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Rätselhafter Mord: Die Spur der Buchstaben

Der sogenannte Kreuzworträtselfall Anfang der 1980er-Jahre war eines der denkwürdigsten Verbrechen in der DDR. Die aufwändige Jagd nach dem Mörder ging in die Kriminalgeschichte ein.

Von Werner Mathes

Ausgefüllte Kreuzworträtsel wie dieses aus dem Koffer mit der Kinderleiche wiesen die Spur zum jungen Mörder

Ausgefüllte Kreuzworträtsel wie dieses aus dem Koffer mit der Kinderleiche wiesen die Spur zum jungen Mörder

Die Leiche des Jungen war von einem Streckenwärter der Deutschen Reichsbahn am 28. Januar 1981 nahe der sächsischen Stadt Schkeuditz entdeckt worden - in einem braunen Koffer, in dem sich neben der Kleidung des Opfers auch mehrere Zeitungen und Zeitschriften als Füllmaterial befanden. Der siebenjährige Lars Bense, 13 Tage zuvor in Halle-Neustadt als vermisst gemeldet, war missbraucht, erschlagen und dann im Koffer aus einem Zug geworfen worden.

Brauner Koffer, in dem die Leiche des  7-jährigen Lars Bense gefunden wurde

In diesem Koffer wurde die Leiche des 7-jährigen Lars Bense gefunden.


Weil es nicht viele Spuren gab, konzentrierten sich die Ermittler der Hallenser Morduntersuchungskommission (MUK) auf ausgefüllte Kreuzworträtsel in den Zeitungen aus dem Koffer - sechs waren vollständig gelöst, andere nur teilweise. Der damalige MUK-Chef Siegfried Schwarz, heute 80, war überzeugt: "Wer den Menschen findet, der hier gerätselt hat, wird auch den Täter finden." Und die Chancen dafür standen nicht schlecht. Denn einige der Großbuchstaben, mit denen die Rätsel ausgefüllt waren, wiesen markante Merkmale auf: sogenannte Schreibunterbrechungen.

Der Mörder musste aus Halle-Neustadt stammen

Eine Gruppe von Schriftenfahndern aus der Volkspolizei und dem Ministerium für Staatssicherheit machte sich an die Arbeit, zeitweise wurde sie von weiteren Fachleuten unterstützt. Wegen der Auswahl der Zeitungen und Zeitschriften waren die Ermittler sich einig, dass der "Schriftverursacher" aus Halle-Neustadt stammen musste. Mithilfe von Kopien und grafischen Tabellen verglichen sie die auffälligen Versalien aus den Rätseln mit Handschriften, die aus allen möglichen Quellen auf ihren Tischen landeten: aus Kaderakten, Kfz-Anmeldungen, Behördenanträgen und Rätseln aus gesammeltem Altpapier.

Ausschnitt eines Kreuzworträtsels, das zur Aufklärung des Falls beitrug

Buchstaben wie das A, das E oder das M wiesen sogenannte Schreib­unterbrechungen auf, das Z war immer mit einem Querstrich versehen - auf solche Merkmale wurden mehr als eine halbe Million Schriftproben überprüft.


Außerdem wurden den Bewohnern von Halle-Neustadt persönliche "Schreibleistungen" abverlangt. Und die Bezirksausgabe der Tageszeitung "Freiheit" druckte ein Preisrätsel, an dem sich mehr als 10.000 Bürger beteiligten - die damit unwissentlich weitere Proben abgaben.

Abgleichung von 551.198 Schriften

Alles in allem mussten die Ermittler 551.198 Schriften mit den Rätseln aus dem Koffer abgleichen. Das dauerte fast zehn Monate und war damit die wohl aufwendigste Fahndungsaktion dieser Art in der Kriminalgeschichte.

Am 4. November 1981 schließlich wurde noch die Probe einer Bürgerin eingeholt, die an der Ostsee als Saisonkraft arbeitete und ihre Wohnung der Tochter überlassen hatte. Endlich hatten die Ermittler den ersehnten Treffer: Die Handschrift der Serviererin war zweifellos identisch mit der in den Kreuzworträtseln aus ihrem Koffer.

Nach der Vernehmung der Frau und ihrer Tochter wurde deren 19-jähriger Freund Matthias S. festgenommen. Er gestand die Tat und wurde später zu lebenslanger Haft verurteilt.

Cover vom stern crime Nummer 2


Dieser Text erschien zuerst in stern crime Nummer 2.

Das Heft ist seit dem 8. August am Kiosk erhältlich.