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Urteil im Prozess gefallen: Der Chefarzt, der Frauen beim Sex heimlich Kokain verabreichte – und eines seiner Opfer tötete

Ein drogenabhängiger Chefarzt hat mehrere Frauen beim Sex heimlich mit Kokain vergiftet, unter anderem, indem er es auf seinen Penis schmierte. Eine 38-Jährige starb. Anfang der Woche fiel das Urteil in dem Prozess.

Kokain: Ein Mediziner soll Frauen beim Sex heimlich vergiftet haben

Andreas N. wirkt als Angeklagter vor dem kandgericht Magdeburg seltsam unbeteiligt. Verabreichte der Arzt seiner Geliebten heimlich über Monate Kokain, wie die Staatsanwaltschaft vermutet?

Auf dem Smartphone, das die Kripo bei Andreas N. sichergestellt hat, ist ein Video von Yvonne Mey* zu sehen. Sie liegt in der Wohnung des Arztes auf dem Bett. "Was hast du mir gegeben?", fragt sie leise. "Guarana", antwortet Doktor N. "Warum hast du mich nicht gefragt, ob ich das will?" – "Hab ich doch." – "Nein", haucht Yvonne Mey.

Kurz darauf verliert die 38-jährige Friseurin das Bewusstsein. Um 15.30 Uhr geht am 20. Februar dieses Jahres bei der Feuerwehr ein Notruf ein. "Eine Reanimation bitte, ganz schnell. Ich habe schon angefangen", sagt N. so ruhig, als bestelle er eine Pizza.

Scheinbar makelloser Lebenslauf

Yvonne Mey kommt nicht mehr zu Bewusstsein. Sechs Tage später stellen die Ärzte in der Halberstädter Klinik die Geräte ab. Am Bett sitzen ihr 13-jähriger Sohn, ihr Ehemann, ihre Mutter, die Schwägerin. Der Vater kann nicht dabei sein, als seine Tochter stirbt. Er hat am Tag zuvor einen Herzinfarkt erlitten.

Im Blut von Yvonne Mey weist das Labor so viel Kokain nach wie sonst nur bei Drogenkurieren, denen ein Kondom mit dem Rauschgift im Körper geplatzt ist. Doch Yvonne Mey, so beteuern Ehemann, Eltern und Freunde bei der Kripo, sei strikt gegen Drogen gewesen. Sie habe weder geraucht noch Alkohol getrunken.

Andreas N., zuletzt Chefarzt der Handchirurgie in Halberstadt, wurde am Montag vom Landgericht Magdeburg wegen dreifacher schwerer Vergewaltigung und Körperverletzung mit Todesfolge verurteilt. Er muss neun Jahre in Haft und anschließend in Sicherungsverwahrung, bis er als nicht mehr gefährlich eingestuft wird. 

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Nach Überzeugung des Gerichts hat N. Yvonne Mey heimlich mit Kokain vergiftet und so ihren Tod verursacht. Auch andere Frauen habe er vergiftet und sexuell missbraucht. Das Rauschmittel hat er ihnen demnach heimlich verabreicht, unter anderem indem er seinen Penis damit eingerieben hat.

Der Lebenslauf von Andreas N. erzählt die Geschichte einer steilen Karriere: Studium in Deutschland und in den USA. Promotion, Forschungsstipendium in Michigan. Chefarztposten in ganz Deutschland. Plastischer Chirurg in Kuwait. Eine lange Liste von Artikeln in Fachzeitschriften und Büchern. Andreas N. wurde mit Wissenschaftspreisen ausgezeichnet, wollte nach seiner Habilitation Professor werden. Hinter dem scheinbar makellosen Lebenslauf verbarg sich allerdings ein Geheimnis: Doktor N. war ein Junkie.

Es gibt keine verlässlichen Studien darüber, wie viele Ärzte von Drogen oder Medikamenten abhängig sind. Doch die hohe Arbeitsbelastung, die große Verantwortung, die tägliche Konfrontation mit dem Leid der Patienten – all das macht sie anfälliger als andere Berufsgruppen. Die Bundesärztekammer geht davon aus, dass sieben bis acht Prozent der Mediziner mindestens einmal im Leben an einer Suchterkrankung leiden. Und jeder abhängige Arzt ist ein Risiko für seine Patienten.

Yvonne Mey* starb nach einer Überdosis Kokain

Yvonne Mey* starb nach einer Überdosis Kokain

"Völlig zugedröhnt"

Die können sich deshalb ebenso wie Kollegen und Angehörige an die Ärztekammern wenden – auch anonym –, wenn sie bei einem Arzt eine Abhängigkeit vermuten. Die Kammern bieten Hilfsprogramme an und laden die Betroffenen zu einem Gespräch ein. Sind die einsichtig, werden sie therapiert, ihre Abstinenz wird danach überwacht. Sollten sie allerdings nicht zum Gespräch erscheinen, schaltet die Kammer die für Approbationen zuständige Behörde ein. Diese kann anordnen, dass sich der Arzt begutachten lassen muss.

Es gab auch im Umfeld von Andreas N. viele Menschen, die wussten, dass er kokainabhängig war. "Es ist erstaunlich, wie viele Menschen von seiner Drogensucht wussten. Und dass sie wenig oder gar nichts dagegen unternahmen", sagt der Dresdener Anwalt Thomas Zeeh, der den Witwer von Yvonne Mey vertrat. "Sie müssen sich jetzt die Frage gefallen lassen, ob Yvonne noch leben könnte, wenn sie den Mund aufgemacht hätten."

Rechtsanwalt Thomas Zeeh aus Dresden vertrat Meys Witwer als Nebenkläger

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2009 behandelte Andreas N. in Hannover die Tierärztin Maya Kluge* nach einem Katzenbiss. Die beiden wurden ein Paar und zogen zusammen. Schon bald, so berichtet Kluge vor Gericht, gab es Probleme. Wenn sie vom Nachtdienst kam, sei ihr Freund oft "völlig zugedröhnt" gewesen. Er kokse schon seit über zehn Jahren, habe er ihr gestanden. "Niemand versteht mich, keiner ist für mich da, nur mein Dealer", soll er gesagt haben.

Kokain dämpft Hunger, hält wach, stärkt scheinbar das Selbstbewusstsein, wirkt euphorisierend. Aber es macht auch psychisch abhängig und aggressiv. Auch Andreas N. soll gewalttätig gewesen sein. Er habe sie an den Haaren gezogen, Bilderrahmen aus Glas auf ihrem Kopf zertrümmert und versucht, sie zu vergewaltigen, sagt Maya Kluge aus. Als sich N. mit Ethanol übergossen und gedroht habe, sich und die Wohnung anzuzünden, habe sie ihn verlassen.

Maya Kluge zog einen seiner Kollegen ins Vertrauen. Der informierte dessen Chef. Der Vorgesetzte schaltete den Betriebsarzt und den Suchtbeauftragten der Klinik ein. Andreas N. durfte keine Patienten mehr operieren. Er machte eine Therapie im Weserbergland. Als er nach mehreren Wochen zurückkam, bat er darum, seinen Arbeitsvertrag Mitte 2011 aufzulösen.

"Trau keinem Junkie"

Der Chirurg zog weiter nach Regensburg, wurde dort Leitender Oberarzt. Auf einem Kongress traf sein alter Chef aus Hannover den neuen Chef aus Regensburg. "Sie müssen ein Auge auf Herrn N. haben", warnte er den Kollegen, ohne das Drogenproblem anzusprechen. "Dazu hatte ich keinen Anlass", sagte er nun vor Gericht. Der Datenschutz, meinte er, hätte es ihm zudem verboten. Allerdings hätte auch er die Ärztekammer informieren können.

Von Regensburg wechselte Andreas N. 2013 nach Berlin. Dort traf er später seine alte Studienfreundin Evi Stein* wieder. Beim Oralverkehr habe sie plötzlich einen widerlichen Geschmack im Mund gehabt. "Trau keinem Junkie", habe Andreas N. nur hämisch gesagt, als sie ihn zur Rede stellte. Trotzdem traf sich die Ärztin weiter mit ihm, das letzte Mal an einem Abend im November 2015. Nach einem Glas Sekt hatte sie einen Filmriss. Am nächsten Morgen verursachte sie kurz hintereinander zwei Verkehrsunfälle. Ein Mann wurde verletzt.

In ihrem Blut wurden Kokain, Beruhigungsmittel und Alkohol nachgewiesen. Die Ärztin verlor ihren Führerschein für neun Monate und musste insgesamt 15.000 Euro Strafe, Schmerzensgeld und Schadenersatz zahlen. Evi Stein wusste, dass Andreas N. kokainabhängig war. Sie wusste, dass er als Chirurg Menschen operierte. Trotzdem erstattete sie weder Anzeige, noch ging sie zur Ärztekammer.

