oder kriminellen Übergriffs mit niedrigerer Wahrscheinlichkeit Hilfe leisten, wenn weitere Zuschauer anwesend sind. 

Studentin Wiebke macht sich alleine auf den Weg nach Hause – und testet dabei Companion. Eine App für den sicheren Heimweg. Dazu gibt Wiebke ihre Zieladresse ein und schickt eine Anfrage an ihre Freundin Kathi. Sie soll ihre digitale Begleiterin sein.  Über Google Maps lässt sich verfolgen, wo Wiebke lang läuft. Falls etwas passiert, kennt Kathi sofort den Standort. Die aus den USA stammende App Companion ist kostenlos herunterladbar, für Android ist die Betriebssprache Deutsch, beim iPhone Englisch. Freunde müssen die App nicht unbedingt selbst besitzen – das ist ein großer Vorteil. Es gibt Extra- Features wie einen „I feel nervous“-Button, den man betätigen kann, sobald man sich unsicher fühlt. Das wird auf einer Karte gespeichert und an die örtliche Polizei weitergeleitet. Und einen „Call Police“- Button, mit dem sich sofort die Polizei alarmieren lässt.   Zuhause angekommen, bestätigt Wiebke, dass sie ihr Ziel sicher erreicht hat. Das geht mit einem Klick.  Die App KommGutHeim funktioniert ähnlich wie Companion. Einziger Nachteil: Die Freunde, die einen begleiten sollen, müssen die Apps besitzen. Die Bedienbarkeit ist aber genauso simpel, die Ortung ist im Vergleich zu Companion aber viel weniger präzise. Kitestring ist webbasiert und funktioniert sogar ohne internetfähiges Smartphone. Freunde müssen die App nicht besitzen. Aber erst wenn Wiebke sich nach ihrem Heimweg nicht zurückmeldet, wird Kathi darüber informiert und kann sie anrufen. Wo sie ist, weiß Kathi dann nicht.  Unser Fazit: Die App Companion hat im stern-Test am besten abgeschnitten. Freunde werden vor Antritt des Weges benachrichtigt, sie müssen die App nicht besitzen und es gibt spezielle Extras. Wirklich helfen können die Apps im Notfall nicht. Das eigene Sicherheitsgefühl können sie aber deutlich erhöhen.
Mehr

Der Fall Kitty Genovese: 911-System als direkte Folge 

Lokalpolitiker verhandeln im Zuge der Debatte um den Mordfall Genovese ein neues Notrufsystem, dass schließlich zur landesweiten Einführung der 911-Nummer im Jahr 1968 führt. "Das 911-System war mehr oder weniger eine direkte Folge der Empörung über Kitty Genoveses Tod", sagt Kevin Cook, Autor des Buches "Kitty Genovese: The Murder, The Bystanders, The Crime that Changed America".

Und Winston Moseley? Der gesteht bei seiner Verhaftung noch zwei weitere Sexualmorde und wird zunächst zum Tode, später zu einer lebenslangen Gefängnisstrafe verurteilt. 1968 überwältigt er während einer Fahrt in ein Krankenhaus in Buffalo, in dem er operiert werden soll, einen Wachmann und nimmt fünf Geiseln, von denen er sich an einer sexuell vergreift, bevor er wieder festgenommen werden kann.

Während seines halben Jahrhunderts hinter Gittern beantragt Moseley insgesamt 18-mal eine vorzeitige Entlassung auf Bewährung - sie bleibt ihm jedes Mal verwehrt. Und auch wenn er eines der folgenschwersten Verbrechen der US-amerikanischen Kriminalgeschichte begangen hat, wird man sich an seinen Namen nicht erinnern. Der Name seines Opfers, Kitty Genovese, wird dagegen überdauern, solange die Menschen in Amerika die 911 wählen.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker