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Klage auf Schadenersatz: Der unendlich rätselhafte Fall Kampusch

Vor sechs Jahren tauchte die entführte Natascha Kampusch wieder auf. Ihr Verschwinden schien geklärt, nun werden die Ermittlungen wieder überprüft. Und auch vor Gericht könnte der Fall bald landen.

Von Malte Arnsperger

Ludwig Koch hat wohl das Schlimmste erlebt, was einem Vater passieren kann: 1998 wurde seine damals 10-jährige Tochter entführt. 2006 hat Koch das Schönste erlebt, was einem Vater in so einer elenden Situation passieren kann: Seine Tochter ist lebend wieder aufgetaucht. Er könnte also die Tat so langsam vergessen. Doch Ludwig Koch findet keine Ruhe - und gibt auch keine. Er ist davon überzeugt, dass die wahren Hintergründe der Entführung seiner Tochter Natascha Kampusch noch immer nicht geklärt sind.

Seitdem Natascha Kampusch im August 2006 ihrem Peiniger Wolfgang Priklopil entkommen ist, haben sich unzählige Polizisten und Staatsanwälte, zahlreiche Richter, parlamentarische Ausschüsse und Kommissionen mit der Causa beschäftigt. Kaum ein Kriminalfall, so scheint es, wurde jemals so gründlich ausermittelt wie dieser.

Und dennoch sind viele Fragen offen, gibt es viele Ungereimtheiten. Deshalb werden die - angeblich 270.000 Seiten umfassenden - Akten derzeit wieder durchgearbeitet, sogar das FBI und das deutsche Bundeskriminalamt leisten den Österreichern dabei Amtshilfe. Kampuschs Vater erhofft sich den Durchbruch durch einen von ihm angestrengten Prozess, der eigentlich am Montag beginnen sollte und in letzter Minute um drei Monate verschoben worden ist. Koch will erst einmal die Ergebnisse der neuen Untersuchungen abwarten. Verhandelt werden soll vor einem Wiener Gericht über eine Schadensersatzklage des Kampusch-Vaters, die an den entscheidenden und strittigen Punkten des Falls ansetzt. Der Prozess ist der letzte Strohhalm, den Koch ergriffen hat, um sein Ziel – die vollständige Aufklärung – zu erreichen.

"Aus Liebe zu Natascha"

Denn wirklich unbestritten ist bisher wenig: Kampusch wurde am 2. März 1998 auf ihrem Schulweg von Priklopil entführt, in dem Auto des Nachrichtentechnikers transportiert und bis zu ihrer Flucht in seinem Haus gefangen gehalten, die meiste Zeit in einem eigens angelegten Kellerverlies. Das war es dann aber auch schon. Ansonsten gibt es Fragen, die nicht nur der Vater stellt. Hat Priklopil, der nach Kampuschs Flucht Selbstmord beging, wirklich alleine gehandelt oder gab es Mittäter? Ist der Grund der Entführung wirklich aufgeklärt worden und wussten vielleicht viel mehr Leute von ihrem Schicksal als bekannt?

Zahlreiche Hinweise deuten daraufhin, dass Priklopil Komplizen hatte. So hat eine damals zwölfjährige Tatzeugin mehrfach ausgesagt, sie habe bei dem Kidnapping zwei Männer beobachtet. Kampusch selbst hat in einer ersten Vernehmung auf die Frage nach einem oder mehreren etwaigen Mittätern geantwortet, sie könne "keine Namen nennen". Und dann ist da noch Ernst H. Sollte dieser Mann, der einzige Freund und Geschäftspartner von Priklopil, tatsächlich keinerlei Ahnung gehabt haben, was sein Kumpel all die Jahre da treibt?

Letztlich wurde die Mehrtäter-Theorie von Staatsanwaltschaft und österreichischem Kriminalamt verworfen, Ernst H. nicht vor Gericht angeklagt. In der Einstellungsverfügung zu den Ermittlungen der Innsbrucker Staatsanwaltschaft steht: "Es gibt keinen konkreten Hinweis, dass Ing H. in Zusammenhang mit der Entführung und Freiheitsentziehung der Natascha Kampusch eine Tathandlung gesetzt haben könnte."

Zweifel daran sind trotzdem nie verstummt. Auch der Vater des Opfers hat sie. Da Ernst H. strafrechtlich wohl nicht mehr zu belangen ist, hat Koch den Priklopil-Freund zivilrechtlich verklagt und fordert 30.000 Euro Schmerzensgeld von ihm. "Ich bin zu 100 Prozent davon überzeugt, dass Herr H. etwas mit der Entführung zu tun hatte", sagte er stern.de. Koch kündigt neue Zeugen an: "Für den Prozess haben wir frühere Nachbarn des Entführers Priklopil, die zum Teil von den ermittelnden Behörden nicht befragt wurden."

Vorwürfe, er klage nur, um sich zu profilieren und finanziellen Gewinn herauszuschlagen, weist Koch zurück. "Das, was ich als Vater in der Zeit der Entführung durchlitten habe, kann man nicht mit Geld aufwiegen. Es geht mir nicht um Geld. Es ist die letzte Chance, meine Tochter vor möglichen Mittätern zu schützen und alle Zweifel an dem Tatablauf auszuräumen."