Unterdessen hatte N. seinen Job in Berlin verloren. Es heißt, er sei nicht zum Dienst erschienen, habe einen Patienten auf dem OP-Tisch liegen lassen, wie ein ehemaliger Kollege dem stern erzählt. Der Chirurg fand einen neuen Job in einer Klinik in Dessau, blieb aber auch dort nur wenige Monate. "Er fehlte oft, wirkte fahrig und unkonzentriert", sagt ein ehemaliger Kollege.

Im Sommer 2016 fing Doktor N. in einer Klinik in Halberstadt an. Yvonne Mey, eine auffallend schöne Frau mit langen, blonden Haaren, gehörte bald zu seinen Patientinnen. Die Friseurin litt unter einer Sehnenscheidenentzündung und konnte ihre Hand nicht mehr bewegen. Doch sie liebte ihren Job, wollte einen Salon übernehmen. Vor der Operation im Januar 2017 besuchte Andreas N. seine Patientin zu Hause, um den Eingriff mit ihr zu besprechen. Ihr Ehemann wunderte sich, wie ungeniert der Arzt seine Frau anstarrte. Bald darauf ahnte er, dass die beiden eine Affäre hatten, wollte es aber nicht wahrhaben.

"Sie war ihm verfallen."

Yvonne Mey war nicht die einzige Patientin, mit der der Doktor anbändelte. Er führte mehrere Beziehungen gleichzeitig. Sonja Pohl*, medizinische Fachangestellte, war sowohl Patientin als auch Kollegin, die beiden lernten sich in der Berliner Klinik kennen. Sie besuchte N. in seiner Wohnung, sah, so schildert sie vor Gericht, wie der Dealer den Chirurgen zu Hause mit Drogen belieferte. Im Juni 2017 trank sie eine Cola. Danach lag sie wie betäubt auf seinem Bett, während Andreas N. mit ihr schlief. Auch Sonja Pohl ging weder zur Polizei noch zur Ärztekammer.

Susann Hahn* war ebenfalls eine Patientin. Beim Oralverkehr mit N. im August 2017 hatte die Kosmetikerin einen merkwürdigen Geschmack im Mund. Kurz darauf, so sagt sie nun, konnte sie sich nicht mehr bewegen, halb weggetreten habe sie wahrgenommen, dass N. Sex mit ihr hatte.

Ende September 2017 verbrachte die Friseurin Yvonne Mey eine Nacht mit dem Arzt in einem Berliner Hotel. Danach zeigte sie einer Freundin blaue Flecke am Handgelenk. N. habe sie beim Sex gefesselt, erzählte sie. "Er war für sie ihr Christian Grey aus 'Fifty Shades of Grey'", sagte die Freundin im Gerichtssaal. "Sie war ihm verfallen." Mey erzählte ihrer Freundin auch von einer "Zaubercreme", mit der N. sie einreiben würde. Offenbar verabreichte der Arzt seiner Geliebten heimlich über Monate Kokain, wie die Staatsanwaltschaft vermutet. Yvonne Mey veränderte sich, zeigte Merkmale einer Kokainsucht. "Sie nahm ab, war launisch und sehr auf sich bezogen", erinnert sich die Freundin. "Die Haare fielen ihr büschelweise aus."

Zwei Tage nachdem er mit Yvonne Mey in Berlin gewesen war, bekam Doktor N. wieder privaten Besuch von einer ehemaligen Patientin. Petra Weiß* trank ein Glas Sekt in seiner Wohnung und schlief ein. Als sie aufwachte, hätten ihre Arme und Beine wild gezuckt wie bei einem epileptischen Anfall, sagt sie aus. Andreas N. habe auf ihr gesessen und ihr ins Gesicht geschlagen. Schemenhaft habe sie wahrgenommen, wie der Arzt sich danach eine Flüssigkeit auf seinen Penis und in ihre Vagina gerieben habe.

"Sadist"

Im Gerichtssaal wirkt Andreas N. eigentümlich unbeteiligt. Er scherzt und lacht mit seinen Anwälten, stellt medizinische Fachfragen, benimmt sich wie ein Sachverständiger, nicht wie ein Angeklagter, der eine lebenslange Gefängnisstrafe zu befürchten hat. Im Fall von Yvonne Mey hielt das Gericht zunächst, wie es in einem rechtlichen Hinweis klargestellt hat, auch eine Verurteilung wegen Mordes für möglich. Auf dem Video ist zu sehen, dass sie nicht mehr atmet. Die Richter hatten deshalb den Verdacht, dass Andreas N. zu spät mit der Herzdruckmassage begonnen hat.

