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Konstanz: "Herausragender Erpressungsfall" mit vergifteten Lebensmitteln - Polizei sucht diesen Mann

Vergiftete Babynahrung und eine Millionenforderung - die Polizei berichtet von einem "herausragenden Erpressungsfall" in Konstanz. Sie sucht jetzt mit Bildern nach dem Verdächtigen und richtet Warnungen an Verbraucher.

Wie ernst der Fall ist, war den Beamten anzusehen und sie machten es auch gleich zu Beginn der Pressekonferenz im Polizeipräsidium Konstanz deutlich. "Eine schwere Straftat von außergewöhnlicher Bedeutung", nennt Staatsanwalt Alexander Boger die Erpressung, man habe es mit einem "skrupellosen Täter" zu tun, sagt Polizei-Vizepräsident Uwe Stürmer.

Der Erpressungsfall beginnt mit einer E-Mail, die abends am 16. September, einem Samstag, bei mehreren Handelskonzernen, Verbraucherschutzorganisationen und bei der Polizei eingeht, darin: eine Warnung, eine Drohung, eine Forderung.

Man habe fünf Gläser mit vergifteten Babybrei in mehreren bestimmten Geschäften in Friedrichshafen am Bodensee abgestellt, schreiben der oder die Täter, und man werde wieder präparierte Lebensmittel in Umlauf bringen - national wie international - und nicht mehr warnen, sollte nicht ein "niedriger zweistelliger Millionenbetrag" gezahlt werden, so Staatsanwalt Boger.

"Erpresser nimmt sogar den Tod in Kauf"

Nach Eingang der E-Mail eilen Polizisten sofort zu den betroffenen Läden, räumen die Regale leer, bringen die Gläser ins Labor. Schnell stellen die Chemiker fest: In der Babynahrung ist ein Ethylenglycol enthalten. Ein süßiches Gift, das auch im Weinpanschskandal in den 1980er-Jahren eine wesentliche Rolle spielte und bei Erwachsenen nach der Aufnahme von 100 Millilitern "hochproblematisch" sein kann, wie Petra Mock vom baden-württembergischen Verbraucherschutzministerium warnt. Kleinkindern gefährdet es schon bei deutlich geringeren Mengen.

Für die Polizei steht fest: "Der oder die Täter nehmen erhebliche Gesundheitsgefahren und sogar den Tod von Menschen billigend in Kauf." Sie gründet eine Sonderkommission, über 200 Beamte gehören ihr an, dazu Chemiker, Labormitarbeiter, Profiler. Die Soko nimmt Kontakt mit dem LKA und BKA auf, die Ermittlungen werden jetzt bundesweit koordiniert. Der Erpressungsfall sei "herausragend", sagt Polizei-Vize Stürmer. Experten erstellen ein Persönlichkeitsprofil des Erpressers, Beamte sichten die Aufnahmen aus den Videokameras in den Friedrichshafener Geschäften und haben einen Treffer. Sie sehen den Mann, der mit hoher Wahrscheinlichkeit die Gläser in die Läden gebracht hat.

Erpressung: Beschreibung und Fotos des Verdächtigen

Uwe Stürmer beschreibt den Verdächtigen: etwa 50 Jahre alt, nicht auffällig klein oder groß, normale Figur, sportlicher Gang, schmales Gesicht. Er trägt auf den Bildern eine Brille - vielleicht zur Tarnung - eine weiß-graue Mütze, eine graue Hose, Handschuhe und schwarze Sportschuhe mit auffällig weißem Sohlenrand. Die Ermittlungen konzentrieren sich fortan auf diese Person, die Beamten kommen jedoch nicht voran. "Wir sind auf Hinweise der Bevölkerung angewiesen", sagt die Staatsanwaltschaft. Sie bekommt grünes Licht für die Öffentlichkeitsfahndung.

Mit diesen Bildern suchte die Polizei Konstanz nach der Erpressung nach dem Verdächtigen

Mit diesen Bildern suchte die Polizei Konstanz nach der Erpressung nach dem Verdächtigen


+++ Ein Video des Verdächtigen finden Sie auf der Internetseite des Landeskriminalamtes Baden-Württemberg. +++

Im Polizeipräsidium Konstanz wird ein Hinweistelefon unter (07531) 995 34 34 eingerichtet, die Beamten sind 24 Stunden am Tag erreichbar.

Wird der Täter jetzt nervös? Das wissen die Ermittler nicht, Stürmer sagt, es bestehe kein Grund zur Panik, die Polizei habe "alle erforderlichen Maßnahmen getroffen, um eine Gefährdung abzuwenden".

Man gehe von einer "Planungstreue" des Verdächtigen aus, dies macht ihn ein Stück weit verlässlich. Er habe schon die Anleitung zur Geldübergabe in die E-Mail geschrieben, der Plan dürfte jetzt durchkreuzt sein.

Warnung an die Bevölkerung

Vorsorglich informiert die Polizei Krankenhäuser und klärt sie über mögliche Vergiftungssymptome auf, das Verbraucherschutzministerium warnt die Bevölkerung in ganz Deutschland: Im Supermarkt auf manipulierte Verpackungen und beim Öffnen eines Glases auf das Knacken achten, ist die Maßgabe. Bei Auffälligkeiten: sofort die Marktleitung informieren. Der oder die Täter würden nicht nur damit drohen, Babynahrung zu vergiften, bis zu 20 weiteren Lebensmittel wurden genannt, Läden im In- und Ausland. Das Ministerium hat seine Laborkapazitäten hochgefahren, man werde die "Kontrollen intensivieren".

Dass die Vorkehrungen unnötig sein werden, ist nach der Veröffentlichung der Fahndungsbilder jetzt die Hoffnung, auch bei den Beamten. Wer den Verdächtigen kennt, wird ihn identifizieren können. Gut möglich also, dass sie in Kürze wieder eine Pressekonferenz im Polizeipräsidium abhalten - dann allerdings mit erleichterten Gesichtern.