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Krawalle nach Jury-Entscheid: Schüsse, Chaos, Tränengas - stern-Reporter berichtet aus Ferguson

Ferguson brennt. Nach dem "Freispruch" für den Polizisten, der den 18-jährigen Michael Brown erschoss, entladen sich Wut und Frust. Woher kommt der Hass? Die Menschen haben nichts mehr zu verlieren.

Von Norbert Höfler, Ferguson

Es dauerte nur ein paar Sekunden. Ein paar Schrecksekunden. Dann brach die Gewalt los. An vielen Orten in der Stadt hatten sich Demonstranten versammelt. Vor dem Polizeigebäude in Ferguson etwa standen einige Hundert. Sie warteten auf die Entscheidung der Großen Jury. Das Gremium sollte darüber richten, ob der Polizist Darren Wilson angeklagt wird, der am 9. August am helllichten Tag und auf offener Straße den 18-jährigen Michael Brown erschossen hatte.

Seit mehr als 100 Tagen zitterte die Kleinstadt Ferguson dem Spruch entgegen. "Keine Anklage!", hieß es nun am Montag - "keine Anklage?". Die Nachricht machte blitzartig die Runde. Dann lösten sich kleine Gruppen aus dem Pulk der Demonstranten. Sie zogen Gasmasken über, und schon kurze Zeit später brannten Autos, Schaufensterscheiben klirrten. Die Polizei schoss Tränengasgranaten, die Protestierenden feuerten Leuchtkörper zurück. Und riefen: "Keine Gerechtigkeit! - Kein Frieden!" oder "Wir beenden diese Scheiße!"

Plünderer verschonen niemanden

Kleine Geschäfte wurden geplündert, eine Filiale des Drogeriekonzerns Wallgreens angezündet. Auf einmal brannte es an vielen Orten in der Stadt. Schüsse waren zu hören. Die Stadt lag jetzt unter einer Wolke von Tränengas. Die friedlichen Demonstranten brüllten sich vor der Polizeiwache ihre Wut aus dem Leib.

Dann machte eine neue Nachricht die Runde: "West-Florissant steht in Flammen." Das ist der Stadtteil, in dem Michael Brown gelebt hat. Hier machte der Hass nicht einmal vor den kleinen Läden halt, die afroamerikanischen Familien gehören. Sie hatten im Vorfeld der Entscheidung inständig darum gebeten, ihre Geschäfte zu verschonen. Die Plünderer, meist junge schwarze Männer und Frauen, kümmerte das nicht.

Der Kosmetikladen, der Pizzaladen, der Gebrauchtwagenhandel - mehr als ein Dutzend Geschäfte standen in Flammen. Die Feuerwehr war überfordert, die Läden brannten komplett aus. Explosionen waren zu hören. Die Polizei patrouillierte in Panzerwagen. Auch der Getränke- und Tabakladen, in dem Michael Brown kurz vor seinem Tod eine Handvoll Zigarren geklaut hatte, wurde ausgeräumt und angezündet.

Sie haben nichts zu verlieren

Hunderte machten mit. Nach dem Grund gefragt sagen sie: "Wir haben doch nichts zu verlieren." Sie haben sich beim Plündern nicht einmal maskiert. "Ist doch egal!"

Woher rührt diese Wut und Verzweiflung?

Zwei Stunden bevor die Zerstörungsarie in Ferguson losbrach, gab es am Canfield Drive, dort wo Michael Brown erschossen wurde, diese Szene. Vielleicht gibt sie einen Teil der Antwort.

Am Tatort, mitten auf der Straße, liegen Dutzende Teddybären aufgeschichtet. Um dieses Mahnmal für Michael Brown ging fast eine Stunde lang ein junger Mann herum, auf seinem Shirt steht: "Ich bin Michael Brown". Er hob die Hand zur Black-Panther-Faust und rief:

"Ich bin schwarz, ihr könnt mich abknallen!"

"Es ist cool, uns zu killen!"

Die Weißen kontrollieren uns!"

Am Straßenrand steht Tiffany Smtih, 23. Sie arbeitet als Hilfskraft in einem Kindergarten. Sie ruft ihm zu:

"Yeah, sie (die Weißen) sind immer unfair."

"Yeah, sie nutzen uns aus."

"Yeah, es ist cool, schwarz zu sein."

Tiffany war am 9. August zu Hause. Sie hörte die Schüsse. Sie sah, den toten Michael Brown viereinhalb Stunden auf der Straße liegen. Sie weint. Dann hebt sie ihre Arme und ruft in die Nacht:

"Hände hoch!"

Und der Mann mit der Black-Panther-Faust antwortet: "Nicht schießen!"

Das ist ihr Rap. So klingt Verzweiflung, Frust und unglaubliche Wut.

Die positive Nachricht der schrecklichen Nacht: Es gab keine Toten. Die Polizei hat nicht einen Schuss abgefeuert.