Der Arzt bestritt, auch nur eine Frau vergiftet zu haben, und verweigerte ansonsten die Aussage. Die Verteidigungsstrategie seiner Anwälte ist einfach: Die Frauen seien alle Kokserinnen gewesen. Das Video stamme nicht von dem Tag, an dem Yvonne Mey das Bewusstsein verlor. Über sein Leben wollte Andreas N. dem psychiatrischen Gutachter nichts erzählen.

"Mein Sohn hatte ganz gewiss eine unauffällige Kindheit", schreibt seine Mutter dem stern. Sie hält ihren Sohn für unschuldig. Andreas N. wurde im Ruhrpott geboren. Seine Mutter war Lehrerin, der Vater, ein Österreicher, Psychologe. Kindergarten und Grundschulzeit seien normal gewesen, sagt die Mutter.

Doch dann wurde der Vater durch ein verseuchtes Blutpräparat mit HIV infiziert. Die Ehe der Eltern zerbrach. Der Vater bekam das Sorgerecht. Die Mutter glaubt, weil er mit HIV infiziert war. "Sie haben doch noch ein langes Leben vor sich", habe die Familienrichterin ihr gesagt. "Gemeint war wohl: 'Dein Mann wird bald sterben, lass ihm doch wenigstens das Kind.'"

Mit 14 zog Andreas N. zum Vater nach Österreich. Über diese Zeit hat er Freunden, mit denen der stern gesprochen hat, düstere Geschichten erzählt. Sein Vater sei ein "Sadist" gewesen. Er habe ihm aufs Marmeladenbrot gespuckt und seine Zahnbürste benutzt, offenbar, um seinem Sohn Angst vor Ansteckung einzujagen.

Penis mit Kokain eingerieben

Doktor N. vergiftete laut Gericht Frauen. Wiederholte er das Trauma seiner Jugend? Oder wollte er die Frauen einfach nur wehrlos machen, um seine Macht auszukosten? Auf seinem Handy stellte die Kripo weitere Filme von Frauen sicher, nackt, gefesselt, alle seltsam apathisch, wie weggetreten.

Zuneigung habe ihr Sohn vom Vater nur erfahren, wenn er Leistung gezeigt habe, schreibt die Mutter. "Das ist meiner Meinung nach überhaupt das Grundübel, was sehr deutlich benannt werden muss." Der Vater habe den Sohn einem regelrechten "Leistungsterror" ausgesetzt. Als der Vater starb, zog Andreas N. zurück zur Mutter, machte Abitur, studierte Medizin, wurde Arzt.

Das Brandzeichen von Sarah Edmondson.

Yvonne Mey hatte sich in ihn verliebt, sagt ihre Freundin. Doch N. versetzte sie, meldete sich nicht, rief dann wieder an, wollte sie sehen. Kurz vor ihrem Tod, als sie in seinem Schlafzimmer gefilmt wird, scheint Yvonne Mey zu begreifen, in was sie da hineingeraten ist. "Was bin ich für dich? Nichts, oder?", fragt sie ihn. "Ich dachte, ich könnte dir vertrauen." Die Stimme des Arztes ist zu hören: "Kannst du doch." Yvonne Mey widerspricht. "Nein, du gibst mir was, ohne mich zu fragen. Ich hätte sogar mitgemacht."

Elf Tage später, am 3. März 2018, übernachtet N. wieder mit einer Frau in einem Berliner Hotel – einer Ärztin, mit der er sich kurz zuvor verlobt hat. Danach, heißt es bei der Polizei, muss die Frau ein paar Tage im Krankenhaus behandelt werden – wegen einer Kokainvergiftung. Bei der Polizei sagte die Frau damals aus, Andreas N. habe seinen Penis vor dem Sex mit Kokain eingerieben. Doch dann machte sie plötzlich von ihrem Aussageverweigerungsrecht als Verlobte Gebrauch.

Hat Andreas N. nur fünf Tage nach dem Tod von Yvonne Mey eine weitere Frau mit Kokain vergiftet? Die Frage durfte vor dem Landgericht nicht gestellt werden. Die Staatsanwaltschaft hat das Verfahren in dieser Sache eingestellt. Die Verlobte, die Kronzeugin der Anklage hätte werden können, durfte nicht vernommen werden.

Sie will Andreas N. heiraten, zur Not im Gefängnis.

*Name von der Redaktion geändert.

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