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Kommentar: Die unendliche Maddie-Geschichte

Wochenlang habe ich den Eltern McCann die Daumen gedrückt, habe gehofft, dass die kleine Maddie gefunden wird. Und war gleichzeitig unangenehm berührt über ihren PR-Feldzug. Und jetzt das: Die Eltern gelten als Verdächtige. Ich will ihnen ja glauben - aber ich bin verwirrt. Und wütend.

Von Laura Fariello

Langsam halte ich es nicht mehr aus. Ich fühle mich verwirrt und manipuliert. Kurz nach dem Verschwinden von Maddie McCann hatte ich eine klare Vorstellung, was diesem armen, kleinen Mädchen zugestoßen ist: Sie wurde entführt. Doch nun tauchen all diese schrecklichen Gerüchte auf. Waren die Eltern beteiligt? Offen gestanden: Ich habe keine Ahnung was ich denken soll.

Ich fieberte mit

Während der letzten Monate begrüßte mich jedes Mal ein Foto von Maddie bei meiner Ankunft am Londoner Flughafen. Sie war für mich so präsent, dass ich mich immer wieder fragte: Wo ist dieses arme Mädchen? Ich fieberte den abendlichen Nachrichten regelrecht entgegen und hoffte auf einen guten Ausgang. Ich trug mich sogar online in die "Find Madeleine"-Supporterliste ein.

In den ersten Tagen nach dem Verschwinden der kleinen Madeleine war ich entsetzt. Immer wieder versetzte ich mich in die Lage dieser verzweifelten Eltern: Eine junge, glückliche Familie, die in den Sommerurlaub gefahren war, um zwei Wochen zu entspannen. Und nun so was. Mich schauderte bei dem Gedanken, Maddie könne tot sein. Was war passiert? Wer nahm Maddie mit und ließ ihre Geschwister im Zimmer? Waren es - schrecklicher Gedanke - sogar Kinderschänder? Sogar die Regenbogenpresse las ich in der Hoffnung, endlich eine Antwort auf diese Fragen zu finden. Und jetzt das!

Opfer oder Täter?

Sind die McCanns kaltblütige Kindsmörder, die es geschafft haben, sämtliche westeuropäischen Polizeikräfte, den Papst und jeden einzelnen von uns in ihren perfiden Betrug einzubinden? Oder sind es ganz normale liebevolle Eltern, die einem üblen Verbrechen zum Opfer gefallen sind? Deren Schmerz jetzt auch noch durch ein übles Spiel der portugiesischen Polizei tausendfach verstärkt wird, bloß weil die mit ihren Recherchen nicht weiterkommen und einen Schuldigen brauchen?

Natürlich gilt die Unschuldsvermutung auch für Kate McCann, aber meinem Gefühl ist das egal. Mein Gefühl will Sicherheit, will Fakten, will Beweise. Doch die habe ich nicht. Und ich bin irritiert, denn in den letzten Tagen ist zu viel passiert.

Zu viele offene Fragen

Warum haben die Eltern die Antworten auf so viele Fragen verweigert? Wie kamen die vielen Haare und die nachgewiesenen Körperflüssigkeiten Wochen nach dem Verschwinden in den Leihwagen? Und was hat es mit der beschädigten Bibelseite, in der von einem sterbenden Kind gesprochen wird auf sich? Portugiesische Zeitungen berichten bereits aus dem konfiszierten Tagebuch von Kate McCann. Darin soll die Mutter geklagt haben, dass sie gestresst sei und die drei Kinder ihr die Energie raubten - vor allem Madeleine, die äußerst aktiv sei. Für den 3. Mai, den Tag, als Madeleine verschwand, gibt es komischerweise keinen Eintrag.

Mit jeder weiteren Nachricht, mit jedem weiteren "angeblich", scheinen wir die Unschuldsvermutung zu vergessen. Ich eingeschlossen. Mit wachsender Selbstverständlichkeit ackere ich mich immer tiefer in diesen mysteriösen Fall. Aber warum? Warum beschäftigt mich dieser Fall, im Gegensatz zu anderen Entführungsfällen so sehr?

Ich will, dass es vorbei ist

Dafür gibt es zwei Antworten. Die erste: Ich sehne mich nach einem Ende dieses Spektakels. Es war das bemitleidenswerteste Event dieses genauso miesen Sommers. Irgendwie sehne ich mich nach der letzten Szene - auch wenn der endgültige Ausgang den gruseligsten Blockbuster-Mörder-Thriller übertreffen könnte. Die zweite: Ich fühle mich betrogen. Unendlich betrogen.

Ich weiß jetzt erst recht nicht, was ich denken soll. Aber mein ungutes Gefühl im Magen lässt mich noch immer nicht los.

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