Vorwürfe gegen den Vater

In der Klage, die stern.de vorliegt, heißt es: "Der Kläger litt im relevanten Zeitraum unnötigerweise zumindest 8 Stunden täglich an den Folgen der Entführung seiner Tochter." Und wer dafür entscheidend mitverantwortlich ist, daran lassen Koch und sein Anwalt Dietmar Heck keinen Zweifel. "Der Beklagte (gemeint ist Ernst H. - die Red.) hatte spätestens seit Ende März 1998 Kenntnis davon, dass Frau Natascha Kampusch am 02.03.1998 von Wolfgang Priklopil entführt und von diesem in dessen Haus (…) gefangen gehalten wurde." Der Beschuldigte habe keinen einzigen Versuch gemacht, die Entführung zu beenden und habe "es somit schuldhaft und rechtswidrig unterlassen, das Entführungsmartyrium von Natascha Kampusch bereits unmittelbar nach der Entführung zu beenden".

Harter Tobak. Doch nicht nur die Indizien und Zeugenaussagen könnten für eine wie auch immer geartete Beteiligung von Ernst H. sprechen. Auch der Verdächtige selber hat die Spekulationen um seine Rolle im Fall Kampusch angeheizt, indem er seine Aussagen immer wieder verändert und angepasst hat. So konnte er bis heute nicht plausibel erklären, warum er Priklopil kurz nach der Entführung rund 36.300 Euro überwiesen hat. Auf die Zivilklage Kochs ließ Ernst H. seinen Anwalt Manfred Ainedter schriftlich erwidern: "Die Klagsbehauptungen sind völlig aus der Luft gegriffen."

Dass sich Ernst H. gegen die Anschuldigungen wehrt, ist wenig überraschend. Bizarr mutet es an, dass er sich als Kampusch-Versteher präsentiert und Koch vorwirft, seine Tochter "erneut durch diesen Prozess ans Licht der Öffentlichkeit zu zerren und dementsprechend zu belasten". Der Kläger handle nicht etwa aus Liebe, sondern aus Eigeninteresse, schließlich wisse er, dass "Natascha Kampusch nicht anderes will, als in Ruhe gelassen zu werden und ein normales Leben zu führen".

Kampusch als Kronzeugin

Ernst H. bringt das Opfer sogar als Kronzeugin ins Spiel. In seiner Klageerwiderung heißt es" "Niemand außer Natascha Kampusch selbst weiß, dass ich mit der Entführung ebenso wenig zu tun wie von der Gefangenschaft Kenntnis hatte." Tatsächlich hat Kampusch stets betont, Priklopil sei bei der Entführung alleine gewesen und sie habe "immer nur einen Täter gesehen". Ihr Vater hält es für möglich, dass sie dies unfreiwillig und aus Angst vor möglichen Mittätern behauptet haben könnte.

Kampuschs Anwalt Gerald Ganzger dagegen sieht den bevorstehenden Prozess kritisch. "Es wurde in den vergangenen sechs Jahren allen Hinweisen nachgegangen, kein Fall wurde so umfangreich evaluiert", sagte er stern.de. "Es gibt aus meiner Sicht nach wie vor keinen stichhaltigen Beweis für Mittäter. Diese Spekulationen sind also müßig."

Ludwig Adamovic kennt alle wilden Spekulation, jedes wichtige Indiz, jede entscheidende Aussage in dem Fall. Der ehemalige Präsident des österreichischen Verfassungsgerichtshofs hat die nach ihm benannte Kommission geleitet, die von 2008 bis 2010 alle Kampusch-Ermittlungen überprüft und dabei eine Vielzahl von Pannen aufgedeckt hat. Heute wie damals zählt Adamovic zu den Verfechtern der Zwei-Täter-Theorie. "Wenn man sich den ganzen Fall anschaut, dann gibt es einiges, was für die Vermutung spricht, dass noch jemand anderes neben Priklopil beteiligt war", sagte er stern.de. Adamovic ist dennoch eher skeptisch, ob der Zivilprozess Neues ans Tageslicht bringen wird. "Wahrscheinlich werden die Beteiligten altbekanntes vortragen."

Jetzt sollen BKA und FBI helfen

Viel mehr Hoffnungen setzt Adamovic ohnehin in die Arbeitsgruppe, die sich nochmals mit den Ermittlungen beschäftigen soll. "Das Positive daran ist, dass sich Organe und Behörden, die bisher noch nichts mit dem Fall zu tun hatten, der Sache annehmen." Damit meint Adamovic Kriminalbeamte aus den USA und Deutschland, unter ihnen auch der scheidende BKA-Chef Jörg Ziercke, die ihre österreichischen Kollegen in den kommenden Monaten unterstützen sollen. Der Auftrag lautet, Vorgehen und Ergebnisse der Fahnder zu analysieren und möglicherweise Anhaltspunkte für neue Ermittlungen zu finden. "Das ist auch sicher sinnvoll, denn es gibt immer noch Widersprüche und Zweifel", sagt Adamovic.

Kampuschs Vater setzt darauf, dass die Untersuchungen Neues zu Tage fördern. Deshalb bat er das Gericht, die Verhandlung um drei Monate zu verschieben. Seine Tochter wird in dem Zivilprozess unter Wahrheitspflicht als Zeugin aussagen müssen. Diverse Anfragen von stern.de bei ihrem Sprecher blieben unbeantwortet. Ihr Vater sagt, er habe zuletzt vor einigen Monaten mit ihr gesprochen und ihr von der Klage erzählt. Sie habe geantwortet: "Du wirst schon wissen, was du tust." In ihrem Buch "3096 Tage", das auch verfilmt wird, schreibt das Entführungsopfer: „Jetzt, vier Jahre nach meiner Selbstbefreiung, kann ich aufatmen und mich dem schwersten Kapitel der Aufarbeitung widmen: selbst mit dem Vergangenen abzuschließen und nach vorne zu sehen." Das ist dieser Tage sicher ein schwieriges Unterfangen - auch dank ihres Vaters.