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Knochenfunde auf Jersey: "Schreckliche Dinge im Heim passiert"

Die Untersuchungen im Kinderheim auf der Insel Jersey laufen auf Hochtouren: Nach dem Fund eines Schädelstücks haben die Forensiker weitere Knochensplitter gefunden. Ob sie menschlicher Natur sind, ist noch nicht klar. Auch konkrete Hinweise auf mögliche Morde gibt es bisher nicht.

Von Cornelia Fuchs, Jersey

Die Ausgrabungen im Kinderheim "Haut de la Garenne" auf der Insel Jersey laufen weiter. Im Moment ist ein Team der britischen Armee im Einsatz, die mit Radar- und Sonorgeräten Verwerfungen im Erdreich rund um das Haus ausfindig machen sollen. Doch nach Tagen der sich überstürzenden Meldungen hat der leitende Ermittler Lenny Harper bis auf Weiteres alle Pressekonferenzen abgesagt. Der Grund: Neue Erkenntnisse gibt es nicht.

"Es ist schon erstaunlich, was wir jeden Morgen in den Zeitungen zu lesen bekommen", sagt der Pressesprecher Baxter Provan und öffnet die Tür des viktorianischen Gebäudes, das inzwischen als das "Horrorheim von Jersey" bekannt geworden ist. Am Eingang hängt noch ein Schild, das die Wiedereröffnung der Jugendherberge, die hier seit einigen Jahren untergebracht ist, für den 3. März ankündigt.

Doch so schnell wird niemand mehr in diesem Gebäude übernachten. Stattdessen leuchten nachts Neonlampen auf das weiß-blaue Zelt an der Seite des Hauses, in dem sich ein forensischer Anthropologe und eine forensische Archäologin durch Kubikmeter Abraum arbeiten. Der leitende Ermittler Lenny Harper eilt in den ehemaligen Empfangsraum in der Jugendherberge. Besucher kommen nicht weiter als bis hierher. Niemand soll das Team der Ermittler im hinteren Bereich des Hauses stören.

Früherer Knochenfund wird neu untersucht

Eigentlich wollte Lenny Harper nicht mehr mit der Presse reden, aber dann macht er doch eine Ausnahme. Zu viel Falsches wird berichtet. Da ist zum Beispiel dieser Schädel, der immer wieder in Medienberichten auftaucht, und der angeblich gefunden wurde unter einer Betonschicht im Keller. Tatsächlich war es ein etwa Zwei-Euro-großes Stück Schädeldecke, das die Forensiker ausgegraben haben, und das bereits zur Datierung und DNA-Untersuchung nach Großbritannien geschickt wurde. Nirgendwo im Keller oder auf dem Grundstück des ehemaligen Heimes wurden bei den bisherigen Ausgrabungen mehr als kleinste Knochenteile gefunden. Es gab beim Umbau des Heims zur Jugendherberge vor einigen Jahren einen größeren Knochenfund, angeblich neben Kinderspielsachen gelegen. Ein Gerichtsmediziner hatte damals in einer ersten Untersuchung entschieden, dass es sich um Tierreste handelt. Das soll neu untersucht werden.

Das Schädelstück, das in der vergangenen Woche im Keller des Heimes gefunden wurde, stammt von einem Kind, das ist inzwischen bekannt. Doch wie alt das Knochenstück ist, weiß noch niemand. "Wir warten die Ergebnisse der forensischen Untersuchungen ab.", sagt Lenny Harper. "Aber ob wir jemals herausfinden werden, wo und wie dieses Kind gestorben ist, ob eines natürlichen oder unnatürlichen Todes, das ist sehr fraglich." Es sei auch eine Möglichkeit, dass das Knochenstück schon sehr viel älter sei, sagt er noch. In der Nähe liegen Grabsteine mit einem Begräbnisfeld und beim Umbau des Heimes wurde viel Erde bewegt: "Wir können nichts ausschließen, weil wir noch viel zu wenig wissen."

Keine Hinweise auf vermisste Kinder

Dann gab es am Montag Meldungen über weitere bedeutende Knochenfunde. Tatsächlich waren die Knochenstücke, die aus dem Abraum des Kellers gesiebt worden waren, so klein, dass die Forensiker vor Ort noch nicht einmal bestimmen konnten, ob sie menschlicher oder tierischer Herkunft sind. Auch diese Knochenstücke werden zur Zeit in Großbritannien untersucht.

Lenny Harper möchte sich nicht festlegen lassen, wie lange die Ausgrabungen, wie lange die Ermittlungen noch dauern werden: "Es gibt zu viele Untersuchungen in solch komplizierten Missbrauchsfällen, die durch zu schnelle Abwicklung kompromittiert worden sind. Ich will lieber am Ende zu gründlich nachgeschaut haben, als irgendetwas zu übersehen."

Gibt es denn außer den Knochenfunden weitere Hinweise auf ungeklärte Todesfälle in dem Heim? "Wir wissen von keinem vermissten Kind, die Unterlagen des Heimes sind alle vollständig", sagt Lenny Harper. Er und sein Team befragen weiter Zeugen, angeblich soll sich ein ehemaliges Heimkind gemeldet haben, das Zweifel an dem Selbstmord seines Bruders in dem Heim zu Protokoll gegeben hat. Weit über 200 Menschen haben inzwischen die Polizei in Jersey kontaktiert, darunter viele ehemalige Heiminsassen. "Wir gehen allen Zeugenaussagen nach, egal wie viel Zeit dies in Anspruch nimmt.", sagt Lenny Harper. Und dann atmet der Ermittler kurz durch, bevor er weiterspricht: "Ich kann mit Sicherheit sagen, dass schreckliche Dinge in diesem Heim passiert sind, auch, wenn wir im Moment noch nicht davon ausgehen können, das Mord dazu gehörte. Aber hier wurden Kinder vergewaltigt und misshandelt. Wir schulden den Opfern, dass ihnen endlich Gerechtigkeit widerfährt."

Lio
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